Georgien - Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018

Georgien ist ein eurasischer Staat an der Grenze zwischen Europa und Asien in Transkaukasien, östlich des Schwarzen Meeres und südlich des Großen Kaukasus gelegen. Im Norden wird er von Russland, im Süden von der Türkei und Armenien, im Osten von Aserbaidschan begrenzt. Die Landesteile Abchasien und Südossetien sind abtrünnig und werden nur von Russland und einigen weiteren Staaten als souverän anerkannt.

Mit rund 3,7 Millionen Einwohnern (2015) auf einer Fläche von 57.215 km² (ohne die abtrünnigen Landesteile) ist Georgien eher dünn besiedelt. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung lebt in der Hauptstadtregion um Tiflis, weitere große Städte sind Kutaissi, Batumi und Rustawi.

Jm 2 Märchen

Der König, der nicht lachen konnte. Märchen aus Georgien. Dt. von Hein Fähnrich u.a. Ill. von Warlam Dschmuchadse, Sonia Eliaschwili u.a. Zürich: Nord-Süd Verl. 2017. 151 S. : Ill. ; 28 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-314-10384-1, geb.: 20,00 €

Unerschrockene Helden und wütende Riesen: 21 Märchen aus Georgien.

Dass Georgien über eine reiche und lebendige Erzähltradition verfügt, wurde mir erst mit dem Riesenerfolg „Das achte Leben (Für Brilka)“ ins Bewusstsein geholt. In diesem Jahr wird es sogar Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Auch an Märchen hat Georgien viel zu bieten. Und so hat der Nord-Süd-Verlag eine Sammlung herausgebracht, die einen Eindruck davon gibt, wie es in georgischen Märchen so zugeht. Aufgeboten werden Faulenzer, rasante Schweine, mutige Gesellen und träumerische Jungs. Dazu noch Ungeheuer, Riesen, böse Stiefmütter und weitere üble Gestalten. Die Helden (ja, es sind leider alles Jungs) bestechen durch beeindruckende Kaltblütigkeit - nahezu nichts vermag sie aus der Ruhe zu bringen. Und das ist gut so, denn in den Geschichten wird den Helden wahrlich nichts geschenkt! Illustriert wurden die Märchen von jungen georgischen Künstler*innen, die mal überraschend und witzig, mal schaurig-düster auch ein Streiflicht auf das Kunstschaffen des Landes werfen.

Gut geeignet für den unerschrockenen Blick über den Märchen-Tellerrand. Ab 8 J. 

Signatur: Jm 2
Schlagworte: Märchen | Georgien
Bewertung: +++
Rez.: Wiebke Mandalka

SL Romane, Erzählungen, Dramen, Lyrik - Belletristik

Anfimiadi, Diana: Wahrsagen durch Marmelade. Geschichten und Rezepte aus Georgien. Dt. von Tamar Kotrikadze. Klagenfurt: Wieser 2018. 144 S. ; 20 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-99029-288-4, geb.: 21,00 €

Literarische, gut erzählte Geschichten rund ums Essen und Kochen aus Georgien.

Nein, das kleine Buch mit dem verrückten Titel „Wahrsagen durch Marmelade" ist weder eine Anleitung zum Wahrsagen noch ein Kochbuch im herkömmlichen Sinne. Die georgische Autorin erzählt leicht und poetisch vom Essen, das den Alltag der Menschen zusammenhält. Der Reichtum der georgischen Küche findet sich in ihren Erzählungen wieder und wird durch die passenden Rezepte ergänzt. Aber auch der Hunger ihrer Kinderzeit ist ein Thema. Sie hatte die Szenen aus ihren Kinderbüchern, die vom Essen handelten, immer vor Augen - von Pippi Langstrumpf bis zu Karlsson auf dem Dach. In anderen Erzählungen begegnen wir berühmten Schriftstellerinnen, die dem Kochen wichtige Szenen in ihren Büchern gewidmet haben, mit den dazugehörigen Rezepten. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat in ihren Geschichten viele kleine Begebenheiten aufgegriffen, bringt uns zum Nachdenken und zum Schmunzeln. Zusammen mit den lecker klingenden Rezepten ist so ein ungewöhnliches Buch entstanden.

