Erzählendes für Erwachsene

Maksik, Alexander: Die Gestrandete. Roman. Dt. von Werner Löcher-Lawrence. München: Droemer 2016. 286 S. ; 21 cm. Aus d. Amerikan. ISBN 978-3-426-19974-9, geb.: 19,99 €

Nach der  Flucht vor dem Terror in Liberia strandet Jacqueline auf der griechischen Insel Santorin. 

Der 23jährigen Jacqueline ist nach ihrer Flucht nichts geblieben. Aber sie will überleben. Der personale Erzählstil gibt dem Leser Einblicke in ihre Wahrnehmung und Gedankenwelt. Er wird Zeuge des inneren Gespräches mit der Mutter, die sie warnt und ihr Mut macht. In Jacquelines Erinnerungen tauchen bruchstückhaft einzelne Situationen aus der Vergangenheit auf und wie in einem Puzzle wird ihre Vorgeschichte deutlicher. Der Erzählrhythmus ist langsam. Der Augenblick, die Eindrücke der Natur, die Suche nach Essen, nach einem Versteck, die Einsamkeit stehen im Focus. Wie Robinson sucht sie mit einfachsten Mitteln in der Fremde ihr Überleben zu sichern und ihre Würde zu wahren. Eine junge Kellnerin sieht ihre Bedürftigkeit, Jacqueline kann die ausgestreckte Hand annehmen. Ihr erzählt sie von dem grauenvollen Tod ihrer Familie in Monrovia. Ein Blick in den Abgrund. Die Schilderung des traumatisierenden Erlebnisses ist vielleicht ein kleiner Schritt in das Leben, der Schluss bleibt offen.     

Ein berührendes, humanes Buch zum Thema Flucht und dem, was folgt. Besonders für Gesprächskreise, die sich tiefer gehend damit auseinandersetzen wollen.

Signatur: SL
Schlagworte: Flucht|Würde|Menschlichkeit|Terror
Bewertung: +++
Rez.: Ursula Führer

 

Delijani, Sahar: Kinder des Jacarandabaums. Roman. Dt. von Juliane Gräbner-Müller. München: Droemer 2014. 316 S. ; 21 cm. Aus d. Amerikan. ISBN 978-3-426-19973-2, geb.: 19,99 €

Eine Geschichte einer Lebenswirklichkeit im Iran, die von Angst, Verlust, Schmerz und Trauer geprägt ist, aber auch Liebe, Vertrauen, Mut und Hoffnung.

Neda wird Anfang der 1988er Jahre im berüchtigten EVIN - Gefängnis in Teheran geboren. In dieser Geschichte rollt sie als Erwachsene das Schicksal der Eltern auf, die wegen politischer Aktivitäten im Widerstand, inhaftiert wurden. Neda kommt mit Cousine Sheida und  Cousin Omnid zu den gemeinsamen Großeltern, die sie geliebt, behütet und umsorgt unter dem "Jacarandabaum" aufwachsen lassen und die den Enkeln, trotz traumatischer Erfahrungen des Elternverlustes, eine gewisse Leichtigkeit bewahren wollen. Es gelingt nur teilweise, da latent der "Abriss" von den wichtigsten Bezugspersonen permanent spürbar ist. Sahar Delijani zeichnet ein detailliertes Bild innerpolitischer Konflikte des Irans und der daraus resultierenden Dramatik der Betroffenen, die oft nur die "Landesflucht"  oder Auswanderung als Ausweg sehen. Sie gibt zudem Einblick in Foltermethoden, die Ohnmacht der Opfer und die Gewalt der "Ausübenden", praktiziert mit unmenschlicher Brutalität. -  Ein Roman mit aktueller Brisanz, der die Gründe wie Verfolgung, Terror und Folter aufzeigt, die die Betroffenen zwingen, die vertraute Heimat zu verlassen, sich einer ungewissen Zukunft zu stellen, die mit psychisch-physischen Verletzungen leben müssen in der Hoffnung, befreiende, neue Wege zu finden.

Bestens geeignet zur Diskussion. Mit einem hohen "Verständnis-Stellenwert" und der dazu notwendigen Transparenz.

Signatur: SL
Schlagworte: Iran|Familie|Verfolgung|Flucht
Bewertung: +++
Rez.: Brigitta Morgenstern

 

Faryar, Massum: Buskaschi. oder Der Teppich meiner Mutter. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015. 653 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-462-04674-8, geb.: 22,99 €

Der aus Afghanistan geflohene Schaer kehrt 2008 noch einmal zurück, um seine alternde Mutter von Vergangenem erzählen zu hören.

