Finnland - Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014

Lieber Leserin! Lieber Leser!

Jedes Jahr im Oktober findet in Frankfurt am Main die weltgrößte Buch- und Medienmesse statt. Das Gastland der diesjährigen Messe ist Finnland. Aus diesem Anlass haben wir eine Auswahl interessanter Titel für Sie zusammen gestellt.

Viel Freude beim Entdecken finnischer Autorinnen und Autoren wünscht

Ihr eliport-Team

 

Bewertung:
+++      = hervorragend
++        = gut
+          = möglich

 

Jm 1 Bilderbücher

Reittu, Ninka: Mick und Mumm. Das Abenteuer mit der blauen Katze. Dt. von Anu Stohner. Frankfurt: Sauerländer 2014. O. Pag. : überw. Ill. ; 29 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-7373-5120-1, geb.: 14,99 €

Das ist ein herrliches Buch! So witzig und so liebevoll frech. Ganz cool!


Da kriegt Pettersson Konkurrenz! Wieder mal ein zauberhaftes Kinderbuch aus Skandinavien. Bildreich. Detailreich. Lustig. Unterhaltsam. Spannend. Überraschend. Originell in Geschichte und Bildsprache.
Mick wird auf dem Bahnhof vergessen. Die kleine Katze ist ein Kind unter wenigstens sieben Katzengeschwistern. Da kann das schon mal passieren. Der Schaffner jedenfalls kennt die Situation. Als Mick sich dann in einem Zug wiederfindet, fährt der in die falsche Richtung. Wie aber Mumm, der schwarze Kater auf der Hutablage (und sein inneres tapferes Ich), weise bemerkt, gibt es im Leben keine Züge, die in die falsche Richtung fahren. Es gibt nur Gelegenheiten für Abenteuer. Und so kommt es. In Helsinki lernt er von Mumm, dass man einfach losgehen muss, um anzukommen. Von der Kegelrobbe lernt er, dass Landkatzen keine Ahnung vom Meer haben können, der Leuchtturm in den Schären ist statt des erwarteten Gruselgefängnisses Heimstatt fröhlicher Räuber und Windbeutel backender blauer Katzen...

Für Kindertreff und Lesestart. Und zum Vorlesen!

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Freundschaft|Tapferkeit|Mut|Verwegenheit
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

 

Ju 2/2; Ju 3 Bücher für Jugendliche

Huovi, Hannele: Die Federkette. Dt. von Anu Stohner. München: Hanser 2014. 225 S. ; 22 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-446-24628-7, geb.: 14,90 €

Ein magischer Zauber verbindet ein Mädchen und einen Falken. Sie müssen herausfinden, wie der Zauber gelöst werden kann.

Eleisa ist im Land der Vögel  durch unglückliche Umstände mit einer Kette an einen Falken gebunden. Beide müssen gemeinsam einen Weg finden, die eigene Freiheit wieder zu erlangen. Durch eine mit Fantasy – Elementen magisch aufgeladenen Natur gelangen die beiden, nachdem sie gelernt haben, die Eigenarten des anderen zu akzeptieren, zu einer heilenden Quelle. Zu diesem Erzählstrang kommen weitere hinzu. Da ist Doppelgesicht, ein Mädchen, das den Menschen durch Theaterspiel die Träume erhalten will. Doppelgesicht erzählt wie Eleisa aus der Ich-Perspektive. Wer gerade erzählt, erschließt sich zu Beginn nur durch unterschiedliche Vignetten über den Kapitelüberschriften. Es gibt ein Reich der Schattenlosen und ein Reich der Schatten, die sich von ihren Menschen lösen, wenn diese Feinde werden. Rückblenden, Kampfszenen und Sätze von tieferer Bedeutung sind nicht gerade schlüssig in das Geschehen eingebaut und geben Rätsel auf. Das alles erschwert den Durchblick und den Lesefluss.

Nur für Fantasy-Liebhaber, die einen langen Atem haben, um sich das Geschehen zu erschließen.