Für Menschen, die sich für den Alltag in Georgien interessieren und solche, die gerne in ausgefallenen Rezepten schmökern. Eine leichte, überraschende Lektüre!

Signatur: SL
Schlagworte: Georgien | Kochkultur | Rezepte
Bewertung: ++
Rez.: Regina Riepe

Bugadze, Lasha: Der erste Russe. Roman. Dt. von Rachel Gratzfeld u. Sybilla Heinze. Frankfurt: Frankfurter Verl. - Anst. 2018. 573 S. ; 21 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-627-00255-8, geb.: 26,00 €

Mit den Folgen einer Story über Nationalheilige Georgiens wird von Politik, Religion, Machtstrukturen, Menschen erzählt.

Georgiens Entwicklung 1989 bis 2012: Davon berichtet der Ich-Erzähler, geb. 1977, in Zeitsprüngen. Vordergründig geht es um Folgen einer Trivial-Satire über Georgiens Nationalheilige Tamar im 13. Jahrhundert und deren ersten Ehemann - »Der erste Russe« - den er mit einem Huhn in Zusammenhang bringt, in der Hochzeitsnacht. Das Symbolische, den Jahrhunderte-Konflikt zwischen Georgien und Russland sieht keiner. Den Skandal des »Glaubensschänders« nutzen viele: Ein Abgeordneter beschimpft ihn im Parlament und fordert Zensur. Den Zeitungsherausgeber freut die PR. Öffentliche Abbitte fordert der Patriarch (seit 1977 im Amt), »damit wir die Kirche vor KGB-Ideologen bewahren«. Erkenntnis: Es geht um Macht, kaum um ihn. Die Story dient hervorragend um anschaulich den Zeitenwandel, den die junge Generation will, zu beschreiben: Revolution 2003, Krieg 2008, Strommangel, Demos, TV-Sender-Verhalten, Familienleben, Freundin und die »Intelligenzija«, die jeder Machthaber nutzt. Guter Schluss: Brief an Tamar.

Vortrefflich erzählte Einblicke in Entwicklung und Strukturen eines fast unbekannten Landes für Interessierte jeden Alters. Leser-Durchhaltevermögen nötig. Schriftgrad gut.

Signatur: SL
Schlagworte: Georgien | Zeitgeschichte | Politik | Osteuropa
Bewertung: ++
Rez.: Delia Ehrenheim-Schmidt

Ekvtimishvili, Nana: Das Birnenfeld. Roman. Dt. von Julia Dengg u. Ekaterine Teti. Berlin: Suhrkamp 2018. 220 S. ; 21 cm. (suhrkamp taschenbuch 4882). Aus d. Georg. ISBN 978-3-518-46882-1, kt.: 16,95 €

Postsowjetische Apathie zieht sich durch den heißen Sommer in Tbilissi. Wie muss es erst den Waisenkindern gehen?

Das Buch wurde vielfach ausgezeichnet. Tatsächlich findet die junge Autorin eine poetisch realistische Sprache für den Alltag in einem Heim für behinderte Kinder, die zum Teil Waise, zum Teil einfach von den Eltern im Stich gelassen sind. Viel ist nicht los und der Sommer ist heiß. Das Wohngebiet ist so, wie wir es uns vorstellen, wenn wir an die postsowjetische Realität denken: Wohnblöcke und Funktionsbauten, runter gekommen, öde. Dazwischen Kiokse, die mit westlichem oder chinesischem Plunder handeln. Für die Kinder sind sie vor allem deshalb reizvoll, weil sie voller Süßigkeiten sind. Lela ist schon ihr ganzes Leben in dem Heim. Sie wurde missbraucht, hat aber auch gute Erfahrungen machen dürfen. Jetzt ist sie volljährig und kann sich nicht trennen. Sie ist Vertrauensperson kleinerer Kinder und eine feste Größe im Gefüge der Nachbarschaft, in der gemütliches Beisammensein neben Gewalt und sexueller Ausbeutung anzutreffen sind. Dem zarten Irakli gehört ihr Herz. Kann das gut gehen?

