Literatur und Religion

Schlager-Weidinger, Thomas: verrückter himmel. Theopoetische Texte über Gott und die Welt. Würzburg: Echter 2013. 189 S. : 20 cm. ISBN 978-3-429-03633-1, kt.: 14,80 €

Unkonventionell hinterfragende, sorgsam dem einzelnen Wort nachspürende Texte zu uralten Glaubens- und Lebensfragen.

Der Band versammelt poetische Texte, die in den letzten 25 Jahren entstanden und hier nicht chronologisch, sondern thematisch zugeordnet wurden. Die erste Gruppe unter 'einfach göttlich', in der Aspekte der Gotteslehre im Fokus stehen und wiederum in -ahnungen, begegnungen, offenbarungen, mutmaßungen, prüfungen- unterteilt sind. Die zweite Gruppe 'göttlich einfach', in der Menschen in Bezug zum göttlichen Angebot stehen, untergliedert in -annäherungen, zustände, ankunft, entfaltungen, zusagen, konsequenzen. Die Kleinschreibung symbolisiert die gleiche Wertigkeit jedes Wortes, hebt keines optisch hervor. Jedes wird gewendet, hinterfragt und aus festgefügten Mustern genommen und in kreativer Formenvielfalt neu gefügt. So entstehen verblüffende Sinndeutungen. Die theologia poetica Schlager-Weidingers erinnert an die geerdete, neuartige Lyrik von Dorothee Sölle und Kurt Marti. Wortgewaltig verrückt sie Himmel und Erde gleichermaßen.

Für an moderner christlicher Lyrik interessierte Leserinnen und Leser eine anregende Lektüre.

Signatur: SL|Ci
Schlagworte: Gottesbezüge|Religion|Lyrik
Bewertung: +++
Rez.: Halgard Kuhn

Die wittenbergische Nachtigall. Hg. von Johannes Block. Mit Beiträgen von Friedrich Schiller u.a. Leipzig: Ev. Verl.-Anst. 2013. 114 S. ; 20 cm. ISBN 978-3-374-03422-2, geb.: 14,80 €

Sammlung mit Gedichten zu Leben und Werk des Reformators von Zeitgenossen bis zu Autoren der Gegenwart.

Martin Luthers Einfluss und Wirkung war schon zu seinen Lebzeiten enorm groß und kontrovers. Das fand über fünf Jahrhunderte seinen Niederschlag in der Poesie und spiegelt den jeweiligen Zeitgeist, aber auch das Verhältnis der Textdichter zu der neuen Lehre, die weiterhin Befürworter und Gegner fand. Uneingeschränkte Bewunderung aller gilt seiner Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Sprache. Der Buchtitel ist von Hans Sachs' gleichnamigem Gedicht entlehnt, jener Nachtigall, "die man jetzt höret überall" und für jenes Mönchlein steht, das zu Wittenberg "uns wecket aus der Nacht/ Darein der Mondschein uns gebracht", der für die päpstliche Irrlehre steht. Die Auswahl von 36 Gedichten in chronologischer Folge dokumentiert in vielen Facetten die unterschiedliche Konzeption durch die Zeit und eine gewisse Abkehr von früherer Überhöhung der Person hin zu kritischer Reflexion im 20. Jahrhundert.

Die unterschiedlichen Gedichte laden ein zu einer nuancenreichen Zeitreise durch fünf Jahrhunderte, die mit Ausflügen zu Leben und Werk der Textdichter, und der zwei Dichterinnen, ergänzt werden könnte.

Signatur: SL|Cc 31
Schlagworte:
Luther|Reformation|Freiheit
Bewertung: +++
Rez.: Halgard Kuhn

Ziedan, Youssef: Azazel. Roman. Dt. von Larissa Bender. München: Luchterhand 2011. 446 S. ; 22 cm. Aus d. Arab. ISBN 978-3-630-87331-2, geb.: 22,99 €

Ein Plädoyer gegen jegliche Gewalt im Namen der Religion. Lesegenuss mit theologischem Tiefgang, sprachlich eine Götterspeise.