Signatur: Ju 2/2
Schlagworte:
Freundschaft|Akzeptanz|Fantasy
Bewertung: +++
Rez.:
Heidrun Martini

 

Itäranta, Emmi: Der Geschmack von Wasser. Roman. Dt. von Anu Stohner. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2014. 337 S. ; 21 cm. (Reihe Hanser). Aus d. Finn. ISBN 978-3-423-65009-0, kt.: 14,95 €

Trinkwasserknappheit im Land. Aber es gibt eine geheime Wasserquelle in der Felshöhle…

„Es lohnt sich nicht an sie zu denken. Sie haben auch nicht an uns gedacht.“ „Sie“, das sind die Menschen der Alten Welt, wir, die wir durch Ausbeutung die Flüsse haben austrocknen und das Land veröden lassen, bis Wasser rationiert werden musste und nun in Schläuchen aus Plastikmüll der Alten Welt teuer verkauft wird. Aber es ist eine Geschichte ohne pädagogischen Zeigefinger, so spannend, dass man weiter und weiter lesen muss: die Geschichte von Noria, der Tochter des Teemeisters, und ihrer Freundin Sanja, die wie alle unter der stetig wachsenden Wasserknappheit im Land leiden. Als Sanjas Schwester schwer erkrankt, offenbart Noria ein gefährliches Geheimnis: Es gibt eine verborgene Wasserquelle in der Felshöhle. Aber bald ist ihnen das Militär auf der Spur, das Wasserverbrecher brandmarkt und streng bestraft …

Ein gesellschaftskritischer Umweltroman, der seine erschreckende Kritik ohne lauten Tadel überzeugend mit Abenteuer und Spannung verbindet und somit auch für Jugendliche lesenswert macht. Ein preisverdächtiges Buch für alle an ökologischer Jugendliteratur Interessierten.

Signatur: Ju 3
Schlagworte:
Umwelt|Wasser|Utopie|Naturschutz
Bewertung: +++
Rez.:
Astrid van Nahl

 

SL Romane, Erzählungen, Dramen, Lyrik

Kyrö, Tuomas: Bettler und Hase. Roman. Dt. von Stefan Moster. Hamburg: Hoffmann & Campe 2013. 317 S. ; 21 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-455-40374-9, geb.: 19,99 €

Der rumänische Bettler Vatanescu flieht vor der Armut aus seinem Heimatland und sucht sein Glück in Finnland. Tragikomische Sozialsatire.

Der Bettler Vatanescu hat die Nase voll von der Armut in Rumänien und lässt sich nach Helsinki schleusen, um dort sein Glück zu suchen. Schließlich hat er seinem kleinen Sohn Fußballschuhe versprochen, sobald er Arbeit gefunden hat. Aber es ist nicht leicht, sich aus den Fängen der russischen Schleusermafia zu befreien. Doch zusammen mit seinem neuen ‚Freund`, einem Hasen, der eigentlich ein Kaninchen ist, und den er vor dem Tod gerettet hat, gelingt es ihm, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es beginnt eine abenteuerliche Reise durch Finnland, bei der er viele hilfsbereite Menschen, u.a. Vietnamesen, kriminelle Ukrainer, trinklustige Saunagänger und ambitionierte Umweltaktivisten kennenlernt, und trotz aller Rückschläge immer wieder auf die Füße fällt. Der 1974 geborene Autor, der zu den renommiertesten finnischen Schriftstellern der jüngeren Generation gehört, lässt seinen Antihelden viele wunderliche Abenteuer bestehen und beschert ihm ein geradezu märchenhaftes Happy End. Eine in der Tradition des Schelmenromans stehende tragikomische Sozialsatire, die die finnische Gesellschaft und Politik aufs Korn nimmt.

Der mit Witz und Humor geschriebene Roman wird als anspruchsvoller Lesespaß breit empfohlen.

Signatur: SL
Schlagworte:
Gesellschaft|Humor|Immigration
Bewertung: +++
Rez.:
Wolfgang Vetter

 

Kyrö, Tuomas: Kunkku. Roman. Dt. von Stefan Moster. Hamburg: Hoffmann & Campe 2014. 575 S. ; 22 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-455-40512-5, geb.: 25,00 €

Eine Reise durch das 20. Jahrhundert an der Seite des letzten (fiktiven) Königs von Finnland: Kunkku.