Eine junge Stimme aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse.

Signatur:
SL
Schlagworte: Einsamkeit | Georgien | Behinderung | Rebellin
Bewertung: ++
Rez.: Christiane Thiel

Georgien - Eine literarische Einladung. Hg. von Manfred Heinfeldner u. Lena Luczak. Mit Beiträgen von Nino Haratischwili u.a. Berlin: Wagenbach 2018. 139 S. : Ill. ; 21 cm. ISBN 978-3-8031-1336-8, geb.: 18,00 €

Ausgewählte Texte vermitteln einen multiperspektivischen Einblick in Georgiens literarische Landschaft.

Die Anthologie öffnet einen Spaltbreit die literarische Tür nach Georgien und bietet Leser*innen Einblicke aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in das kontrastreiche Land am Kaukasus. Nach kurzen Schlaglichtern auf die jahrhundertealte Tradition der Kulturnation Georgien kommen klassische und zeitgenössische Autoren zu Wort, die ein facettenreiches Bild georgischer Geschichte, Mentalität und Gesellschaft vermitteln und - teils voller Poesie - georgische Natur und Landschaft besingen. Neben neu zu entdeckenden Schriftstellern stehen bekannte Namen wie Boris Pasternak, Nino Haratischwili und Navid Kermani. Die kurzen Texte, ergänzt durch einzelne melancholische Schwarz-Weiß-Fotografien, nehmen die Leser*innen mit auf eine Reise durch ein von orientalischen und abendländischen Einflüssen geprägtes Land, das dabei ist, seinen Platz in der Moderne neu zu definieren.

Wer eine intensive literarische Begegnung mit Georgiens Vielfalt sucht, wird an diesem schmalen Bändchen Freude haben.

Signatur: SL
Schlagworte: Georgien | Reisen | Anthologie
Bewertung: ++
Rez.: Christine  Heymer

Georgien. Eine literarische Reise. Hg. vom Goethe Institut Georgien. Mit einem Vorwort von Nino Haratischwili. Ill. von Julia B. Nowikowa. Dt. von Rachel Gratzfeld u. Sybilla Heinze. Mit Beiträgen von Fatma Aydemir u. a. Frankfurt: Frankfurter Verl. - Anst. 2018. 190 S. : Ill. ; 24 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-627-00257-2, geb.: 25,00 €

Sechs deutsch – georgische Autorenduos beschreiben ihre Eindrücke von einer Reise durch Georgien.     

Eine wechselvolle Geschichte hat Georgien, das Land zwischen Europa und Asien, geprägt.  Römer, Perser, Araber, Osmanen und Russen haben hier ihre Spuren hinterlassen. Das alles spiegelt sich in den kurzen Berichten, Geschichten und Gedichten, die die deutsch-georgischen Autorentandems verfasst haben, als sie eine Woche lang durch verschiedene Regionen des Landes gereist sind. Durch ihre Texte und die jeweils individuelle Herangehensweise lernt man das Land kennen und spürt deutlich, welch unterschiedlichen Assoziationen die gleiche Sache mit dem Blick von außen und aus der Binnenperspektive hervorrufen kann. Volker Schmidt macht sich zum Beispiel im Museum in Gori Gedanken über die fehlende Aufarbeitung der Stalinzeit, seine Begleiterin Irma Tawelidse erinnert sich an die quälend langweiligen jährlichen Pflichtbesuche mit der Schulklasse. Kann man sich an dem freuen, was ist, ohne bedrückende Gedanken zu haben an Vergangenes? Solche und ähnliche Fragen tauchen zwischen den Zeilen auf.                           

Für alle, die das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse kennenlernen wollen und für alle, die sich gerne durch und mit Literatur auf die Reise machen.