Beim Einmarsch russischer Soldaten musste Schaer (der Name bedeutet in Dari „Dichter“) aus seiner Heimat Afghanistan fliehen. Nach Jahren im Exil kehrt er 2008 zurück, um seine demente Mutter zu sehen und ihr zuzuhören, wenn sie über die Vergangenheit spricht. Es eröffnet sich eine facettenreiche Geschichte. Erinnerungsstütze ist ein edler Teppich. In seinem Zentrum sieht man den traditionellen afghanischen Reiterwettkampf („Buskaschi“). Die Erinnerungen überspannen Jahrzehnte und schildern nicht nur das Schicksal von Schaers Familie, sondern geben einen tiefen Einblick in das von Machtkämpfen und Gier geschundene Afghanistan. Man merkt sofort, dass der Autor mit Herzblut schreibt. Die leichte Wehmut, mit der er seinen Protagonisten begleitet, ist genauso spürbar wie die Lebensfreude, die trotz Blut, Schweiß und Tränen, in Schaer und den Seinen steckt. Besonders die detaillierten, oft recht blumigen Beschreibungen freuen die, welche eine orientalisch-angehauchte Erzählkunst zu schätzen wissen.

Dieser umfangreiche Debüt-Roman ist ein kleines Juwel. Er spricht all jene an, die gerne opulente Familiengeschichten lesen und dabei viel über Afghanistan erfahren wollen. 

Signatur: SL
Schlagworte: Afghanistan|Familiensaga|Erinnerung
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

 

Khider, Abbas: Der falsche Inder. Roman. München: btb 2013. 156 S. ; 19 cm. ISBN 978-3-442-74460-2, kt.: 8,99 €

Ein Iraker, indisch aussehend, erzählt aus 35 Jahren: Kriege, jahrelange Flucht und Bedeutung von Lesen- und Schreibendürfen.

Der Roman ist im Bagdad zur Zeit Saddams angesiedelt. Jedes der acht Kapitel bildet eine Einheit der Lebensgeschichte. Etwa das der Wunder, die er dankbar sieht: Die Literaturwelt, die er durch den Schwager kennenlernt, die Irak-Flucht dank falscher Papiere, familienfinanziert trotz Armut, der geplatzte Gefängnistransport-Reifen, der vor Hinrichtung bewahrt, die Hure, die zum Pass in die Türkei verhilft. Kriege, Militär-Willkür, lyrische Schreibwut als „Lunge des Lebens“ auf geklautem Dattel-Einwickelpapier beim Anblick schöner Frauen, Flucht über Jahre durch viele Länder um Europa zu erreichen und 2001 in München zu landen – das Buch ist und beinhaltet Leben, und vor allem literarische Qualität. Realistisch grausam präzise und zugleich poetisch die Erzählweise und Sprache. Heiteres wie anatomischen Betrachtungen weiblicher Hintern wechselt mit erlebtem Schrecken. Er beschreibt Menschen jeglichen Typs: Obrigkeit, Frauen, Schlepper, Mitflüchtende und Freunde.

Literarisch hervorragend ohne Mitleidseffekt. Selbstachtung und Würde des Erzählenden sind unabhängig vom Flüchtlingsdasein. Dies gibt er dem Leser mit. Sehr empfohlen, auch für Gruppen.

Signatur: SL
Schlagworte: Irak|Flucht|Lebensgeschichte|Schreiben
Bewertung: +++
Rez.: Delia Ehrenheim-Schmidt

 

Jarawan, Pierre: Am Ende bleiben die Zedern. Gekürzte Lesung. Gelesen von Timo Weisschnur. Hamburg: Osterwold Audio 2016. 8 CDs ; 586 Min. ISBN 978-3-86952-311-8, : 22,00 €

Poetry-Slammer Pierre Jarawan erzählt eine ergreifende Familiengeschichte. In der die Sehnsucht nach Heimat zum Thema wird.