Nach dem Sturz der Monarchie bringt der letzte (fiktive) finnische König Kunkku seine Familie als Lagerarbeiter durch. „Ich bin ein Freund großer Brüste“, beginnt seine Erzählung des eigenen Lebens. „Das hat mir ein bisschen Ärger eingebracht: Rausschmiss und Scheidung.“ Und davon ist im Folgenden die Rede: die Geschichte dieses Menschen, hinter der die Geschichte des späten 20. Jahrhunderts sichtbar wird, die Kapitel eingeteilt in Zeitetappen ab 1947, mit Überschriften wie „Die Zeit des Bettnässens“. Es ist ein satirisches Buch, das zugleich mit dem 20. Jahrhundert respektlos und ironisch abrechnet und seine Geschichte gestaltet und umschreibt, wie es Kyrö gefällt – ich denke an den Atomangriff auf Stockholm. Bei aller Absurdität sind die oft sinnfrei erscheinenden Ereignisse von frappierendem Tiefgang und üben gnadenlose Kritik an der Welt der Schönen und Reichen. Als Botschaft schält sich hingegen die wahre Bedeutung von Freundschaft und verwandtschaftlichen Beziehungen heraus.

Für sehr literaturerfahrene und geschichtskundige Leser, die bereit sind, sich auf ein solches Erzählexeperiment einzulassen.

Signatur: SL
Schlagwort: Finnland|Gesellschaft|Satire
Bewertung: +++
Rez.: Astrid van Nahl

 

Liksom, Rosa: Abteil Nr. 6. Roman. Dt. von Stefan Moster. München: Dt. Verl.-Anst. 2013. 215 S. ; 22 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-421-04583-6, kt.: 14,99 €

Eine finnische Archäologiestudentin und ein grobschlächtiger Russe, "zusammengesperrt" in der Transsibirischen Eisenbahn.

Es sollte eine beschauliche Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn werden. Stattdessen sitzt die junge Studentin mit einem russischen Bauarbeiter beengt in einem Zugabteil und hört sich seine drastischen Witze an—eine Woche lang. Sie sitzt und schweigt, er sitzt und trinkt  und erzählt von Frauen und Vergewaltigungen, von Gewalt und Mord. Und doch zeigt er Fürsorge für sie, teilt sein Essen mit ihr und schenkt ihr am Ende seinen wertvollsten Besitz: das Messer, mit dem er getötet hat. Die oftmals skurril wirkende Geschichte erfordert einen erfahrenen Leser, der die krassen Geschichten in vulgärer Sprache mit den leisen poetischen Beschreibungen der unendlich erscheinenden sibirischen Landschaft zu einem in sich geschlossenen Bild verbinden kann, vor dem sich in den Erinnerungen des Mannes die Geschichte der problembehafteten Liebe entfaltet, die zu der Tragödie führte. Ein Roman, der auch die Beziehung Finnlands zu Russland thematisiert und wie eine ehrerbietige Verbeugung scheint.

Für Leser, die bereit sind, sich auf anspruchsvolle Literatur einzulassen, die fremde Kulturen thematisiert. Auch im Blick auf Finnland als Gastland der Buchmesse 2014 zu empfehlen.

Signatur: SL
Schlagworte: Interkulturalität|Russland|Tragödie|Finnland
Bewertung: +++
Rez.: Astrid van Nahl

 

Lipasti, Roope: Ausflug mit Urne. Roman. Dt. von Regine Pirschel. München: Blessing 2014. 320 S. ; 21 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-89667-528-6, geb.: 19,99 €

Zwei Brüder machen sich mit einer Urne auf den Weg nach Ostfinnland, um dort die Asche ihres Stiefgroßvaters zu verstreuen…