Signatur: SL | Ed
Schlagworte: Georgien | Reise | Literatur
Bewertung: ++
Rez.: Heidrun Martini

Jorjoliani, Ruska: Du bist in einer Luft mit mir. Roman. Dt. von Barbara Sauser. Zürich: Ed. Blau 2018. 210 S. ; 21 cm. Aus d. Ital. ISBN 978-3-85869-793-6, geb.: 22,00 €

Leben in einem georgischen Dorf über drei Generationen.

Dimitri und Viktor wachsen im georgischen Miroslaw auf, einem Nest jenseits der Zivilisation zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach ihrer Studienzeit in Moskau hocken sie, nun Lehrer und Ingenieur und beide Nachwuchs erwartend, im Abstellraum des Schulhauses und gönnen sich täglich eine Partie Schach. Nur über die Revolution sind sie geteilter Meinung, und als Dimitri eines Tages das Leninporträt in hohem Bogen aus dem Fenster des Klassenzimmers wirft, sagt sein Freund gegen ihn aus. Dimitri wird verhaftet und nach Sibirien verbannt. Dieses Verhängnis können ihre Kinder, Kirill und Sascha, die später wie Brüder sind und reden und sich kleiden wie ihr Lieblingsdichter Puschkin, nur erahnen. Sascha, Bibliothekar an der Solschenizyn-Bibliothek wird die Aufgabe zu teil, diese Geschichte zu erzählen. Er erzählt uns diese doppelte Familiensaga, die spielerisch zwischen der Zarenzeit, der russischen Revolution und der Jetztzeit nach dem Fall des sozialistischen Systems hin- und herspringt. Und am Ende kann er uns schließlich Kirill als neuen Dichter aus Miroslaw präsentieren.

Ein in seinen Zeitsprüngen und der historischen Einbettung nicht einfach zu lesender Roman; nichts für literarisch Ungeübte. Zudem trägt er deutlich die Fremdheit oder gar Schwere, die die russische Literatur oft für Westeuropäer hat.

Signatur: SL
Schlagwort: Georgien | Freundschaft | Geschichte | Familie
Bewertung: ++
Rez.: Christiane Spary

Kikodze, Archil: Der Südelefant. Roman. Dt. von Nino Haratischwili u. Martin Büttner. Berlin: Ullstein 2018. 270 S. ; 21 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-550-08197-2, geb.: 22,00 €

Ein Mann durchstreift einen Tag seine georgische Heimatstadt Tiflis. Er trifft Bekannte und hängt Erinnerungen nach.

Auf Bitten eines Jugendfreundes stellt der namenlose Ich-Erzähler ihm einen Tag lang seine Wohnung für ein Rendezvous zur Verfügung. In der Zwischenzeit geht der kurzzeitig Obdachlose in seiner Heimatstadt Tbilissi (Tiflis) spazieren. Auf dem Streifzug trifft er fast an jeder Ecke Bekannte, Freunde, Feinde und vor allem Erinnerungen. Er denkt an problembeladene Ereignisse, schaut auf seine Kindheit und Jugend zurück, die Unruhen während der Sowjetdiktatur, seine Karriere als Filmemacher, das Leben in Georgien heute u.v.m. Seine Tochter, seine Eltern, die Frauen – sie alle lassen ihn ein bisschen wehmütig werden, genauso wie die geschundene Stadt, der Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. In beeindruckenden Bildern entsteht so ein feinsinniges Porträt der georgischen Hauptstadt und das eines gereiften Mannes. Der Reiz des Romans liegt vorwiegend in dem ruhigen Erzählfluss, der eine Menge Sprengkraft in sich birgt. Diese Lektüre packt den Leser und lässt ihn so schnell nicht mehr los.

Georgien ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2018. Trotz des ungewöhnlichen Titels darf schon deswegen mit Nachfrage an dem in Georgien berühmten Autor gerechnet werden.

Signatur: SL
Schlagworte: Georgien | Anarchie | Erinnerungen
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

Kldiaschwili, Dawit: Samanischwilis Stiefmutter. Roman. Dt. von Rachel Gratzfeld. Zürich: Dörlemann 2018. 159 S. ; 18 cm. Aus d. Georg.ISBN 978-3-03820-060-4, geb.: 20,00 €

Familiengeschichte um die Jahrhundertwende des 20. Jhs. mit Witz und Ernst.