Pierre Jarawan wurde 1985, als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Jordanien, geboren, nachdem seine Eltern aus dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen waren. Im Alter von drei Jahren kam er nach Deutschland. - Der Protagonist dieser Geschichte lernt die Heimat seiner Eltern nur aus den Geschichten kennen, die sein Vater für ihn erfindet. Als Samir acht ist, verschwindet der Vater. Den Verlust verkraftet der Junge nicht. Er stellt sich seinem Leben nicht, bis er mit 20 Jahren in den Libanon reist, um seinen Vater zu finden. Gefesselt von der pulsierenden Stadt Beirut und den Zedern als Wahrzeichen des Libanon geht er auf die Suche nach seinen Wurzeln. Findet er wieder zurück ins Leben? Timo Weisschnur liest die ergreifende Geschichte in höchstem Maße einfühlsam und lässt den HörerInnen viel Raum für eigene Fantasien. Und trotz der ungewöhnlichen Länge von acht CDs ergibt sich keinen Moment lang Langeweile. Stets bleibt man gespannt auf die nächste Wendung. Wie nebenbei erfahren die ZuhörerInnen in Jarawans Debüt-Roman unglaublich viel über eine ferne Kultur. Das macht Lust, noch mehr davon kennenzulernen.

Wer Reisen in außergewöhnliche Länder liebt, sollte sich Zeit für dieses Hörbuch nehmen. Dazu zeichnet der Autor eine unglaublich spannende Familiengeschichte und gönnt den ZuhörerInnen eine Auszeit vom Alltag.

Signatur: SL
Schlagworte: Libanon|Familie|Lebensmut|Selbstfindung
Bewertung: +++
Rez.: Ute Lawrenz

 

Schami, Rafik: Sophia. Oder Der Anfang aller Geschichten. Roman. München: Hanser 2015. 475 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-446-24941-7, geb.: 24,90 €

Kriminalgeschichte in Damaskus während des Arabischen Frühlings.


Vierzig Jahre, zwei Monate und siebzehn Tage nach seiner Flucht aus Syrien beschließt der frühere Widerstandskämpfer Salman Baladi nach Bekanntgabe einer Generalamnestie, in sein geliebtes Heimatland zu reisen. Doch durch den Verrat eines Cousins gerät er in die Fänge des Geheimdienstes und ihm drohen Gewalt und die Hinrichtung. Viele Jahre zuvor war seine Mutter Sophia sehr in Karim verliebt, heiratete zwar einen anderen, rettete jedoch Karim das Leben, als dieser unschuldig unter Mordverdacht geriet. Nun erinnert sie sich an ein Versprechen, das Karim ihr damals gab und versucht mit seiner Hilfe den bedrängten Sohn zu retten. Blumig, poetisch, in seinem unverwechselbaren orientalischen Sprachstil lässt Rafik Schami seinen Roman idyllisch beginnen, doch bald wird die Geschichte immer rasanter und entwickelt sich zu einem spannenden, hochaktuellen Spionagethriller, in dem aber auch die Liebe und die Kraft der Gefühle nicht zu kurz kommen.

Sehr empfehlenswerter Roman mit Blick auf die syrische Mentalität, die neueste Geschichte Syriens und dabei spannende und gefühlvolle Unterhaltung. Für jede Bücherei ein Gewinn.

Signatur: SL
Schlagworte: Arabischer Frühling|Damaskus|Liebe
Bewertung: +++
Rez.: Stefanie Drüsedau

 

Tremblay, Larry: Der Name meines Bruders. Roman. Dt. von Angela Sanmann. München: Beck 2015. 176 S. ; 19 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-406-68341-1, geb.: 17,95 €

Die neunjährigen Zwillinge Amed und Aziz werden getrennt, als einer in den Märtyrertod geschickt wird.

Die Zwillingsbrüder Amed und Aziz wachsen am Rande der Wüste in einem ungenannten Land des Nahen Ostens auf; die Großeltern haben in harter Arbeit einen Orangenhain (so der Originaltitel) geschaffen. Doch der relative Frieden wird gestört, als eine feindliche Bombe das Haus der Großeltern mitsamt Einwohnern zerstört. Der Vater der Kinder wird aufgefordert, Rache zu üben, indem er einen seiner beiden Söhne als Selbstmordattentäter zu den Feinden schickt. Die Wahl, welcher Bruder überleben darf, ist herzzerreißend. Die Mutter verzweifelt am Hass der Männer in ihrem Land. Später erfährt der Überlebende, dass sie von ihren eigenen Leuten manipuliert wurden und der Bruder keineswegs einen Märtyrertod gestorben ist. Aus der Sicht des überlebenden Bruders erzählt der Autor mit großer Sensibilität und in poetischer Sprache seine Geschichte vom Missbrauch von Vertrauen. Die Mechanismen von Terror und Gegenterror werden offengelegt.