Die Muslime protestierten, die Kopten in Ägypten forderten ein Verbot dieses Buches. Wann immer jemand für eine lebensbejahende, undogmatische Religion plädiert, sind Widerstände nicht fern. - Beschrieben wird die Lebensgeschichte des koptischen Mönchs Hypa, aufgewachsen unter den alten ägyptischen Göttern, konvertiert zum jungen Christentum im fünften Jahrhundert, der sich auf die Wanderschaft macht: geografisch von Alexandria nach Antiochien, innerlich durch die theologischen Wirren der jungen Kirche. Er erfährt die Gewaltbereitschaft der Christen in Ägypten, begegnet dem „anderen Geschlecht“ in Person einer emanzipierten alexandrinischen Frau und einer christlichen Chorsängerin und lernt den sympathischen-klugen „Ketzer“ Nestorius kennen. Und immer wieder treibt ihn Azazel - der Teufel - an, seine Geschichte aufzuschreiben, wobei nicht klar ist, ob dieser eine eigenständige Macht oder ein inneres Prinzip ist. Das Beste: Die Sprache ist wie süßer Honig, aromatisch, rund, aber sehr eigen.

Ein Lesegenuss für geübte LeserInnen. Empfohlen für Gesprächszirkel mit theologischem Interesse und für die eigene theologische Bildung.

Signatur: SL
Schlagworte: Frühes Christentum|Christologie|Teufel|Toleranz
Bewertung: +++
Rez.: Volker Dettmar

Der Aufklärer. Wie Gotthold Ephraim Lessing die Religionen zur Toleranz ermunterte. Hans-Jürgen Benedict. Uwe Birnstein [Hrsg.]. Berlin: Wichern 2010. 119 S. : Ill. ; 21 cm. ISBN 9783889812988 kt.: 9.95€

Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung des großen Denkers und Dramatikers.

Knapp und prägnant gelingt es H.-J. Benedict in verständlicher Sprache einen der bedeutendsten deutschen Dichter und Aufklärer treffend zu charakterisieren. Eigentlich sollte Lessing Pfarrer werden. Doch das Theologiestudium führte ihn nicht auf die Kanzel, sondern auf die Bühne. Sie ermöglichte dem Dramatiker sich konsequenter in Theologie und Kirche einzumischen, als es ihm als Pfarrer möglich gewesen wäre. Benedict führt – dem Lebenslauf folgend - in die wichtigen Schriften und Werke Lessings ein und lässt ihn immer wieder selbst zu Wort kommen. Dabei wird er als Mensch lebendig – in seinem Verhältnis zum Elternhaus und in seinen Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Freunden und Gegnern. Auch Schattenseiten seiner Person und Schicksalsschläge in seinem Leben werden nicht ausgeblendet. Doch im Vordergrund steht die Frage nach Lessings Aktualität heute. Wie kann Lessings Verständnis der Religionen und seine Aufforderung zu mehr Toleranz die aktuelle Diskussion befruchten?

Für Gemeindebüchereien sehr zu empfehlen. Für LeserInnen, die Bücher zum Thema „Literatur und Religion“suchen.

Signatur: Cc 1|Lb
Schlagworte: Literatur und Religion|Aufklärung|Weltreligionen|Toleranz
Bewertung: +++
Rez.: Karl Foitzik

Jesus im Spiegel der Weltliteratur. Die Bilanz eines Jahrhunderts Originaltexte und Einführungen. Karl-Josef Kuschel. Ostfildern: Patmos 2010. 768 S. : Ill. ; 23 cm. ISBN 9783491724235 geb.: 39.00€

Eine umfangreiche Neuauflage des Standartwerkes von K.-J. Kuschel. Umfassend und spannend.

Das zwanzigste Jahrhundert wird durch seine bedeutendsten Literaten vertreten. Die Frauen fehlen bis auf Anna Seghers und Toni Morrison leider ganz. Die Auswahl beschränkt sich auf Texte der Prosa. Es wundert nicht, dass sich bei den ausgewählten Autoren (von Aitmatov bis Wilde) Bezüge zu Christus finden lassen, in die Kuschel sachkundig und eloquent einleitet. Er stellt Auszüge aus Interviews zur Verfügung, so dass eine besondere Annäherung gelingt und sich Beweggründe für die literarische Bearbeitung der Christusgeschichte verdeutlichen lassen. Dabei kommen zeitgeschichtliche Bezüge ebenso wie werkimmanente Zusammenhänge zu Wort. Sogar die in den im Buch versammelten Beispielen auftretenden Wiederaufnahmen von Themen und Motiven werden erklärt und beleuchtet. Dass dann auch noch die zitierten und bearbeiteten Texte im Ganzen abgedruckt sind (die Neuerung zur ersten Auflage von 1999!), macht das Buch zu einem Schatz. Damit kann man, wenn man mag, gut arbeiten und spannend lesen.