Manchmal müssen Kinder unglaubliche Dinge für Ihre Eltern tun und Söhne die Verantwortung für die Familie selbst in die Hand nehmen. Natürlich niemals ohne Eigennutz. Was bleibt dem Sohn anderes übrig. Sein Vater ist verwitwet und möchte eine neue Frau nehmen. Wie muss diese beschaffen sein? Sie soll auf gar keinen Fall das Erbe des Sohnes gefährden. Sie darf also keine Kinder bekommen. Der Sohn macht sich auf die Suche. In langen Gesprächen innerhalb der Familie wird eine Frau gefunden. Zweimalige Witwe und keine Kinder. Das klingt gut und scheint sehr sicher. Auf diese Frau kann man zugehen und um sie für den Vater werben. Sie willigt ein und das Schicksal nimmt seinen Lauf, sie wird schwanger. Mit einer gehörigen Portion Humor wird diese so ernsthafte Angelegenheit geschildert. Eine echte Wiederentdeckung anlässlich der diesjährigen Partnerschaft Georgiens mit der Frankfurter Buchmesse. Ein Stück Literatur aus einem Land, das für seine Märchen und seinen hintergründigen Witz bekannt ist.

Es müssen nicht immer nur neue Romane sein, es dürfen auch Wiederentdeckungen in Literaturkreisen gelesen werden. Dieser Roman zum Beispiel.

Signatur: SL
Schlagworte: Familie | Georgien
Bewertung: +++
Rez.: Dirk Purz

Mortschiladse, Aka: Obolé. Roman. Dt. von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Halle (Saale): Mitteldt. Verl. 2018. 248 S. ; 22 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-96311-039-9, geb.: 20,00 €

Georgischer Theaterautor erinnert sich an die wechselvolle Geschichte seines Landes und seiner Familie.

Aus heiterem Himmel erhält Irakli die Nachricht, dass sein Haus in seiner Heimatstadt nahe der wilden Berge Swanetiens einzustürzen droht. Schon viele Jahre als Theaterschriftsteller in der Hauptstadt Tiflis lebend, lässt ihn diese Nachricht sofort aufbrechen und eine Reise in die Vergangenheit antreten. Hier verbrachte er als Kind die Sommer mit seinen Großeltern und tauchte in die Notizbücher seines Urgroßvaters Timoté, des selbst ernannten Chronisten der Stadt, ein. Während seiner Reise verliert sich Irakli in Erinnerungen und als er auf dem Dachboden die alte Steinschlossflinte, die Obolé, entdeckt, die einst der König von Imeretien einem seiner Vorfahren schenkte, und aus der noch nie ein Schuss abgefeuert wurde, fühlt er sich immer mehr der guten alten Zeit, in der nur Ehre und Pflichtgefühl zählten, verbunden. In einem langen, mosaikartigen Erzählfluss beschreibt der Roman, der in Georgien mit dem SABA Literaturpreis 2012 ausgezeichnet wurde, Geschichte und Geschichten aus dem Land.

Für alle an georgischer Geschichte, Sitten und Mentalität interessierte Leser eine unterhaltsame, ausschweifende Lektüre.

Signatur: SL
Schlagworte: Georgien | Geschichte
Bewertung: ++
Rez.: Stefanie Drüsedau

Tandaschwili, Tamar: Löwenzahnwirbelsturm in Orange. Roman. Dt. von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Wien: Residenz 2018. 135 S. ; 21 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-7017-1691-3, geb.: 18,00 €

Romanhafter Einblick in ein fremdes Land - Georgien im gesellschaftlichen Umbruch.