Ein erschütternder Antikriegsroman, der in keiner Bücherei fehlen sollte.

Signatur: SL
Schlagworte: Flüchtlinge|Selbstmordattentäter|Terrorismus|Naher Osten
Bewertung: +++
Rez.:
Ileana Beckmann

 

Bolt, Britta: Das Büro der einsamen Toten. Der erste Fall für Pieter Posthumus. Roman. Dt. von Kathleen Mallett u. Heike Schlatterer. Hamburg: Hoffmann & Campe 2015. 381 S. ; 21 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-455-40528-6, geb.: 20,00 €

Der überraschende Tod eines jungen Marokkaners in einer Amsterdamer Gracht führt auf die Spur erstaunlicher Verbrechen.

Posthumus, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der sich um anonyme, einsame Verstorbene kümmert, gerät mitten hinein in marokkanische Familienfehden. Die Leserschaft wird dabei durch die Autorin Britta Bolt sachkundig und korrekt mit den Straßen der niederländischen Großstadt vertraut gemacht, nimmt teil an den sehr gegensätzlichen Auffassungen religiösen Miteinanders und erlebt westliche wie östliche Gemeinheiten. Es gelingt der Verfasserin ausgesprochen gut, sich mit den Mentalitäten, Sehnsüchten und Wünschen ihrer zahlreichen Romanfiguren auseinander zu setzen. Es lohnt sich, dieses Buch genau zu lesen, macht es doch die in Holland verbreiteten Ausländerprobleme auf eine sehr diffizile Weise deutlich und gibt Deutungsmöglichkeiten für andere Orte dieser Welt. Nicht zuletzt die persönlichen Situationen der handelnden Personen werden wie selbstverständlich mit einbezogen. Die Hauptperson Posthumus deutet dieses in der Namensnennung an und der schöne Krimi geht ja eigentlich nicht zu Ende und lässt Fortsetzungen erwarten.

Ein sehr eindrucksvolles, gut zu lesendes Buch, das sich in unseren Büchereien finden lassen sollte.

Signatur: SL
Schlagworte: Amsterdam|Religionen|Glaubensprobleme|Flüchtlinge
Bewertung: +++
Rez.: Kurt Triebel

 

Catozzella, Giuseppe: Sag nicht, dass du Angst hast. Roman nach einer wahren Geschichte.Dt. von Myriam Alfano. München: Knaus 2014. 251 S. ; 22 cm. Aus d. Ital. ISBN 978-3-8135-0651-8, kt.: 14,99 €

Samia, Sportlerin aus Somalia, flieht vor dem muslimischen Terror in ihrer Heimat.

Für Samia gibt es seit ihrem 8. Lebensjahr nur ein Ziel: Sie will als Läuferin einmal Erfolg haben, vielleicht sogar bei den Olympischen Spielen dabei sein. Dafür trainiert sie verbissen, unterstützt vom Vater, gepusht von ihrem besten Freund, dem Nachbarsjungen. Das Leben der Familie ist nicht leicht, zumal erst der Bürgerkrieg im Land immer mehr das Familienleben erreicht. Die Jungen werden von den Milizen angeworben und unter Drogen begehen sie schreckliche Verbrechen. Dann schränken muslimische Terroristen den Alltag rigoros ein. Samia muss in der Burka trainieren, trotzdem schafft sie es 2008 nach Peking. Doch ihr Ziel ist London. Nachdem sie zu Hause alle wichtigen Bezugspersonen verlor, tritt sie die grauenhafte Flucht an, Schleppern gnadenlos ausgeliefert. Kurz vor Lampedusa ertrinkt sie. Einfach und klar geschrieben, dadurch besonders packend, eindringlich und erschütternd.                             

Catozzella gibt den zahllosen anonymen Flüchtlingen aus Afrika ein Gesicht. Auch für Jugendliche (ab 13 J.) geeignet.

Signatur: SL|Ju 3
Schlagworte: Flucht|Somalia|Terrorismus|Islam
Bewertung: +++
Rez.: Ulrike Müller-Hückstädt

 

Cleave, Chris: Little Bee. Gekürzte Lesung. Gelesen von Britta Steffenhagen und Sarah Alles. Hamburg: Der Audio Verl. 2011. 5 CDs ; 375 Min. ISBN 978-3-86231-068-5, : 22,99 €

Ein nigerianisches Flüchtlingsmädchen versucht in England einen Neuanfang.

