"25 Jahre Fall der Berliner Mauer"

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Am 9. November feiern wir den 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer und damit den Beginn der Wiedervereinigung der beiden Nachkriegsdeutschlands. Was ist aus den großen Erwartungen geworden? Ist das, was zusammengehört wirklich zusammengewachsen? Wie war das mit den blühenden Landschaften, dem Aufschwung Ost? Sind sie noch in den Köpfen, die gegenseitigen Ostalgie- und Besserwessi-Vorurteile?

Wir haben hier für Sie eine Auswahl von Romanen und Sachbüchern zusammengestellt, die versuchen, Antworten zu geben.

Mit den besten Wünschen

Ihr eliport-Team

Bewertung:
+++      = hervorragend
++        = gut
+          = möglich

 

SL Romane, Erzählungen, Dramen, Lyrik

Aehnlich, Kathrin: Wenn die Wale an Land gehen. Roman. München: Kunstmann 2013. 252 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-88897-859-3, geb.: 19,95 €

Heute 50jährige Studenten aus Leipzig – wie lebten und liebten sie, wo führten ihr Weg und ihre Träume sie hin?

„Jeder konnte nur tun, wozu ihm der Mut gegeben war“ (S. 140) – und Mick, der im einem Land wie der DDR freilich eigentlich Michael hieß, hatte den Mut, seinen Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit jeder Faser seines Körpers zu leben. Er war der „Star“ einer Gruppe junger Studenten im Leipzig der 1980er Jahre und Roswithas große Liebe mit einigen Hindernissen. Sie diskutierten, provozierten, sangen, tanzten und lebten so alternativ es unter den gegebenen Umständen eben ging und eines Tages war Mick verschwunden. Roswitha heiratete, bekam eine Tochter und versuchte, den Widrigkeiten des DDR-Alltags einen Mut entgegenzusetzen, der sich auch in ihr befand. Als ihre Ehe nach 25 Jahren geschieden wird und ihr Mann sie zum Abschied fragt „Warum hast du Mick niemals besucht?“ (S. 11), reist sie zu ihm, in jenes Traumland von einst, das auch seine Tücken hat, aber zwei Menschen zusammenführt, die immer zusammen gehörten.
Die Autorin, Micks und Roswithas Generation, stammt selbst aus der DDR und schreibt mit wunderbar leichter Feder und fast schon zärtlicher Detailgenauigkeit in einer klugen treffsicheren Sprache.

Der Roman sei „Kennern der Szene“ empfohlen, vielleicht längst Vergessenes zu erinnern und allen anderen, die „Szene“ auf sehr unterhaltsame Weise kennenzulernen. 

Signatur: SL
Schlagworte: DDR|Liebe|Alltag
Bewertung: +++
Rez.: Simone Kiefer

 

Becker, Artur: Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Roman. Frankfurt am Main: Weissbooks 2013. 440 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-940888-06-8, geb.: 24,90 €

Deutsch-polnische Geschichte und Grenzgängertum.

Zu Allerseelen 2010 halten Arek und seine Cousine Mariola im Zimmer des aufgebahrten Karol Totenwache. Sie tun dies auf ihre Weise: Nackt unter einem Regenschirm - ein Ritual aus lange vergangenen gemeinsamen Ferientagen und mehr als einer nur platonischen Liebesbeziehung. - Arek, ein Protagonist mit vielen biographischen Parallelen zum Autor, erinnert sich ein Vierteljahrhundert zurück und beginnt so einen Erinnerungs- und Entwicklungsroman deutsch-polnischer Geschichte von großer Opulenz. Die Doppelheimat, die wohl bedeutet,  keine wirkliche Heimat, keinen bestimmbaren Platz zu haben; nur  Erinnerung, Phantasie und Hoffnung, ist auch im neuen Roman Artur Beckers zentrales Leitmotiv und Thema. Gegenwarts- und Vergangenheitsebenen fließen ineinander und an so manchen Stellen über, Wiederholungen werden bewusst eingesetzt, ein Glossar angefügt. Mit diesem Roman auf dem Hintergrund der politischen Transformation Polens zwischen 1980 und 1994  fordert Becker seine Leser ordentlich.

„Und die neuen Generationen […] verdammten später die Epoche des 20. Jahrhunderts …“ Trotzdem, so Beckers letztes Wort: Frieden. - Für geschichtsinteressierte, geübte LeserInnen.