Es sind zwei sehr ungleiche Brüder, die beiden Hauptfiguren des Romans: der eine Versicherungsmathematiker, der andere einer, der von Gelegenheitsjobs lebt. Aber nichtsdestotrotz hoffen beide auf ein reiches Erbe ihres Stiefgroßvaters Jalmari. In Imatra, im Osten Finnlands, soll sein letzter Wille verkündet werden, und die beiden machen sich mit seiner Asche auf eine Reise, die nicht nur quer durch Finnland zu den Lebens-Stationen Jalmaris’ führt, sondern auch zu einer Reise in ihre eigene Vergangenheit wird. Vor dem Leser entwickelt sich in ihren langen, aber wortknapp gehaltenen Gesprächen ihr Leben mit all seinen noch ungelösten Konflikten, offenbart ein Dasein mit elenden Schlägereien und minderwertigem Sex und zeigt doch die Zuneigung oder besser: Zusammengehörigkeit der beiden Brüder. Mit oftmals bissigem Humor entwickelt Lipasti eine tiefsinnige Geschichte über Fragen des Menschseins und eine Auseinandersetzung über das Älterwerden.

Anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Lektüre. Für Leser mit Interesse an der Literatur anderer Länder, vor allem im Blick auf das Buchmessen-Gastland Finnland.

Signatur: SL
Schlagworte:
Finnland|Familie|Älterwerden|Geschwister
Bewertung: +++
Rez.:
Astrid van Nahl

 

Nummi, Markus: Bonbontag. Roman. Dt von Stefan Moster. 1. Aufl. Berlin: Suhrkamp 2011. 396 S. ; 21 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-518-46276-8, kt.: 14,95 €

Innerhalb von zwei Tagen spitzt sich ein Drama um zwei vernachlässigte Kinder und drei überforderte Erwachsene zu.

Diese sozialkritische, auf finnischen Zeitungsberichten sowie Dienstprotokollen beruhende Geschichte, wird aus der Sicht von vier verschiedenen Personen erzählt. Da ist zunächst der vernachlässigte neunjährige Tomi, der in seiner eigenen Comicwelt lebt, sich Doc Kilmore nennt und Prinzessin Mirabella retten muss. Tomi trifft im Supermarkt auf den Schriftsteller Ari, dem er deutlich zu machen versucht, dass er ein Mädchen retten muss. Ari sieht dies allerdings als Hirngespinst eines kleinen Jungen. Dieses Mädchen gibt es aber tatsächlich: Es ist die achtjährige Mirja, die von ihrer überforderten, alleinerziehenden Mutter Paula tagelang unversorgt in ihrem Zimmer eingesperrt wird. Und dann ist da noch die „Sozialmieze“ Katri, die bereits mehrmals Hinweise zu beiden Kinder bekommen hat, diese aber nicht in Zusammenhang bringen kann. Innerhalb von zwei Tagen spitzt sich sowohl das Drama um Tomi und Mirja, wie auch die Hilflosigkeit der überforderten Erwachsenen deutlich zu.

Eine spannende, brisante und aktuelle Lektüre zu einem wichtigen Thema, wobei die schnellen Perspektivwechsel für nicht so geübte Leser anfänglich etwas störend sein können.

Signatur: SL
Schlagworte: Vernachlässigung|Kindesmissbrauch|Finnland
Bewertung: +++
Rez.: Helena Schäuble

 

Paasilinna, Arto: Der Mann mit den schönen Füßen. Roman.  Dt. von Regine Pirschel. Köln: Lübbe 2014. 239 S. ; 21 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-7857-2503-0, geb.: 18,99 €

Der eigentlich erfolgreiche Reeder Aulis Rävänder aus Helsinki ist glücklich mit seiner attraktiven Frau und zwei Kindern. Doch als seine Frau ihm eröffnet, dass sie die Scheidung will, zieht er sich auf eine Insel zurück und ruft die Telefonseelsorge an. Doch er landet bei der tüchtigen Fußpflegerin Irene, die sein Leben auf den Kopf stellt.