Little Bee ist 16 Jahre alt, als sie nach zwei Jahren Abschiebegefängnis in der Nähe von London unverhofft in die Freiheit entlassen wird - jedoch ohne Papiere und Geld. Sie war aus ihrer Heimat Nigeria geflohen, nachdem ihr Dorf zerstört, die Menschen niedergemetzelt und ihre Familie umgebracht worden war. Die einzigen Menschen, die sie in England kennt, sind Sarah und Andrew O´Rourke, mit denen sie ein verhängnisvoller Tag am Strand in Nigeria verbindet. Da sie sich nicht anders helfen kann, ruft sie bei dem Journalistenehepaar in Kingston an. Dieser Anruf hat Folgen: Andrew bringt sich um und am Tag der Beerdigung steht Little Bee vor Sarahs Tür. Die dramatische Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven von Little Bee und Sarah geschildert, zwei Frauen, die gegensätzlicher nicht sein könnten und deren verschiedene Welten aufeinander prallen. Die einfühlsame Lesung von Sarah Alles und Britta Steffenhagen lässt die Hörer an der Entwicklung und Wandlung der beiden ungleichen Frauen direkt teilhaben.

Eine intensive, packende und schockierende Geschichte über Schuld und Grausamkeiten, aber auch Humanität und Hoffnung.

Signatur: SL|Ju 3
Schlagworte: Afrika|Flucht|Asyl|Migration
Bewertung: +++
Rez.: Stefanie Drüsedau

 

Coulin, Delphine: Samba für Frankreich. Roman. Dt. von Waltraud Schwarze. Berlin: Aufbau 2014. 268 S. ; 22 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-351-03593-8, geb.: 16,95 €

Samba, ein Einwanderer aus Mali, versucht in Frankreich glücklich zu werden.

Samba Cissé, ein junger Einwanderer, wird verhaftet. Eigentlich hatte er über vier Stunden vor der Polizeipräfektur in Paris geduldig darauf gewartet, endlich, nach über zehn Jahren, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Aber irgendetwas ist schief gegangen. Obwohl er schon so lange in Frankreich arbeitet und Steuern zahlt! Im Büro des französischen Hilfswerks für die aktive Solidarität mit Flüchtlingen lernt Samba eine Bibliothekarin kennen, die sich für ihn einsetzt. Sie formuliert Beschwerden gegen die Verhaftung, stellt Nachforschungen an. Aber auch als ein Richter die Verhaftung als nicht Rechtens beurteilt, wird das Leben nicht leichter. Immer wieder muss er Arbeit suchen, was er in seiner Verzweiflung mit der Aufenthaltsgenehmigung seines Onkels, bei dem er zeitweise wohnt, versucht. Und dann verliebt sich Samba in die Freundin seines Freundes... - Ein sehr spannender Roman zu einem aktuellen Thema, verfilmt vom "Ziemlich beste Freunde"-Regisseurduo Toledano und Nakache.

Allen Gemeinde- und Krankenhausbüchereien sehr empfohlen. Ein Buch, das Leserinnen und Leser gleichermaßen anspricht!

Signatur: SL
Schlagworte: Einwanderer|Asyl|Frankreich
Bewertung: +++
Rez.: Tosca Mieglitz

 

Erpenbeck, Jenny: Gehen, ging, gegangen. Roman. München: Knaus 2015. 351 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8135-0370-8, geb.: 19,99 €

Ein mutiges, schönes und schwieriges Buch über das Fliehen und niemals ankommen, das Vermissen und das Verlieren und die Schwere des Erinnerns.

Jenny Erpenbeck ganz aktuell! Die Flüchtlinge, die auf dem Oranienplatz in Berlin campierten, sind Anlass für Richard, einen emeritierten Philologen aus dem Osten Berlins, zunächst zaghaft und später mutig Kontakt zu suchen, nach Vergangenheit und Zukunft der Menschen zu fragen. Dabei erforscht er selbst neu seine eigenartige Heimatlosigkeit im vereinigten Deutschland. Jenny Erpenbeck findet hier bewegende und haarfein differenzierende Bilder für die Unbehaglichkeit des ostdeutschen Intellektuellen. Die Männer des Camps werden ihm zu fremden Freunden, ihre Geschichten zu Herausforderungen des Mitgefühls und die Behandlung ihrer Personen und Schicksale erzürnen ihn (und die Leserin mit!). Erpenbeck erfindet eine Person mit einem großen Verlangen nach Verstehen und einer tiefen Lust am Erkennen. Richard erscheint weltfremd und ganz als Weltbürger mit Gewissen, ohne ein Gutmensch zu sein. Nur so gelingt es ihm, die Grenzen zu den Fremden zu überwinden und ihr Mitmensch zu werden.