Signatur: SL
Schlagworte:
Masuren|Politischer Wandel|Ostblock|Heimat
Bewertung: ++
Rez.:
Jana Heinig

 

Cynybulk, Gunnar: Das halbe Haus. Roman. Köln: DuMont 2014. 571 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-8321-9723-0, geb.: 22,99 €

Deutsch-deutsche Geschichte, ganz persönlich erzählt.

Es geht um ein „halbes Haus“ als Sinnbild eines „halben Landes“. Zersplitterte Heimat ist die Erfahrung der Familie, die sich hier in der Figur der Großmutter, des Sohnes und des Enkels spiegelt. In den Zeiten des kalten Krieges siedelt die Großmutter 1981 von der DDR in den Westen. Familienzusammenführung ist in der Folge geplant. Vor allem Sohn Frank Friedrich zieht es aus dem Land in den Westen; er träumt von Paris. Sein Sohn Jakob träumt von der Spartakiade und der Sportlerkarriere in der DDR. Seine Pläne scheitern, als sein „Freiheitsprojekt“ ihn in Parteiverdacht bringt. 1983 wird er nach Verteilung von Flugschriften gegen den Staat verhaftet. Jakob landet wegen Verbreitung staatsfeindlichen Gedankenguts im Stasi-Knast. „Das Land ist gefangen, das Gefängnis ist gefangen, du bist gefangen, deine Seele ist in deinem gefangenen Körper gefangen“ beschreibt er die qualvolle Zeit in der Haft. Die Heimat wird ihm Sinnbild für Inhumanität und Verlogenheit. Jakob zieht für sich einen Schlussstrich unter den Begriff und das Gefühl „Heimat“.

Ein sehr ernster, kantiger Text in kühl-sachlichem Stil. Eher biographischer Bericht als literarischer Entwurf. Für alle Betroffenen und Interessierten sicherlich besonders lohnenswert.

Signatur: SL
Schlagworte:
DDR|Kalter Krieg|Heimat|Freiheit
Bewertung: ++
Rez.:
Christiane Spary

 

Hahn, Anne: DreiTagebuch. Roman. Mainz: Ventil 2014. 208 S. ; 20 cm. ISBN 978-3-95575-017-6, geb.: 16,90 €

Drei Tage. Drei Menschen. Eine Familie. An jeweils einem Tag in verschiedenen Jahrzehnten durchleben die drei Hauptfiguren des Romans Entscheidungssituationen, reflektieren ihr Leben und versuchen, diesem eine andere Richtung zu geben.

Alba ist Tierpräparatorin im Museum für Naturkunde im Berlin der Nachwendezeit. Ängstlich und verschroben ist sie, den Tod stets vor Augen. Doch sie weiß sich wegzuträumen: in die Geschichte ihrer Mutter Dora, einer mutigen, faszinierenden Frau. Einer Art Amazone, zu bunt für die DDR, immer bereit anzuecken. Und in die Geschichte ihrer Großmutter, einer Fabrikarbeiterin aus Böhmen mit sechs Kindern und einem gewalttätigen Ehemann, die nicht nur die Vertreibung aus der Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg bewältigen musste. - Anne Hahn, geboren 1966 in Magdeburg, erzählt in ihrem „DreiTagebuch“ eine Familiengeschichte, die nach dem 1. Weltkrieg in Böhmen beginnt, über die Altmark und das Magdeburg der 60er Jahre in das Berlin der Gegenwart führt. -  Was verbindet Alba mit ihrer Mutter Dora und ihrer Großmutter Anna, die beide früh starben? Wo waren die Männer, wo der eigene Vater, dem Alba erst nach mehreren Jahrzehnten wieder begegnet? Vererbt sich die Zerrissenheit vergangener Generationen?

Für LeserInnen von biographisch erzählten Familien- und Frauengeschichten, die aus der jüngsten Vergangenheit in die Gegenwart reichen

Signatur:
SL
Schlagworte: Frau|Familie|Wende|Erinnerung
Bewertung: ++
Rez.: Red.

 

Meinhardt, Birk: Brüder und Schwestern. Die Jahre 1973-1989. Roman. München: Hanser 2013. 699 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-446-24119-0, geb.: 24,90 €

Portrait einer Generation in der thüringischen Provinz der Jahre 1973-1989.