Nach 22 Ehejahren eröffnet Frau Rävänder ihrem Gatten Aulis, dass sie nun einen anderen, wirklich spannenden Mann habe und die Scheidung will. Aulis ist am Boden zerstört und zieht sich auf eine vermeintlich einsame Insel zurück, wo er vergeblich Ruhe sucht. In seiner Verzweiflung wählt er die Nummer der Telefonseelsorge, verwählt sich aber und landet so bei der geschäftstüchtigen und resoluten Fußpflegerin Irene Oinonen. Damit ändert sich sein Leben komplett. Mit dabei ein totes Wildschwein, dass beim Tierpräparator landet, ein Erpresser, der zum Opfer seiner Taten wird und viele weitere merkwürdige Gestalten. Auch dieser Roman, im Original bereits 1985 erschienen, ist wieder ein typischer Paasilinna (zuletzt u.a. „Der wunderbare Massenselbstmord“ und „Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle“) mit vielen skurrilen Wendungen und komisch-absurden Situationen, wenn auch vielleicht nicht ganz so abgedreht wie andere Titel von ihm. Gleichwohl werden Fans des Autors sicher ihre Freude haben.

Bei weiterem Bedarf an Paasilinna-Titeln gern empfohlen. 

Signatur: SL
Schlagworte: Finnland|Humor|Ehe|Verwechslung
Bewertung: +
Rez.: Wolfgang Vetter

 

Rinnekangas, Rax: Der Mond flieht. Eine Sommergeschichte. Dt. von Stefan Moster. Berlin: Graf 2014. 158 S. ; 20 cm. Aus d. Finn. ISBN 978-3-86220-034-4, geb.: 16,99 €

Die Geschichte des Sommers, in dem der 13-jährige Lauri die Welt der Kindheit verlässt.

„Auf den Tod nahmen wir keine Rücksicht. Wir kannten ihn nicht und dachten auch nicht an ihn, bis er in jenem Sommer in unser Leben trat.“ Schon die ersten Sätze weisen die „Sommergeschichte“ in Richtung Katastrophe. Vorausdeutungen auf Entsetzliches, auf „schwarze verschlingende Fäden“ machen das scheinbar unbeschwerte Glück dreier Kinder auf dem Hof der frommen Verwandten von Anfang an bedrückend bedrohlich und ahnungsvoll. Schwüle Sinnlichkeit zwischen den beiden 13-Jährigen Lauri und Leo und dessen etwas älterer schöner Schwester Sonja deutet die Verheißungen des Sommers an und kündet unterschwellig bereits von Unglück und Tod: Das Schicksal schlägt zu, macht der unschuldigen Kindheit ein jähes Ende. Für den Leser stellt sich die Frage nach der Bestimmung des Lebens, nach Verantwortlich- und Schuldhaftigkeit – grundsätzliche, zutiefst philosophische Fragen, die keine Antwort erwarten. - Ein Meisterwerk finnischer Literatur, 23 Jahre nach seinem Erscheinen endlich mustergültig übersetzt!

Für Leser mit Interesse an anspruchsvoller finnischer Literatur.

Signatur: SL
Schlagworte: Finnland|Adoleszenz|Tod|Lebensfragen
Bewertung: +++
Rez.: Astrid van Nahl

 

Wagner, Jan Costin: Tage des letzten Schnees. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014. 313 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-86971-017-4, geb.: 19,99 €

Die finnische Polizei klärt einen Doppelmord an einer Prostituierten und ihrem Zuhälter auf.

Der in Frankfurt am Main und in Finnland lebende Autor erzählt in seinem neuesten Thriller von einem finnischen Bankier, der in Belgien eine osteuropäische Prostituierte kennenlernt. In Helsinki kauft er ihr eine Wohnung und unterstützt sie und ihre Familie finanziell. Umso größer ist seine Enttäuschung, als sie weiter als Prostituierte arbeitet. Doch ermordete er sie und ihren Zuhälter? - Die Polizei hat anfangs große Schwierigkeiten, Spuren zu finden, löst aber am Schluss den Fall und kommt mehr zufällig einem Rechtsradikalen auf die Spur, der einen großen Anschlag plante. Wagner erzählt spannend und löst am Ende die verschiedenen, sich überlagernden Erzählstränge auf. Seine Milieuschilderungen überzeugen ebenso wie seine Charakterporträts. Trotz aller Tragik hat der Roman eine gewisse Leichtigkeit, die zum Lesegenuss beiträgt.

Der unterhaltsame und spannende Roman kann weit über den Rahmen der Wagner-Fans hinaus empfohlen werden. Auch für kleinere Büchereien.