Sehr gut geeignet für Literaturgruppen, Literaturgottesdienste sowie Gruppen die Flüchtlingshilfe anbieten.

Signatur: SL
Schlagworte: Flucht|Vergangenheit|Widerstand|Flüchtlinge
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

 

Geda, Fabio: Im Meer schwimmen Krokodile. Eine wahre Geschichte. Dt. von Christiane Burkhardt. München: Knaus 2011. 186 S. ; 21 cm. Aus d. Ital. ISBN 978-3-8135-0404-0, geb.: 16,99 €

Wahre Geschichte eines 10-jährigen afghanischen Flüchtlingsjungen, der eine Odyssee um die halbe Welt überlebt.

Eniatollah gehört zum Volksstamm der in Afghanistan verfolgten Hazara. Um ihren Sohn vor einer Verschleppung durch die Taliban zu bewahren, schmuggelt seine Mutter ihn nach Pakistan und lässt ihn dort allein zurück. Ausgestattet mit drei Lebensregeln: Nicht betrügen, nicht stehlen und niemals eine Waffe benutzen, schlägt sich Eniat alleine durch. Er arbeitet als Kindersklave für Onkel Rahin und als Verkäufer auf dem Bazar. In der Hoffnung auf ein besseres Leben im Iran vertraut er sich Schleppern an, schuftet auf dem Bau, wird mehrmals von der Polizei abgeschoben. Nach einer lebensgefährlichen Reise durch die Türkei überlebt er unvorstellbare Torturen in den Bergen, gelangt irgendwann nach Griechenland und schließlich nach Italien. Dort beginnt in einer Pflegefamilie sein zweites Leben als anerkannter politisch verfolgter Flüchtling. Das neue Leben eröffnet ihm Bildungschancen und nicht zuletzt die Möglichkeit, nach all den Jahren, endlich seine Mutter aufzuspüren.

Dieser in der Erzähltechnik des reflektierenden Dialogs zwischen dem italienischen Autor und Eniat geschriebene Roman ist allen Lesern ans Herz gelegt.

Signatur: SL|Ju 3
Schlagworte: Flucht|Afghanistan
Bewertung: +++
Rez.: Bettina Rehbein

 

Horváth, Martin: Mohr im Hemd. Oder Wie ich auszog die Welt zu retten. Roman. München: Dt. Verl.-Anst. 2012. 345 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-421-04547-8, geb.: 19,99 €

Tragikomische Geschichten aus einem Heim für jugendliche Asylbewerber in Wien.

Der 15jährige Ali, ein selbstbewusster Schwarzafrikaner, lebt in Wien in einem Heim für jugendliche Asylbewerber. Seine - selbst auferlegte -  Aufgabe besteht darin, den Geschichten seiner Mitbewohner und Betreuer hinterherzuspüren und sie zu erzählen, was ihm leicht fällt, da er behauptet, alle Sprachen zu sprechen. Dabei erfährt der Leser die entsetzlichsten Schicksale. Am schlimmsten für die traumatisierten Jugendlichen aber ist das Heimweh, die Einsamkeit, das Fehlen von Beschäftigung und die Angst vor Abschiebung. Alle tragen schreckliche Erinnerungen mit sich und haben Albträume. Auch der lockere, fröhliche Ali ist davon nicht verschont. Schließlich überredet er alle, einen Aufstand zu machen: Die „Bundesabschiebeministerin“ soll entführt werden. Der Roman nimmt an Tempo und Spannung zu, ebenso wie die überschäumende Fabulierlust des Autors mit seinen Wortspielereien und der beißenden Ironie, mit der er Willkür und Unmenschlichkeit der österreichischen Asylpolitik entlarvt.

Ein ganz ungewöhnliches Romandebüt, bei dessen Lektüre dem Leser das Lachen oft im Hals stecken bleibt. 

