Arm und Reich

Nawrat, Matthias: Unternehmer. Roman. Reinbek: Rowohlt 2014. 136 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-498-04612-5, geb.: 16,95 €

Böse Abrechnung mit der heutigen Leistungsgesellschaft.

"Unternehmertum" bedeutet Entbehrungen. Der Unternehmer muss immer bereit sein, immer vollen Einsatz zeigen. So kennen es auch die Kinder Lipa und Berti, die ihrem Vater täglich bei seinen Unternehmungen zur Hand gehen. In alten Industrieanlagen gibt es immer etwas zu holen, das sich zu Geld machen lässt. Und Geld brauchen sie für die Auswanderung. Im nächsten Jahr. Doch dann verunglückt Berti…
Selbstausbeutung, Selbsttäuschung, Selbstaufgabe – das sind die Themen. Und das ist eine bitterböse Abrechnung mit den so genannten Idealen einer Leistungsgesellschaft, die die wahren Werte des Lebens längst aus den Augen verloren hat. Geschildert aus der Sicht der 13-jährigen Lipa, daher noch recht kindlich-naiv, erscheint die Geschichte nur umso härter. Der frühe Beginn eines rücksichtslosen Arbeitslebens, in dem Träume allzu leicht an der so genannten Realität scheitern – aber auch Hoffnung geben. (Nominiert für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014.)

Eine vordergründig unterhaltsame, hintergründig scharf gesellschaftskritische Erzählung für anspruchsvolle Leser.

Signatur: SL
Schlagworte: Gesellschaft|Deutschland|Arbeitswelt|Tod
Bewertung: +++
Rez.: Jan van Nahl

Smith, Pete: Arm sind die anderen. Wien: Ueberreuter 2011. 159 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8000-5635-4, geb.: 12,95 €

Als Sly merkt, dass seine Mutter ihn und die Geschwister im Stich gelassen hat, muss er handeln.

“Ich kann einfach nicht mehr“, hat Slys Mutter mit Lippenstift auf den Spiegel geschrieben und ist verschwunden. Jetzt steht Sly einen Tag vor Weihnachten mit seinen drei jüngeren Geschwistern und seinem dementen Opa allein da. Ohne Geld und ohne eine Antwort darauf, warum seine Mutter das getan hat. Zwar sind die Familienverhältnisse schwierig – alle Geschwister von einem anderen Vater, die Depressionen der Mutter – aber wirklich arm dran, so dachte Sly immer, seien die anderen. Mit seiner Familie im Schlepptau beginnt Sly durch den Schnee eine wahre Odyssee auf der Suche nach der Mutter. – Sly ist ein sympathischer und besonders authentischer Ich –Erzähler mit Stärken (großes Verantwortungsbewusstsein und Sich-Kümmern) und menschlichen Schwächen. Der Umgang zwischen den Geschwistern ist rau und die Sprache schonungslos, aber real. Das Buch endet hoffnungsvoll. – Plakatives, die Zielgruppe ansprechendes Cover.

Sehr fesselnd geschrieben. Eine Story, die vorwärts drängt. Ein Wettlauf mit der Zeit. Kann besonders Jungen empfohlen werden. Ab 14 J.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Familienkonflikt|Geschwister|Armut
Bewertung: +++
Rez.: Judith Richter

Schnipselgestrüpp. Christian Duda. Ill. von Julia Friese. Zürich: Bajazzo 2010. o. Pag. : überw. Ill. ; 23 cm. ISBN 9783905871166 geb.: 14.90€

Aus Zeitungsschnipseln – Textfragmente und Bildern aus aller Welt - bastelt sich ein Junge eine eigene fantasievolle Welt.