Sehr empfohlen zur Eigenlektüre wie auch für Lesekreise und Literaturgottesdienste.

Signatur: Cm|SL
Schlagworte: Christus|Literatur|Religion|Literatur und Religion
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

Nichts, was man fürchten müsste. Julian Barnes. Dt. von Gertraude Krueger. 1. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010. 332 S. ; 21 cm. Aus d. Engl. ISBN 9783462041866 geb.: 19.95€

Die Biografie eines vergnüglichen Schriftstellers am Leitfaden seiner Angst vor dem Tod.

"Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn." - Mit diesem Satz beginnt das Buch von Julian Barnes, dem wir viele heitere Bücher über große Themen verdanken wie z.B. "Die Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln". Julian Barnes leidet an akuter Todesangst, die ihn manchmal nachts Schweiß gebadet aufwachen lässt. Unaufhörlich kreisen seine Gedanken in diesem Buch um den Tod. Er erzählt, wie es großen Schriftstellern damit ging und wie seine Eltern mit ihm zurecht kamen. Er lässt seinen Bruder reden und geht alle Sätze durch, die man über den Tod sagt. Sie überzeugen ihn letztlich alle nicht. Weder: "Wir leben in unseren Kindern weiter", noch: "In unseren Büchern sind wir unsterblich". Sein eigener Tod bleibt ihm unbegreiflich und Angst auslösend. Dabei ist der Ton des Buches heiter und sehr gelehrt. Es kümmert sich um den Leser und unterhält ihn prächtig. Es ist ebenso vergnüglich zu lesen, wie die anderen Julian Barnes Bücher, die ich kenne.

Das Buch für den Herbst mit seinen bunt gefärbten toten Blättern und den einsetzenden Winterstürmen. Kapitelweise im Ohrensessel oder abschnittsweise im Gesprächskreis zu lesen.

Signatur: Bb|SL
Schlagworte: Tod|Literatur|Familie|Literatur und Religion
Bewertung: +++
Rez.: Frank Hiddemann

„Ich gönne mir das Wort Gott“. Gott und Religion in der Literatur des 21. Jahrhunderts. Georg Langenhorst. Freiburg: Herder 2009. 328 S. ; 22 cm. ISBN 9783451322266 geb.: 24.95€

Annäherungen an Gott in der Gegenwartsliteratur.

Seit einigen Jahren gibt es spannende und herausfordernde Versuche, sich Gott literarisch anzunähern. In Roman, Lyrik und auf der Theaterbühne ist Religion präsent. In neuer Unbefangenheit wagen sich Autorinnen und Autoren an den Tabubereich heran. Diese neuen literarischen Zugänge werden hier von Prof. Dr. Georg Langenhorst (Universität Augsburg) vorgestellt, analysiert und im Blick hin auf ihre literarische wie theologische Bedeutung interpretiert. Langenhorst betont, von einer „Renaissance des Religiösen” zu reden, sei schlichtweg unverantwortbar, weil es eine breite Tendenz nicht gibt. Religion sei sicher nicht das Thema der Gegenwartsliteratur, habe aber wieder ihren Platz in der Fülle der behandelten Themen gefunden. Die Namen der behandelten Autoren umfassen Erzähler wie Ralf Rothmann, Thomas Hürlimann und Sibylle Lewitscharoff, Dramatiker wie Lukas Bärfuss und Tankred Dorst, Lyriker wie Hans Magnus Enzensberger, Ulla Hahn und Michael Krüger, u.v.a

Empfohlen für alle, die es akademisch mögen und die sich mit dem Thema „Religion und Literatur“ eingehender befassen möchten. Für große Büchereien.

Signatur: Cm|Lc 3
Schlagworte: Gott|Literatur|Religion|Literatur und Religion
Bewertung: +++
Rez.: Christine Stockstrom