Literatur und Religion

De Luca, Erri: Den Himmel finden. Roman. Dt. von Annette Kopetzki. Berlin: List 2018. 190 S. ; 20 cm.
Aus d. Ital. ISBN 978-3-471-35171-0, geb.: 17,00 €

Die Restauration einer Figur des Gekreuzigten wird für einen Bildhauer zur handwerklichen wie geistigen Herausforderung.

Ein Mann verlässt sein altes Leben in einem Bergdorf an der italienischen Grenze. Durch einen Priester wird ihm, der sich mit kleinen Schnitzarbeiten über Wasser hielt, ein delikater Auftrag angeboten. Bei einer Christusfigur, ursprünglich nackt geschaffen, wurde durch spätere Bearbeiter die als obszön empfundene Blöße des Gekreuzigten bedeckt. Der Mann soll nun die Figur zu ihrer ursprünglichen Gestalt zurückführen.
Er ringt um den richtigen Weg, dies zu tun. Gespräche mit dem Priester, mit einem Rabbi und einem muslimischen Arbeiter begleiten den Prozess. Das Be-Greifen und Ent-Decken der Skulptur führt zu eindrücklichen Erfahrungen. Durch extreme körperliche Annäherung sucht der Mann eine geistige Nähe zu dem am Kreuz sterbenden Jesus.
Erri De Luca erzählt leise, aber sehr dicht und vor allem sehr sinnlich von dem, was den namenlosen Protagonisten bewegt. Mit dem Blick eines Bildhauers nimmt dieser seine Umwelt in ihren Strukturen wahr, analysiert sie und macht sie sich zu eigen.

Wie Religion in der Welt verankert ist, ist ein zentrales Thema des Romans. Ein Buch, das trotz seiner Kürze sorgfältig und langsam gelesen werden will.

Signatur: SL
Schlagworte: Christusfigur | Italien | Bildhauer
Bewertung: +++
Rez.: Birgit Schönfeld