Vater ist arbeitslos. Apathisch hockt er mit seiner Frau vor dem Fernseher. Im kahlen Zimmer des Jungen gibt es keine Spielsachen, aber zahlreiche alte Zeitungen, die als billiger Teppichersatz dienen. In diesen Zeitungen entdeckt der Junge eine Traumwelt. Er schneidet Texte und Bilder aus und collagiert sich eine fantasievolle Welt. Der Bericht über eine Gottesanbeterin fasziniert ihn so sehr, dass er – selbst zum Insekt mutiert – ganz in ihre grüne freundliche Welt eintaucht. Blumen und Gräser überwuchern allmählich die Trostlosigkeit der Wohnung. Selbst der skeptische Vater findet sich als Frosch in der Fantasiewelt ein und auch die Mutter riskiert schon einen Blick. Armut ist in Deutschland längst keine Ausnahmeerscheinung mehr, vor allem Kinder leiden darunter. Die Geschichte – in ihrem Charakter durch die expressiv kräftigen, collagedurchwebten Zeichnungen geprägt - zeigt (natürlich) keine Lösung auf. Die Flucht in die Fantasie ändert die Situation nicht – aber die Geschichte sensibilisiert, zeigt das Problem auf, ist Anstoß zum Weiterdenken und –sprechen.

Armut mit Fantasieträumen begegnen – die Gefahr, die Geschichte so misszuverstehen, ist durchaus gegeben, vor allem für die, die selbst nicht betroffen sind. Doch der genauere Blick zeigt, dass es hier nicht um simple Lösungen geht, sondern um die Chance mit Fantasie Lethargie und Angst zu überwinden. Das Buch ist Diskussionsanlass – für ältere Kinder und Erwachsene.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Arbeitslosigkeit|Arm und Reich
Bewertung: ++
Rez.: Dietrich Grünewald

Deutschland Dritter Klasse. Leben in der Unterschicht. Julia Friedrichs. Eva Müller. Boris Baumholt. 1. Aufl. Hamburg: Hoffmann & Campe 2009. 207 S. ; 21 cm. ISBN 9783455501124 kt.: 14.95€

Zusammenfassender Bericht zur Situation von Menschen mit geringen Zukunftschancen.

Die Autoren berichten über ihre Beobachtungen, die sie bei Menschen mit Problemen in der Schule bzw. der Arbeitswelt machen konnten. Dabei erstreckt sich der Beobachtungszeitraum auf eine Dauer von ca. vier Jahren. An vielen Stellen des Berichts wurden Auszüge aus Statistiken und Untersuchungen offizieller Stellen eingefügt, die jeweils ein zusätzliches Licht auf die angesprochenen Umstände werfen. Viele der beschriebenen Lebensumstände sind den LeserInnen vielleicht schon aus den in den vergangenen Jahren gesendeten Fernsehbeiträgen der Autoren bekannt. Hier im Buch kommt zusätzlich noch der vergleichende Aspekt zwischen den Einzelbeiträgen dazu, was den Gesamteindruck zusätzlich schärft. Das Buch nimmt eine Bestandsaufnahme vor und zeigt nur bedingt Lösungsansätze auf. Dies war aber sicher auch nicht das Ziel.

Sehr aufschlussreiche Dokumentation des Sozialstaates. Allen Büchereien gern empfohlen.

Signatur: Sa 5|Sb 2
Schlagworte: Hartz IV|Arm und Reich|Arbeitslosigkeit|Bildung
Bewertung: +++
Rez.: Peter Mieglitz

Ein mittelschönes Leben. Ein Kinderbuch über Obdachlosigkeit. Kirsten Boie. Ill. von Jutta Bauer. 1. Aufl. Hamburg: Hinz & Kunzt 2008. 27 S. : Ill. ; 19 cm. ISBN 9783000261466 kt.: 4.80€

Die Geschichte eines Mannes, der aus einem ganz normalen Leben heraus in die Obdachlosigkeit geraten ist.

Eine Familie, Arbeit, mit der man Geld verdienen kann, ein Zuhause - eigentlich ist das selbstverständlich. Der Mann, von dem hier erzählt wird, hatte das alles auch. Aber als seine Frau sich von ihm scheiden ließ und er kurz darauf seine Arbeit verlor, fingen die Schwierigkeiten an: Vereinsamung in einer fremden Stadt, erneuter Verlust des Arbeitsplatzes, Schulden, Alkohol. Anders als manche Themenbücher ähnlicher Art kommt Kirsten Boie ohne pädagogischen Zeigefinger aus. Sie erzählt in einem einfühlsamen Sprachduktus, unsentimental, ohne falsches Mitleid. So entsteht Verständnis für das Schicksal von obdachlosen Menschen und das macht eine menschenwürdige Begegnung möglich. Jutta Bauers Illustrationen zeigen deutlich die Emotionen des Mannes und bewegen genauso wie der Text. Im Anhang befragen Grundschulkinder Obdachlose über ihr Leben. Die Antworten werden durch Sachinformationen ergänzt.