Signatur: SL
Schlagworte: Asyl|Afrika|Europa|Heimweh
Bewertung: +++
Rez.: Ileana Beckmann

 

Iwanow, Andrej: Hanumans Reise nach Lolland. Roman. Dt. von Friederike Meltendorf. München: Antje Kunstmann 2012. 398 S. ; 22 cm. Aus d. Russ. ISBN 978-3-88897-777-0, geb.: 19,95 €

Ein ungewöhnlicher Blick auf die "Festung Europa" - voller Vitalität und gleichzeitg verstörend.

Der Erzähler, über den man nur erfährt, dass er aus Estland stammt (wie der Autor selbst) und dort Probleme mit dem Gesetz hatte, lebt als illegaler Flüchtling in Dänemark. Gemeinsam mit seinem Freund Hanuman, der sich - je nach Gelegenheit - als Inder oder Pakistani ausgibt, lebt er heimlich in einem Flüchtlingsheim. Ständig in Angst vor Kontrollen, betrügen sie ihre Mitbewohner und geben alles Geld, das sie durch illegale Machenschaften verdienen, für Alkohol, Drogen oder Prostituierte aus. Für die dänische Provinz und deren Bewohner haben sie nur Verachtung übrig. Ohne großen Handlungsbogen erzählt der Roman aberwitzige Abenteuer in der Tradition der Schelmenromane. Weit entfernt von jeder Sentimentalität, gelingt es dem Autor, bei den Lesern Sympathien für die Protagonisten zu wecken.

Für geübte Leser kann das Buch ein Anstoß sein, über die Situation von Flüchtlingen in Europa nachzudenken.

Signatur: SL
Schlagworte: Einwanderung|Asylpolitik|Ungerechtigkeit|Gesellschaft
Bewertung: ++
Rez.: Monika Meffert

 

Jones, Lloyd: Die Frau im blauen Mantel. Roman. Dt. von Grete Osterwald. Reinbek: Rowohlt 2012. 316 S. ; 21 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-498-03238-8, geb.: 19,95 €

Eine junge Tunesierin ist illegal unterwegs nach Berlin zu ihrem Kind und erfährt oft Ausbeutung, aber nur wenig Hilfe.

Ein farbiger, aus Berlin stammender Tourist scheint die junge Frau zu lieben, doch er nimmt ihr den gemeinsamen Sohn durch eine untergeschobene Adoption. Sie will deshalb nach Berlin und erlebt Erschreckendes, muss sich dafür verkaufen, auch sexuell, denn sie ist farbig und illegal. Doch Jones erzählt auch von ihr helfenden Menschen, die sie wiederum zu belügen und bestehlen scheint. Aus der Perspektive der anderen wird ihre Geschichte erzählt, sie selbst kommt erst zum Schluss zu Wort. Es gelingt ihr, zu ihrem Sohn und seinem Vater zu kommen, doch er erpresst sie, jede Begegnung mit dem Kind kostet Geld. Schließlich landet sie im Gefängnis. Der Leser erfährt ihren echten Namen nicht, ihr Flucht-Schicksal fügt sich erst zum Schluss vollständig zusammen, denn ein italienischer Polizist recherchiert es im Zusammenhang mit einem Mordfall, den sie begangen haben könnte.

Bewegend, verstörend und vielschichtig, ohne zu moralisieren erzählt Jones die Geschichte von der Frau im blauen Mantel für den anspruchsvolleren Leser.

Signatur: SL
Schlagworte: Flucht|Migration|Menschenhandel
Bewertung: +++
Rez.: Kathrin Vogel

 

Juretzka, Jörg: Alles total groovy hier. Berlin: Unionsverl. 2011. 251 S. ; 19 cm. ISBN 978-3-293-20527-7, kt.: 9,90 €

Ein deutscher Privatdetektiv kommt in Südspanien Menschenhandel mit afrikanischen Flüchtlingen auf die Spur.    

Der erfolgreiche Kriminalautor aus Mülheim an der Ruhr lässt seinen achten Fall um den Privatermittler Kristof Kryszinski in Südspanien spielen. Kryszinski sucht dort nach einem verschwundenen Motorradfahrer, der im Auftrag eines Ruhrgebietsbikerclubs ein Gelände am Meer kaufen sollte. Zusammen mit seinem Kumpel Scuzzi stößt Kryszinski auf eine autoritär geführte Hippiekommune, die offenkundig einiges verschweigt. Außerdem trifft er den diskriminierten Zigeuner Roman, dessen Boot versenkt wird. - Nach einem etwas zähen Anfang mit schrägen Liebesabenteuern in einer merkwürdigen Hippiekommune gewinnt die Handlung an Fahrt. Es zeigt sich, dass die Hippies Flüchtlinge aus Afrika einschleusen und dabei über Leichen gehen. Teile der spanischen Polizei ignorieren diese kriminellen Aktivitäten. Der meist spannende Roman hat als Ich-Erzähler einen ziemlich durchgedrehten Privatdetektiv, der die Kommune lange selbst nicht durchschaut, aber in einem furiosen Finale den komplizierten Fall löst.