Birk Meinhardt führt den Leser durch das Leben der Familie Willi Werchows, seines Zeichens Direktor einer thüringischen Druckerei, angesehen, geachtet, Vater der Kinder Erik, Matti und Britta. Anhand von Beispielen wird die Ohnmacht einer Generation präsentiert. Werchows Tochter Britta wird wegen eines Liedtextes, den sie öffentlich macht, der Schule verwiesen, Bruder Erik in diesem Kontext von "höherer Stelle" genötigt, sich von seiner Schwester zu distanzieren, um sein Studium fortsetzen zu können, ein Akt, der bei Eltern und Geschwistern eine bittere Reaktion auslöst, der ihn innerlich belastet, der ihn "als Verräter" stigmatisiert, eine Forderung, die gleichzeitig eine nicht zu durchbrechende Willkür dokumentiert. Der Vater benennt die Situation als "... wir taktieren und paktieren, wir nehmen dauernd Rücksicht, wenn die aktuelle, politische Lage es wieder mal nicht zuläßt, etwas Notwendiges auszusprechen", der Mensch verlernt hat, " die einfache Wahrheit zu sagen". Entschieden verlangt er die "Rückkehr zur Menschenmoral."
Meinhardt webt ein Netz aus Vergangenheit und Gegenwart zu einem dichten Gespinnst vielfältiger menschlicher Erfahrungen und Empfindungen in einem Regime, in dem Schweigen dominiert statt Kommunikation, mit detailiertem Einblick in politische sowie persönliche Denk- und Verhaltensweisen.

Eindruckvolles Portrait mehrerer Generationen. 

Signatur: SL
Schlagworte:
Deutschland|Familie|DDR|20 Jh.
Bewertung: +++
Rez.:
Brigitta Morgenstern

 

B Biografien, Briefe, Tagebücher

Birthler, Marianne: Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben. Erinnerungen. München: Hanser Berlin 2014. 397 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-446-24151-0, geb.: 22,90 €

Autobiografie von Marianne Birthler, die 10 Jahre die Stasi-Unterlagenbehörde leitete.

Seit der Wende taucht Marianne Birthler (* 1948) immer wieder auf als friedliche Revolutionärin, Abgeordnete, brandenburgische Ministerin und als Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde. In ihrer Autobiografie erzählt sie anschaulich vom Alltag im Ostberlin der 50/60er Jahre, vom Treffen mit Gleichgesinnten in der evangelischen Gemeinde und vom Widerstand im Stillen. Schon als 15jährige fiel sie auf, weil sie die Junge Gemeinde der FDJ-Mitgliedschaft vorzog. Mit 20 J. heiratet sie den Tierarzt Wolfgang Birthler, der, weil Wehrdienstverweigerer, selbst als junger Vater als Bausoldat dienen musste. Nach der Scheidung 1983 findet sie Arbeit im kirchlichen Raum und wird zu einer führenden Stimme des friedlichen Umbruchs. Der Leser erfährt viel über den Alltag der DDR, den Kampf um ein richtiges Leben, von Solidarität und Freiheitsgeist. Die Arbeit für die Stasi-Unterlagenbehörde braucht  viel Fingerspitzengefühl und Engagement. Immer wieder muß sie auch Enttäuschungen hinnehmen. Durch das Verhalten einzelner Westdeutscher kann sie aber mit Stolz auf ihre Arbeit zurückblicken und warnt vor einer Verharmlosung des damaligen Systems.

Breit  zu empfehlen auch in Auszügen für Diskussionsgruppen.

Signatur: Bb
Schlagworte:
DDR|Zeitgeschichte|Alltag|Engagement
Bewertung: +++
Rez.:
Armgard Klein

 

Decker, Markus: Zweite Heimat. Westdeutsche im Osten. Berlin: Ch. Links 2014. 238 S. : Ill. ; 21 cm. ISBN 978-3-86153-798-4, kt.: 16,90 €

Migration von West- nach Ostdeutschland nach dem Mauerfall.

"Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ – ein Diktum Willy Brandts vom November 1989, das nicht so schnell Gestalt annahm, wie er sich wünschte. Auch heute noch kommen nahezu alle strukturbedingenden Unternehmen aus Westdeutschland oder aus dem Ausland, innerdeutsche Transferleistungen sind für die Ökonomie unabdingbar, und ein Großteil der Menschen in den Führungseliten von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind Westdeutsche. Was bedeutet das alles für die Menschen in Ostdeutschland und für die Menschen aus dem Westen, die aus unterschiedlichsten Gründen dort eine neue Heimat gesucht haben? Mit dieser Frage befasst sich Markus Decker in diesem Buch. Er stellt einen kenntnisreichen Essay als Einleitung voran. Darauf folgen 21 Fallbeispiele, die Auskunft geben über die Motive, die die Menschen dazu brachten, sich im Osten niederzulassen, von den zahlreichen Studierenden an den Universitäten bis hin zu den Rentnern – „glücklich in Görlitz“. Die Integration gelingt mehr oder weniger gut, was sehr abhängig ist von dem Blick, den die Migranten auf die neue Heimat werfen. Ein Resümee mit Ausblick beendet das Buch. Anmerkungen und Literaturverzeichnis sind selbstverständlich, die Fotos der Vorgestellten eine schöne Zugabe.

Gerade 25 Jahre nach dem Fall der Mauer eine lohnende, oft überraschende Lektüre.

Signatur: Ba
Schlagwort: Zeitgeschichte|Wende|Migration|DDR
Bewertung: ++
Rez.: Lieselotte Diepholz

 

Geipel, Ines: Generation Mauer. Ein Porträt. Stuttgart: Klett-Cotta 2014. 275 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-608-94749-6, geb.: 21,95 €

Portrait der in den sechziger Jahren in Ostdeutschland geborenen Generation.

Die heute 45- bis 55-jährigen "Mauerkinder" haben ein halbes Leben vor der Wende und ein halbes danach erlebt, "dazu das Jahr 1989 selbst, als Zentrum, als Zeitschnitt, als Dreh- und Angelpunkt". Wer ist diese in der DDR aufgewachsene Generation, der sich nach dem Mauerfall ungeahnte Chancen boten? Dieser Frage geht die 1960 in Dresden geborene, frühere Leistungssportlerin Ines Geipel nach, die durch ihren Vater, einen Westspion, und durch staatlich verordnetes Zwangsdoping extrem unter dem menschenverachtenden "System Honecker" zu leiden hatte. Mit ihrem Buch möchte sie ihrer Generation kein Etikett zuteilen, sondern vielmehr versuchen, "im einzelnen Leben die eigene Zeit zu begreifen". Deshalb schildert sie neben ihrer eigenen Biografie die einiger Freunde und ehemaliger Kommilitonen. So jedoch kommt sie der "Generation Mauer" nicht auf die Spur, denn sie wirft nur einen Blick auf die Akademiker und betont zudem die Unterschiede in den Lebensläufen weit mehr als die Gemeinsamkeiten.

Dennoch ein lesenswertes Buch, das vor allem als Diskussionsgrundlage für Gesprächskreise gut geeignet ist.

Signatur: Ba|Gg
Schlagworte: DDR|Wende|Lebenslauf|Erwachsenwerden
Bewertung: ++
Rez.: Elisabeth Schmitz

 

Hanisch, Helmut: Unterwegs. Eine Kindheit und Jugend im geteilten Deutschland. Stuttgart: Calwer 2014. 192 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-7668-4301-2, kt.: 14,95 €

Lebenserinnerungen eines "Flüchtlingskindes".

Helmut Hanisch, geboren 1943 in Breslau und heute emeritierter Professor für Religionspädagogik, blickt auf eine ereignisreiche Kindheit und Jugend zurück. Mit zwei Jahren musste er zusammen mit seiner Großmutter, seiner Mutter und den beiden Schwestern vor den Russen nach Görlitz fliehen. Der aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Vater nahm dort eine Stelle als Lehrer an und der Junge verlebte eine glückliche und weitgehend unbeschwerte Kindheit. Die Flüchtlingsfamilie hielt zusammen und trotzte dem Sozialismus, so gut sie konnte. Als der Vater wegen der Konfirmation seiner Tochter Repressalien zu spüren bekam, beschloss die Familie erneut zu fliehen, diesmal nach Westberlin. Von da aus führte ihr Weg  nach Süddeutschland, wo Helmut Hanisch später an einem evangelischen Seminar sein Abitur ablegte. Ohne jedes Pathos, dafür aber mit einer gehörigen Portion Humor, erzählt der Autor seine Lebensgeschichte und erinnert sich voller Dankbarkeit an die Menschen, die ihn geprägt haben.