 Als Literaturwissenschaftlerin, Psychologin und Aktivistin für die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten will die Georgierin Tamar Tandaschwili mit diesem Buch sehr bewusst aufrütteln, provozieren und anklagen. Mosaiksteinhaft zeichnet sie Miniaturen des Lebens in Georgien unter schweren Bedingungen: Frauen und homosexuelle lebende Menschen sind dem Macht- und Wahrheitsanspruch der patriarchalischen Gesellschaft, die sich aus den alten sowjetischen Eliten und der orthodoxen Kirche speist, sowie deren äußerst brutalen Übergriffen ausgesetzt. Dagegen stehen die Sehnsüchte, Träume und poetischen Fantasien derer, die ein selbstbestimmtes und freies Leben im Einklang mit der Natur und in Gerechtigkeit erhoffen.
Der collagenhafte Roman mutet der Leser*in viele Sprünge und Brüche zu. Die reduzierte Sprache der Autorin ist zum einen schonungslos und demaskierend. Zum anderen entwickelt sie eine poetische und symbolbeladene Entrücktheit und Unwirklichkeit.

Ein interessanter, eigenwilliger und herausfordernder Roman für Leser*innen, die sich mit  gesellschaftspolitischen Umbrüchen und Fragen in Georgien auseinandersetzen möchten.

Signatur: SL
Schlagworte: Georgien | Patriarchat | Frauenrechte | Feminismus
Bewertung: ++
Rez.: Anne Rank

E Erd-, Länder- und Völkerkunde, Reisen

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. Dt. von Nino Haratischwili. Berlin: Ullstein 2018. 314 S. ; 19 cm. Aus d. Georg. ISBN 978-3-548-29088-1, kt.: 11,00 €

Ein Eisenbahnzug voller europäischer Schriftsteller tourt durch Europa, um seine literarischen Werke vorzustellen.

Dieser Roman ist eine Groteske. Mehrere europäische Schriftsteller präsentieren ihre Werke in europäischen Hauptstädten. Worum es letztlich geht, ist offen. Der Leser muss sich selbst entscheiden: Beschreibt Lasha Bugadze die internen Produktionsbedingungen europäischer Schriftsteller? Ist das Buch politisch, weil es im Konflikt zwischen Russland und Georgien angesiedelt ist? Ist es eine erotische Geschichte, in der der Georgier Zaza eine neue Liebe sucht? Ist es ein psychologischer Roman, in dem sich Zazas anfänglicher Respekt vor seinen Kollegen wandelt in die Einsicht in das Menschliche und Menschelnde seiner Zunftgenossen. Oder geht es um die Überwindung einer Schreibblockade? Rasant fährt dieser Zug durch Europa. Im Zug gibt es Missverständnisse, Eitelkeiten. Reflexionen der Teilnehmenden unterbrechen den Gang der Handlung. Amüsant und temporeich schildet Lasha Bugadze den Express. 

Wen das Menschelnde nicht abstößt, bekommt eine kurzweilige Lektüre. Man liest, amüsiert sich und legt das Buch weg. 

Signatur: Ed
Schlagworte: Europa | Georgien | Schriftsteller
Bewertung: ++
Rez.: Martin Schulz

Dittrich, Volker: Paradies am Rande Europas. Impressionen aus Georgien von 1992 bis 2017. Halle (Saale): Mitteldt. Verl. 2018. 319 S. : Ill. ; 21 cm. ISBN 978-3-96311-008-5, kt.: 18,00 €

Geschichte und Gegenwart Georgiens.

Volker Dittrich bereiste Georgien zwischen 1992 und 2017. 1991 hatte das Land gerade seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt und befand sich in einem dramatischen Umbruch. Der Autor gibt einen gründlichen Überblick über die Geschichte des Landes und seine Entwicklung in den letzten 30 Jahren. Die LeserInnen lernen das Land dabei nicht nur durch Dittrichs, sondern vor allem auch durch die Augen der dort lebenden Menschen kennen, die er interviewt. So stellt er z. B. eine DJane vor, die aus Berlin die elektronische Musik nach Tbilissi bringt. Oder einen Clubbetreiber, der der aggressiv homophoben Stimmung im Land mit einem „Gays welcome“-Schild am Eingang trotzt. Daneben treffen wir immer wieder „alte Bekannte“, mit denen Dittrich wandert, feiert und viele Gespräche über ihre Sicht auf die Entwicklung Georgiens führt. Auch Natur, Architektur und Kultur bekommen in seinen Berichten die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.