Der insgesamt gelungene Thriller greift unterhaltsam eine aktuelle Thematik auf, die überzeugend vermittelt wird. Er sollte bei Freunden dieses Genres gut ankommen. 

Signatur: SL
Schlagworte: Thriller|Spanien|Flüchtlinge|Afrika
Bewertung: ++
Rez.: Peter Bräunlein

 

Kureyshi, Meral: Elefanten im Garten. Roman. Zürich: Limmat 2015. 140 S. ; 20 cm. ISBN 978-3-85791-784-4, geb.: 26,00 €

Ein Flüchtlingsroman von großer Tiefe und ungemeiner Gegenwärtigkeit.

In der aktuellen politischen Situation ein geradezu brisanter Roman mit der Thematik „Flüchtlinge“. - Als Kind ist die Protagonistin mit ihren Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz emigriert. Das neue Leben gestaltete sich schwierig. Warum sie kein Deutsch lernte? Weil sie so die Abwertungen und Beleidigungen der Mitschüler nicht verstehen konnte. Politisch korrekt wandte man sich ihr zu. Spielte ihr Freundlichkeit und Zuneigung vor und schloss sie radikal aus. Als ihr Vater starb, verlor sie den Halt und trudelte durch ihr Leben. Sie suchte in den Orten ihrer Kindheit Halt und fand ihn nicht. - In vielen kleinen Szenen beschreibt Kureyshi, wie sich das Leben in einem fremden Land gestaltet. Und sie lässt uns Anteil haben an dem Versuch das eigene Leben unter den gegebenen Umständen zu gestalten. Mit allem Gelingen und Scheitern.Ein feiner kleiner Roman, der unter die Haut geht und sensibilisiert.

Gegenwärtig für jede erdenkliche Gelegenheit in der Gemeinde zu nutzen. In kleinen Auszügen vorzulesen oder als Ganzschrift zu besprechen.

Signatur: SL
Schlagworte: Flüchtlinge|Leben|Schweiz|Fremde
Bewertung: +++
Rez.: Dirk Purz

 

Thúy, Kim: Der Geschmack der Sehnsucht. Roman. Dt. von Andrea Alvermann u. Brigitte Große. München: Antje Kunstmann 2014. 142 S. ; 20 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-88897-928-6, geb.: 16,95 €

In diesem kleinen Roman werden Leben, die Geschichte, die Heimat, der Neuanfang in Montreal und die Liebe einer Frau aus Vietnam so beschrieben, dass die Sehnsucht fast zu schmecken ist.

Die Geschichte von Man, wohl auch die Geschichte der Verfasserin fühlt in das Leben einer Frau ein, das so vieles erahnen und miterleben lässt, als wäre man dabei gewesen. Eine genaue Lektüre bringt die Lesenden in Zusammenhänge, die erst bei einem weiteren Erspüren das Leben in diesem ostasiatischen Land mit seinen Sitten und Gebräuchen, seinen Sehnsüchten und Lebensgestaltungen annähernd deutlich werden lassen. Nicht zuletzt die vielen Rezepte aus der vietnamesischen Esskultur zeigen das Leben der Frauen dort zwischen französischer Kolonialzeit, Freiheitskampf und Neuanfang in zärtlicher Deutlichkeit und zu ahnender Klarheit. Kim Thuy gelingt es als liebende Kochkünstlerin ein Leben dieser fernen Gegend so nah werden zu lassen, dass KennerInnen sowie Nicht-KennerInnen Vietnams berührt werden.

In unseren Büchereien könnte dieser sehr gut übersetzte kleine Roman nicht nur kulinarische Sehnsüchte wecken, sondern den Wusch, dieses faszinierende Land einmal selbst zu erleben.

Signatur: SL
Schlagworte: Vietnam|Flucht|Neubegin
Bewertung: +++
Rez.: Kurt Triebel