Begründung der Jury
Zwischen Blumensträußen und Krananlagen, zwischen Armenviertel und Schwermaschinenbau entfaltet Annett Gröschner in Schwebende Lasten das Leben einer Frau und ein Jahrhundert deutscher Geschichte.
Die Waise Hanna wächst bei ihrer älteren Halbschwester Rose auf, unterstützt sie in deren Blumengeschäft und heiratet später den Versicherungsvertreter Karl Krause. Als dieser seine Arbeit verliert, eröffnet Hanna einen eigenen Blumenladen im Knattergebirge, dem Armenviertel Magdeburgs. Hier lernt sie durch einen Kunden ein barockes Blumengemälde kennen, das sie ein Leben lang begleiten wird – ein unmögliches Arrangement, weil in der Natur nicht alle Blumen gleichzeitig blühen. Und hier im Knattergebirge bringt sie ihre wachsende Familie durch, bringt 6 Kinder zur Welt und erträgt den immer häufiger trinkenden Ehemann und überhaupt eine männerdominierte Welt. Sie erleidet schwere Verluste: der Laden geht ein, sie verlieren ihre Wohnung, ihr erstgeborener Sohn stirbt durch eine Bombardierung im 2. Weltkrieg, ihre Tochter Kristina wird nur einen Tag alt und Karl verliert bei einem Arbeitsunfall ein Bein. Doch Hanna ist resilient und lässt sich niemals unterkriegen. In der DDR schult sie zur Krahnfahrerin um und arbeitet 20 Jahre im Schwermaschinenbau.
Wie ein roter Faden ziehen sich die Blumen durch Hannas Leben und auch durch den Text. Sie bilden einen Kontrast zur nüchternen Sprache des Romans und geben dem Roman außerdem eine Struktur: Jedes der Kapitel ist mit einem Blumen- oder Insektennamen aus dem Gemälde überschrieben, das Hanna ihr Leben lang fasziniert. Die Blumen symbolisieren Trost und Schönheit, die Unmöglichkeit des Straußes ist gleichzeitig Symbol der Vergänglichkeit.
Die Figur Hanna ist eine stille Heldin, deren Verdienst im Durchhalten und Weitermachen liegt und die trotz aller Krisen, Rückschläge, Veränderungen und Umbrüche niemals ihre Menschlichkeit verliert. Sie erlebt das 20. Jahrhundert nicht als politische Akteurin, sondern als eine Frau, deren Leben von Arbeit, Fürsorge, Verlust und dem täglichen Durchhalten geprägt sind. Sie ist keine Widerstandskämpferin, aber noch weniger eine Opportunistin. Hanna balanciert zwischen Auflehnung und Anpassung und trifft ihre Entscheidungen nicht aus ideologischen Gründen, sondern lässt sich von Menschlichkeit und Anstand leiten. Gerade darin liegt die politische Kraft des Romans, denn Gröschner zeigt, dass Geschichte nicht nur von Parolen, Systemen und Machtverhältnissen geprägt wird, sondern von vielen unsichtbaren Entscheidungen gewöhnlicher Menschen. Hanna Krause steht somit für unzählige andere Frauen, die keine Stimme erhalten.
Erzählt wird der Roman in unaufgeregter, präziser und doch poetischer Sprache. Mit sparsamen Worten verdichtet Annett Gröschner Hannas Alltag zu einer großen Erzählung, die Nähe schafft, ohne zu sentimental zu werden, und Haltung zeigt, ohne zu urteilen. So entsteht ein Roman von großer emotionaler und historischer Tiefe, der lange nachhallt.
Über die Autorin
Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, lebt seit 1983 als Schriftstellerin in Berlin. Bekannt wurde sie vor allem mit ihren Romanen „Moskauer Eis" (2000) und „Walpurgistag" (2011). Zuletzt erschien bei Hanser ihr gemeinsam mit Peggy Mädler und Wenke Seemann verfasster Bestseller „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" (2024).