Ein äußerst lesenswertes, kurzweiliges Buch, das für Gemeinde- und Patientenbüchereien gleichermaßen geeignet ist.

Signatur: Bb
Schlagworte:
Flucht|DDR|Erinnerung
Bewertung: +++
Rez.:
Elisabeth Schmitz

 

Mueller-Stahl, Armin : Dreimal Deutschland und zurück. Aufgeschrieben von Andreas Hallaschka. Hamburg: Hoffmann & Campe 2014. 239 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-455-50317-3, geb.: 19,99 €

Armin Mueller-Stahl blickt als Fünfundachtzigjähriger zurück auf sein Leben.

Mueller-Stahl wurde 1930 in Tilsit (damals Ostpreußen) geboren. Von dort ist seine Familie seit 1912 drei Mal geflohen. Früh fühlte er sich zur Musik hingezogen und studierte in Berlin Violine: „Ich wollte Musik machen über alles was ich berührte.“ Doch dann beginnt er eine Karriere am Theater und wird zu einem der bekanntesten Film- und TV-Schauspieler in der DDR. Wegen Diffamierung geht er 1976 in den Westen. Er hatte viele Freunde in Ost und West. Doch im Westen spürt er bei aller Freude über die gewonnene Freiheit den Verlust der vertrauten Sicherheit. Beglückt ist er von der Zusammenarbeit mit Fassbinder und der Freundschaft mit dem Verleger Siedler. Als die Mauer fällt dreht er gerade einen Film in Hollywood. Seine Devise: Als Künstler will ich Brückenbauer sein, der überall zu Hause ist und Freunde findet. Ein spannender Lebensrückblick eines aufmerksamen Zeitzeugen, der offensichtlich noch viel vor hat. Kongenial aufgeschrieben vom "Merian"-Chefredakteur Andreas Hallaschka.

Ein überaus spannendes Buch über einen herausragenden zugewandten Künstler, das nachdrücklich empfohlen wird.

Signatur: Bb
Schlagworte: Künstler|Zeitzeuge|DDR
Bewertung: +++
Rez.: Christine Razum

 

Rennefanz, Sabine: Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration. München: Luchterhand 2013. 255 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-630-87405-0, kt.: 16,99 €

Langversion des preisgekrönten Essays "Uwe Mundlos und ich".

Eisenhüttenstadt wurde ohne Kirchen geplant. Die Autorin Sabine Rennefanz wurde dort geboren. Sie gehört zur selben Generation wie Uwe Mundlos und wuchs in vergleichbaren ostdeutschen Verhältnissen auf. Aber aus ihr wurde keine Nazimörderin. Als Redakteurin der Berliner Zeitung gehört sie sogar zu den Akteuren des deutschen Journalismus. Auch sie hat jedoch eine Erfahrung mit geschlossenem Denken und harten Gruppenregeln. Nach ihrem Abitur begann sie in Hamburg zu studieren und geriet dort in die Kreise einer Freikirche, die totalitäre Züge hatte. Rückblickend urteilt sie, dass sie diese Phase brauchte, um die neue, scheinbar regellose Zeit nach der Wende zu überstehen. Nur eine Liebesbeziehung ermöglichte ihr letztlich den Ausstieg und das Wachstum in eine differenzierte Weltsicht. Die "Stille Wut" der Wendegeneration dürstete nach radikalen Lebenskonzepten. Aber was wäre z.B. mit Uwe Böhnhardt passiert, wenn er seinen festen Job nicht doch nach einem Monat wieder verloren hätte?

Ein heterogenes, sehr biografisches und ebenso offenherziges Buch, das Menschen mit Ost- und West-Biografien neue Deutungsmuster vorschlägt.

Signatur: Bb|Gg
Schlagworte: DDR|Nationalsozialismus|Biografie|Wende
Bewertung: ++
Rez.: Frank Hiddemann

 

Simon, Jana: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Berlin: Ullstein 2013. 281 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-550-08040-1, geb.: 19,99 €

Zwei Generationen - zwei Wirklichkeiten. Jana Simon befragt ihre Großeltern Christa und Gerhard Wolf.