Signatur: SL
Schlagworte: Thriller|Finnland|Prostitution|Mord
Bewertung: +++
Rez.: Peter Bräunlein

 

CDs für Erwachsene

Oksanen, Sofi: Stalins Kühe. Autorisierte Audiofassung. Sprecher: Anna Thalbach u. Katharina Thalbach. Dt. von Angela Plöger. Hamburg: Hörbuch Hamburg 2012. 6 CDs ; 449 Min. Aus d. Finn. ISBN 978-3-89903-391-5, : 19,99 €

Die Hörbuchfassung des Romans über eine estnische Frau, die mit ihrer Tochter vor und während der Sowjetzeit in Finnland lebt und versucht ihr Leben zu meistern.

„Annas Eltern trennen sich, als ihre Mutter Katariina herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt. Sie, die Estin, verleugnet ihre Herkunft, weil sie weiß, welch schlechtes Ansehen Estinnen in Finnland haben – sie gelten als russische Huren, die es geschafft haben, durch Heirat nach Finnland zu entkommen. Aus Angst, dass ihrer Tochter die gleiche Verachtung zuteil wird wie ihr, darf diese die Sprache nicht lernen und keinem sagen, woher die Mutter stammt. Dabei fahren die beiden regelmäßig nach Estland, um die Familie zu unterstützen, die das Grauen der sowjetischen Arbeitslager kennenlernte und unter den Bespitzelungen und Erpressungen durch enge Vertraute litt. Während Anna um ihr Gewicht kämpft und lernen muss, dass sie wirklich krank ist und die anorektische Bulimie sie umbringen kann, erfährt der Leser die Hintergründe der Familiengeschichte, Ursache für Annas Leiden, die bis in die Zeit der Besetzung Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg zurückreicht.“ - Sofi Oksanen, selbst Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, lässt in diesem Roman mit genauer Kenntnis der historischen Hintergründe das Leben in Finnland mit all seinen Vorurteilen, Depressionen und Entscheidungen lebendig werden. Katharina und Anna Thalbach lesen die beiden Rollen so überzeugend und schön, dass das Geschehen in all seiner ambivalenten Zuversicht und Traurigkeit immer wieder überzeugend deutlich wird.

Breite Empfehlung für alle Büchereien.

Signatur: SL
Schlagworte:
Sowjetunion|Finnland|Frauenrolle|Estland
Bewertung: ++
Rez.:
Kurt Triebel

 

Wagner, Jan Costin: Tage des letzten Schnees. Autorisierte Audiofassung. Gelesen von Matthias Brandt. Berlin: Argon 2014. 5 CDs ; 400 Min. ISBN 978-3-8398-1269-3, : 19,95 €

Die Liebe von gleich zwei finnischen Bankern zu einer rumänischen Prostituierten löst tödliche Kettenreaktionen aus.

Im nunmehr fünften Roman mit dem finnischen Kommissar Kimmo Joentaa beginnt der mit dem Deutschen Krimipreis für  "Das Schweigen" ausgezeichnete Autor, das zweite Werk der Reihe mit dreieinhalb komplexen Handlungssträngen. In seinem unspektakulären aber trotzdem fesselnden Stil dauert es, bis diese zusammengeführt sind, zumal die Zahl der geschilderten bedrückenden Ereignisse allzu lang ist: Doppelmord, Selbstmord, Unfallflucht mit Todesfolge, Kindesmissbrauch, Ehebruch, Prostitution, Amoklaufplanung. Entsprechend liegt eine düster-depressive Atmosphäre über der in Südfinnland, Rumänien und Belgien spielenden Handlung. Dass auch der Kommissar mit einer Prostituierten, die auch in die Geschehnisse verwickelt wird, zusammenlebt, passt da ins Bild. - Matthias Brandt bestätigt, dass er zur Elite der deutschen Hörbuchsprecher gehört, so intelligent und bis in kleinste Details nuancenreich und variabel setzt er seine Stimme ein.

Inhaltlich und literarisch anspruchsvollere Krimi-Hörkost für Kenner mit Muße. 

Signatur: SL
Schlagworte: Finnland|Prostitution|Roma
Bewertung: ++
Rez.: Tobias Behnen