Lesetipps in diesen Zeiten

Landesbischof Ralf Meister empfiehlt:

Welche Bücher greife ich in Wochen wie diesen aus dem Regal? Mich neigt es zu kurzen Zeilen. Minutenlektüre, die tagelang nachklingt. Darunter die Gedichte von Uwe Kolbe, „Die sichtbaren Dinge“.

Im Zerfall des scheinbar gewohnten Weltlaufs finde ich Konzentration in seinen Stanzen. Acht Verse. Eigentlich bezeichnet die Stanze den Wohnraum. Bei Kolbe ist es der Wohnraum poetischer Gedanken. Sie umschreiben eine Person, einen Natureindruck, einen Gedanken und geben ihnen ein Zuhause. Wenige Verse, doch jedes einzelne Wort schafft die Inneneinrichtung dieser Räume wie in der Der Zwischenraum: „Es gibt ein Leben still wie das der stillen Tiere, / achtsam, einander nicht den Weg zu nehmen. / Viel Raum der Welt leert sich hinaus ins All / und sieht dabei blutrot aus wie das letzte Licht.“.

Der Zweifel an dem Gesehenen und Erlebten fragt nach den „sichtbaren Dingen.“ So beschreibt Uwe Kolbe Miniaturen der Lebenswirklichkeit. Momente, in denen ganze Geschichten in wenigen Worten erzählt sind. Es ist das Fenster, die Tür, der Schnitt, die einen Blick durch die erfahrene Wirklichkeit erlauben: In Sichelmond : „Es hat jemand in den Himmel geschnitten, / im Blau ist ein Schlitz, / hindurch dringt der gleißende Schein, / die Waffe ein Küchenmesser vielleicht...“.

Die Suche nach einer neuen Betrachtung der Wirklichkeit ist keine souveräne Durchschreitung. Sie endet zumeist im Zwiespalt, der Ambivalenz, der Demut. Die Nordsee: „Wir kommen ans Meer aus zwei Gründen: / erhaben zu sein und uns nichtig zu finden.“

Uwe Kolbe lässt mich Abend um Abend sinnen über die Macht und Ohnmacht des Menschen, der sich aufmacht die Welt zu durchdringen und nicht mehr schafft, als eine kleine Luke in eine neue Wirklichkeit zu öffnen.

Uwe Kolbe: Die sichtbaren Dinge. Gedichte. Leipzig: Poetenladen 2019. 72 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-940691-98-9, geb.: 18,80 €