Eine gute Einführung in ein spannendes Land. Wer sich gern gut auf sein Urlaubsland vorbereitet, trifft mit diesem Buch sicher eine gute Wahl.

Signatur: Ed
Schlagworte: Georgien | Geschichte | Politik
Bewertung: ++
Rez.: Wiebke Mandalka

Hausemer, Georges: Lesereise Georgien. Zum Tschatscha in den zweiten Himmel. 2., überarb. Aufl. Wien: Picus 2018. 131 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-7117-1054-3, geb.: 15,00 €

Abwechslungsreiche Reisereportagen durch das hochinteressante Land Georgien.

Von Anfang an spürt man, dass der Journalist Georges Hausemer (1957-2018), Georgien nicht nur kennen sondern auch lieben lernen wollte. Dazu bereiste er, u.a. begleitet von einem Dolmetscher und einem Fahrer, ein Land, das eine bewegte Geschichte hinter sich hat. In 17 Reportagen werden hochinteressante Einzelaufnahmen geboten. Zur Einstimmung erkundet das Trio weit ab von touristischen Pfaden gelegene Bezirke der Georgischen Hauptstadt Tbilissi (Tiflis) und kann nur staunen über den Charme des Morbiden neben ultramodernen „Protzbauten“. Der Besuch beim „König der Reisenden“, die lebende Legende Jumber Levjara, ist ihm genauso ein Kapitel wert wie die tuschetische Gastfreundschaft, potemkinsche Dörfer bzw. das georgische „Disneyland“ oder der Besuche auf dem Queen Tamar Airport, von dem seit 2014 keine Flugzeug mehr gestartet ist. Reihenüblich sind in dem kleinen, feinen Buch keine Fotos zu finden. Das stört nicht. Hausemers „Poetik des Schauens und des Augenblicks“ öffnet das Herz.

Eine inspirierende, kurzweilige und amüsante Reiselektüre, die neben grundlegenden Reiseführern auf jeden Fall angeboten werden sollte.

Signatur: Ed
Schlagworte: Georgien | Reportagen | Reisen
Bewertung: +++
Rez.:
Martina Mattes

Zug nach Tbilissi. Ein Lesebuch. Hg. von Eduard Schreiber u. Alexander Kartosia. Mit Beiträgen von Essad Bey u.a. Fotos von Sopho Apziauro u.a. Berlin: Suhrkamp 2018. 383 S. : Ill. ; 25 cm. ISBN 978-3-518-42834-4, geb.: 25,00 €

Sammlung mit Beiträgen zu Georgiens Hauptstadt Tiflis.

Schon in früher Zeit war Tbilissi (Tiflis) eine von verschiedenen Herrschern begehrte und umkämpfte Stadt, oft zerstört und wieder errichtet. Mannigfache Spuren lassen sich bis heute finden, zeugen von religiöser, ethnischer und kultureller Vielfalt. Eine Stadt, die Naht- und Schnittstelle zwischen Orient und Okzident ist. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Eisenbahn viele Reisende nach Tbilissi, die über ihre landschaftliche Schönheit und das südliche Flair begeisterte Berichte schrieben. Die engen Gassen der Altstadt mit ihren kleinen Läden und Handwerksbetrieben, dann die Märkte, auf denen die  heimischen Erzeugnisse feilgeboten wurden. Im starken Kontrast dazu standen die breiten Boulevards mit ihren Jugendstilhäusern und modernen Geschäften auf dem anderen Ufer der Kura. Über allem stand der Schwefelgeruch ihrer heißen Wunder versprechenden Quellen, die schon früh Anreiz und Begehrlichkeit auslösten. In Tbilissi erwacht das Leben am Abend, wenn von den fernen Höhen des Kaukasus der Wind eine angenehme Kühle bringt.  Anziehungsort für Literaten, auch Zufluchtsort für Verfolgte war Georgien stets, Sehnsuchtsort ist es für alle, die einmal dort waren. Mythen und Märchen sind hier zu Hause und finden ihren Niederschlag in der Literatur über die Stadt.