Ein ganz wichtiges Buch für alle Kinder im Grundschulalter und ihre Eltern, für Religions- und Projektunterricht. Der Erlös unterstützt das Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunzt" (www.hinzundkunzt.de).

Signatur: Ju 1/2
Schlagworte: Obdachlosigkeit|Werte|Erziehung|Arm und Reich
Bewertung: +++
Rez.: Heidrun Martini

Arme Kinder, reiches Land. Ein Bericht aus Deutschland. von Huberta Voss.. 1. Aufl. Reinbek: Rowohlt 2008. 223 S. ; 20 cm. ISBN 9783498070649 kt.: 14.90€

Huberta von Voss schildert das Leben von Kindern, die im reichen Deutschland in Armut aufwachsen müssen.

Warum wird ein Achtjähriger zum Verbrecher? Warum haut eine Neunjährige von zu Hause ab? Die Autorin hat eine Reise durch die Elendsviertel Deutschlands unternommen, um zu erfahren, was Kinder empfinden, die inmitten von Wohlstand in Armut aufwachsen. Das Bild, das sie wiedergibt, ist erschreckend. Es zeigt Kinder, die von Anfang an keine Chance haben, weil ihr Leben überschattet ist von Arbeitslosigkeit oder Krankheit der Eltern, von Überschuldung, Alkohol und Drogen. Es vermittelt, dass Eltern, die selbst keine liebevolle Kindheit erlebt haben, die gleiche Teilnahmslosigkeit oder die erlebte Gewalt an ihre Kinder weitergeben. - Die Autorin begnügt sich aber nicht damit, dem Leser ein hoffnungsloses Bild vorzuhalten. Unterwegs sind ihr im wahrsten Sinne des Wortes "rettende Engel" begegnet. So kann sie zeigen, wie konkrete Hilfe aussieht und dass dafür viel mehr Unterstützung nötig wäre.

Hervorragend für die Gemeindearbeit geeignet. Eine aufschlussreiche und lesenswerte Darstellung des Subproletariats in Deutschland, die für viele politische Entscheidungen als Wegweiser dienen sollte. Allen Gemeindebüchereien sehr empfohlen.

Signatur: Ba|Sb 2
Schlagworte: Gesellschaft|Kinder|Arm und Reich|Deutschland
Bewertung: +++
Rez.: Ute Lawrenz

Leben auf Sparflamme. Christine Biernath. 1. Aufl. Stuttgart: Gabriel 2008. 188 S. ; 21 cm. ISBN 9783522301473 geb.: 12.90€

Eine lebensnahe Geschichte über das Leben in Armut, die mit Sensibilität die Gefühlswelt Jugendlicher aufzugreifen weiß.

Jessicas Leben ändert sich schlagartig, als ihr Vater seinen Job verliert und keine neue Anstellung findet. Auf einmal wird alles anders. Die Familie zieht vom idyllischen Stadtrand in die Großstadt, weg von ihrer gewohnten Umgebung, ihren Freunden und ihren Großeltern. Die Familienharmonie gerät ins Wanken. Jessicas Vater verfällt in Depressionen, und auch wenn Jessicas Mutter versucht, die meisten Sorgen von ihren Kindern fern zu halten, bestimmen die großen Geldprobleme den Alltag der Familie. All das, was zuvor selbstverständlich ist, wird unmöglich. Ob fürs Ausgehen mit Freunden, Kino- oder Schwimmbadbesuche, selbst für den normalen Lebensmitteleinkauf bedarf es Geld, das fehlt, so dass die Familie bei der Tafel einkauft. In all diesen Widrigkeiten lernt Jessica ihren Klassenkameraden Florian kennen und erkennt, dass es auch Sachen gibt, die kein Geld kosten und glücklich machen.

In der Geschichte über das Gesellschaftsproblem der Armut können sich vor allem junge Mädchen in ihrer Gefühlswelt wiederfinden. Zu empfehlen für Jugendliche ab 12 J.

Signatur: Ju 2/2
Schlagworte: Familie|Jugend|Liebe|Arm und Reich
Bewertung: ++
Rez.: Magdalena Taraba