Das Buch trägt den Titel eines der Liebesgedichte von Christa Wolf (1929-2011) „Sei dennoch unverzagt“. Das Gedicht hatte Gerhard Wolf (*1928)  zur Beerdigung Christa Wolfs  ausgesucht. Jana Simon (*1972)  fragt als Enkelin, nicht als Journalistin; manche Themen werden nur oberflächlich gestreift, manche gar nicht, andere ausführlicher besprochen. Vom 22. August 1998, 1999, 2008 und 2012, mit dem Großvater reicht der Horizont der Gespräche, die das Verhältnis der Generationen, Freundschaften, Repressionen und politische Zeitumstände, das Verständnis als Schriftsteller und den Werdegang, Familiensituationen, Freundschaften und vieles andere zum Thema haben. Ein Buch mit „wie mit den Wellen am Strand bei leichter See“, dahin plätschernde, assoziierende und mitunter öffnende Passagen, das die Arbeit und das Leben eines Schriftstellerehepaares, ohre Zeit und die gesellschaftlichen und künstlerischen Umstände lebendig werden lässt.

Ein Stück Zeitgeschichte und das sehr persönliche Porträt eines außergewöhnlichen Künstlerpaares.

Signatur: Bb|Lb
Schlagworte: Literatur|DDR|Gesellschaft|Zeitzeugen
Bewertung: ++
Rez.: Martin Weskott

 

Wensierski, Peter: Die verbotene Reise. Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht. München: Dt. Verl.-Anst. 2014. 252 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-421-04615-4, geb.: 19,99 €

Unabhängig reisen, fremde Länder entdecken, ein System überwinden – zwei DDRlern der 80er Jahre gelang dies.

Gänzlich fremde Welten auf Reisen entdecken? Und das als DDRler? Ja, das gab es. Dieses unglaubliche Buch beweist es. Bevor der exmatrikulierte Biologie-Student und Ornithologe sich mit Freundin Marie auf den Weg gen Mongolei, UdSSR und China macht, reiste er schon oft in den Osten, um Land, Leute und Vögel zu entdecken, zu fotografieren und Vorträge zu halten – illegal ohne Länder-Einladung. 1987 verhilft eine selbstgebastelte Einladung zu den nötigen Visa. Genau werden Ausrüstung, Filme, Dollars für den Notfall und Landeskenntnisse vorbereitet, um nicht als DDR-Tourist aufzufallen. In der Mongolei trampen sie per Frachtflieger und Ziegen-LKW. Die Bekannten, ob Nomade, Autor oder russischer Pilot, sind stets gastfreundlich. Die Zwei passen sich den jeweiligen Sitten und Lebensphilosophien an und begegnen trickreich Kontrollen. Basierend auf Interviews, Tagebuchnotizen und Stasi-Details, vermittelt sich ein Lebensgefühl junger DDR-Bürger und eindrucksvoll, mit Fotos, kommen ferne Länder näher. In Peking trennen sich die Zwei – die Erde ist rund.

Spannend zu lesen, wie hier jemand konsequent seine Ideale lebte, beharrlich einen Traum verfolgte und dabei seinen inneren und äußeren Horizont erweiterte. Sehr empfohlen, auch zum Vorlesen geeignet! 

Signatur: Bb|Ee
Schlagworte: Reisen|DDR|Fernweh|Selbsterfahrung
Bewertung: +++
Rez.: Delia Ehrenheim-Schmidt

 

G Geschichte

Führer, Christian: Frech - Fromm - Frei. Worte, die Geschichte schrieben. Mit einem Vorwort von Margot Käßmann. Leipzig: Ev. Verl.-Anst. 2014. 243 S. ; 19 cm. ISBN 978-3-374-03743-8, kt.: 14,80 €

Reden und Predigten einer Legende der DDR-Bürgerbewegung aus den Jahren 1989 bis 2012.

Vor fünf Jahren erschien Christian Führers Biografie "Und wir sind dabei gewesen". Das Leben des Pfarrers der Leipziger Nicolaikirche ist eng mit dem Ende der DDR und der politischen Wende in Deutschland verknüpft. Seine Friedensgebete waren, wie er sagen würde, das Senfkorn, das sich allmählich zu einem großen Baum auswuchs. Nun hat die Evangelische Verlagsanstalt seine Reden und Predigten seit 1989 herausgegeben. Für den Zeitgeschichtler ist es sicherlich faszinierend zu lesen, wie ein Mensch bewaffnet mit einer Handvoll Bibelsprüche und einer ähnlich begrenzten Menge von Gedanken, so große politische Wirkungen erzielen konnte. An dieser Stelle brauchte es wohl einen Mann, der mit aller Schlichtheit, aber unbeugsamer Gewissheit Wahrheiten verkündete und vor allem ganz unmittelbare Übertragungen aus der Bibel vornahm. Der 7. Oktober feierte der Staat 40 Jahre DDR. Das war der Karfreitag. Die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 mit ihrer politischen Signalwirkung war Ostern.