Die Texte in dem Band sind vielstimmig. Sie versammeln einheimische und auswärtige, poetische und erzählerische Beiträge neben Sachberichten aus dem 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sehr hilfreich zum Verständnis sind die verschiedenen Anhänge.

Signatur: Ed
Schlagworte: Kulturelle Vielfalt | Georgien | Orient | Okzident
Bewertung: ++
Rez.: Halgard Kuhn

L Literaturkunde, Sprache

Endler, Adolf: Kleiner kaukasischer Divan. Von Georgien erzählen. Hg. von Brigitte Schreier-Endler. Göttingen: Wallstein 2018. 274 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8353-3263-8, geb.: 22,00 €

Eine vergessene umfangreiche Einführung in die georgische Literatur wieder aufgelegt.

Der Autor Adolf Endler gilt als umstritten. Seine freiwillige Übersiedlung in die DDR hat ihn politisch klar positioniert. Als er das Angebot erhielt, eine Reise nach Georgien zu unternehmen, um die Landschaft und die Literatur zu erforschen, hat er in mehreren Werken ein Kleinod über dieses Land geschaffen, das in diesem Buch neu zusammengestellt und herausgegeben wurde.Zum einen können wir erfahren, wie vielfältig sich die Literatur des 19. und frühen 20. Jhs. für Georgien interessiert hat und wie viele Autoren das Land wahrgenommen haben. Wir erhalten einen tiefen Einblick in das Wesen und die Seele eines Landes, der uns ermöglicht seine heutige Gegenwart zu verstehen.Wer bisher nur die kaukasischen Märchen gelesen hat, dem sei die epochale Poesie des Landes nahegebracht. Viele tiefgründige Gedichte und eine ausgezeichnete literarische Darstellung der Geschichte der Dichtung Georgiens sind sehr lesenswert.

Ein echtes Liebhaberbuch, um ein Land sachlich und emotional kennenzulernen. Eine grundlegende Einführung in die georgische Literatur. Bitte anschaffen!

Signatur: Lz
Schlagworte:
Georgien | Kaukasus | Poesie
Bewertung: +++
Rez.:
Dirk Purz

 

R Rund um Hobby, Haus und Garten, Sport und Spiel

Hercules, Olia: Kaukasis. Eine kulinarische Reise durch Georgien und Aserbaidschan. Fotos von Elena Heatherwick. Dt. von Stefanie Kuballa-Cottone. München: Knesebeck 2018. 240 S. : Ill. ; 25 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-95728-149-4, geb.: 30,00 €

In über 100 Rezepten durch den Kaukasus mit  kulinarischen Neuheiten und spannenden Geschmackskombinationen.

Olia Hercules nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den Wurzeln ihrer Familie: dem Kaukasus. Teile Georgiens, Aserbaidschans, Armeniens, dem Iran, Russland und der Türkei zählen dazu. Sehr persönlich und authentisch präsentiert sie traditionelle Familiengerichte, die stets auch eine regionale und saisonale Komponente enthalten. Die Zutaten sind größtenteils bekannt oder werden ausführlich in einem eigenen Kapitel erklärt. Die interessant klingenden Rezepte wie zum Beispiel Adschapsandali, Kada Lobiani oder Portulak sind stets mit sehr ansprechenden, großformatigen Fotos veranschaulicht. In kleinen Anekdoten und Geschichten bekommt der Leser einen sehr persönlichen Eindruck von Land, Menschen und Lebensart. Unterteilt ist das Buch in 5 Kapitel von herzhaft bis süß, Fleisch- und Fischgerichte und das besondere  Kapitel „Schmerz lass nach“ mit Tipps zur Behandlung von alkoholbedingtem Kater und Erkältungen.

Ein schön gestaltetes Buch, das beim Durchblättern und Rezepte studieren Lust macht, sofort mit dem Kochen loszulegen. Für Leser geeignet, die gerne kulinarisch über den eigenen Tellerrand blicken.

Signatur: Ra 2
Schlagworte: Kochen | Kaukasus | Kultur
Bewertung: +++
Rez.:  Susanne Hartmaier