Eine Fundgrube für Historiker der Wende und zeitgeschichtlich Interessierte und natürlich für alle, die dabei gewesen sind.

Signatur: Gg|Cm
Schlagworte: Wende|Predigten|DDR|Zeitgeschichte
Bewertung: ++
Rez.:
Frank Hiddemann

 

Zipser, Richard A.: Von Oberlin nach Ostberlin. Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene. Berlin: Ch. Links 2013. 224 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-86153-712-0, geb.: 24,90 €

Ein amerikanischer Literaturwissenschaftler gibt aus eigener Anschauung einen tiefen Einblick in die enge Lebenswelt von Autoren und Verlegern in den letzten Jahren der DDR.

Der Verfasser lehrte von 1969 bis 1986 am Oberlin College in Ohio, seit 1986 leitet er das Institut für Fremdsprachen und -literaturen an der University of Delaware. 1985 erschien sein Buch „DDR-Literatur im Tauwetter“ (3 Bände) und 1995 „Fragebogen: Zensur. Zur Literatur vor und nach dem Ende der DDR“. Die Recherchen zur DDR-Literatur führten Richard A. Zipser seit 1973 immer wieder nach Ostberlin. Über seine Aufenthalte und Begegnungen existiert eine Stasi-Akte, zu der die Schriftsteller Uwe Berger, Fritz Rudolf Fries und Paul Wiens, der Verleger Konrad Reich, Anneliese Löffler, ein Juristen-Ehepaar und die Haushälterin Stefan Heyms Beiträge lieferten. Zipser war freundschaftlich mit Jurek Becker, Elke Erb, Karl-Heinz Jakobs, Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch, Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger und Christa Wolf verbunden. Im März 1993 entschied sich Zipser, seine Stasi-Akte einzusehen, dem wurde 1999 schließlich stattgegeben.

Die Lektüre der Akten - so Zipser - soll einen individuellen Einblick in das literarische, kulturpolitische und ganz alltägliche Leben in der DDR vermitteln.

Signatur: Gg|Lz
Schlagworte: DDR|Literatur|Autor|Stasi
Bewertung: ++
Rez.: Martin Weskott

 

CDs für Erwachsene

Maron, Monika: Zwischenspiel. Autorenlesung. Berlin: Argon 2013. 3 CDs ; 228 Min. ISBN 978-3-8398-1257-0, : 18,95 €

Ein Todesfall bringt Ruth dazu, Zwischenbilanz zu ziehen über ihr Leben.

Unerklärliche Sehstörungen werfen die Ich-Erzählerin Ruth, die auf dem Weg zur Beerdigung ihrer mütterlichen Freundin Olga ist, aus der Bahn. Vor ihren Augen verschwimmen Realität und Erinnerungen. Sie diskutiert mit verschiedenen mittlerweile verstorbenen Personen über Weichenstellungen auf ihrem Lebensweg. Die Autorin lässt in diesem leicht phantastisch anmutenden Szenario ihre Protagonistin über gescheiterte Beziehungen, problematische Familienkonstellationen, aber auch politischen Verrat reflektieren. Die (Selbst)-Gespräche spiegeln so auch ein Stück DDR-Wirklichkeit wider. Es ist die Frage nach der Schuld, die immer wieder aufkommt. Kann man leben, ohne Schuld auf sich zu laden? Oder hat Olga Recht, die betont: „Schuld bleibt immer, so oder so“?Dass sogar Margot und Erich Honecker scheinbar leibhaftig auftauchen, ideologisch verbohrt wie immer, gibt der Geschichte eine ironische Leichtigkeit. Monika Maron bringt die verschiedenen Stimmungen in ihrer Lesung gut zum Ausdruck.

In der scheinbar leichtfüßigen, poetisch erzählten Geschichte verbergen sich viele kluge Einsichten zu existetiellen Fragestellungen. Für literarisch interessierte HörerInnen.

Signatur: SL
Schlagworte:
Schuld|DDR|Leben|Rückblick
Bewertung: +++
Rez.:
Birgit Schönfeld