„Vatertage“ von Katja Thimm

Literaturgottesdienst zum Thema„Heimat ist Erzählen“

Autor: Dekan Christopher Krieghoff, Nürnberg

Ein Literaturgottesdienst zum Preisbuch des 34. Evangelischen Buchpreises: Katja Thimm: Vatertage. Eine deutsche Geschichte. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011. 287 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-10-076903-9, geb.: 18,95 €

Literaturgottesdienst zu "Vatertage" Druckversion PDF

  • Übersicht/ Ablauf

     

    Lieder:
    EG 452, 1.4.5 Er weckt mich alle Morgen
    EG 279, 7 Die ihr Gott fürchtet, ich erzähle…
    Psalm 71
    EG 178, 9 Kyrie Eleison
    EG 585 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
    EG 272 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen
    EG 180, 2 Gott in der Höh‘ sei Preis und Ehr
    EG 392 Bis hierher hat mich Gott gebracht
    EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade

    Vorbemerkungen
    Zum Thema
    Zur Liturgie
    Zur Gestaltung

    Eröffnung und Anrufung
    Begrüßung
    Lied EG 452, 1.4.5 - Er weckt mich alle Morgen
    Hinführung zum Buch „Vatertage“
    Lied EG 279, 7 - Die ihr Gott fürchtet, ich erzähle...
    Psalm 71
    Hinführung zum Kyrie
    Lied EG 178.9 - Kyrie eleison
    Hinführung zum Gloria
    Lied EG 585 - Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
    Lied EG 272 - Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen
    Lied EG 180.2 - Gott in der Höh sei Preis und Ehr

    Lesungen und Ansprachen
    Lesung aus 2, Mose 13 (14, 17-18, 21-22)
    Lesungen aus „Vatertage“
    Lied EG 392 - Bis hierher hat mich Gott gebracht
    Ansprachen
    Lied EG 347 - Ach bleib mit deiner Gnade

    Fürbitten und Segen

  • Vorbemerkungen

    Zum Thema:
    Das Buch Vatertage führt seine Leserinnen und Leser in drei Zeitebenen: Es wird die Geschichte von Horst Thimm erzählt: seine Flucht als 13-Jähriger aus Masuren sowie sein Leben zwischen Studium in Berlin und Haft im DDR-Gefängnis. Dann begegnen wir den Erinnerungen seiner Tochter Katja Thimm, wie sie die 70er und 80er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland in kritischer Distanz zu ihrem Vater erlebt hat. Diese Rückblicke sind wiederum eingebettet in die Gegenwartserzählung: Der Vater muss ins Altenheim umziehen und lebt sich dort auf seine Weise ein.

    Diese Mehrdimensionalität des Buches zwingt zur Auswahl und Entscheidung. Für den vorliegenden Entwurf eines Literaturgottesdienstes werden zwei Themen ausgewählt:

    Das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte als "Biografiearbeit" und als Weitergabe eigener Erfahrungen an die Generation der Kinder sowie - als ein exemplarisches Ereignis der Geschichte von Horst Thimm - die Flucht aus Ostpreußen.

    Andere Themen können z. B. sein: „Schuld und Strafe“ (die Gefängnishaft) oder „In Würde alt werden“ (Altenheim und Patientenverfügung).

    Diese Themen werden durch Lesungen aus dem Buch vergegenwärtigt. Sie werden durch die Lesung von 2. Mose 13 sowie einzelne biblische Sprüche innerhalb der Predigtteile ergänzt.

    Zur Liturgie:
    Das zugrundeliegende Modell für diesen Literaturgottesdienst versucht die Begegnung mit den Themen des Buches auch in der Gestaltung der Liturgie aufzunehmen. 

    Als Psalm bietet sich Psalm 71 an, der in jeder Ausgabe des evangelischen Gesangsbuchs abgedruckt ist. Eine ausführlichere Eingangsliturgie schlägt eine ausführlich gestaltete Hinführung zum gemeinsam gesungenen Kyrie und zum Glorialied vor.

    Zur Gestaltung:
    Bei der Gestaltung kann es hilfreich sein, wenn die verschiedenen Textarten (wie Lesung aus dem Buch, biblische Lesungen, Ansprache) von verschiedenen Mitwirkenden gelesen werden. Auch eine kurze, meditative musikalische Zäsur zwischen den Lesungen hilft den Hörerinnen und Hörern "umzuschalten".

     

     

  • Eröffnung und Anrufung

    Begrüßung
    Liturgischer Gruß

    Herzlich Willkommen zu unserem Literaturgottesdienst mit Katja Thimms Buch „Vater-Tage“. Lebens-Geschichten werden in diesem Buch entdeckt, erzählt, bearbeitet. Ein Mann erfährt schlimme Schicksalsschläge und wunderbare Bewahrungen.
    Wie es auch Menschen in der Bibel widerfährt. Und wie wir es selber erfahren haben und erleben.
    So werden wir von der Geschichte von Horst Thimm hören - und werden sie im Licht der biblischen Erfahrungen hören und im Widerschein unseres eigenen Lebens.
    Gott segne uns in diesem Gottesdienst Amen. 

    Lied EG 452, 1.4.5 Er weckt mich alle Morgen 

    Hinführung zum Buch „Vatertage“
    Ein Mensch ist alt geworden. Er kann nicht mehr alleine in seiner Wohnung leben. Er braucht Betreuung. Seine Tochter organisiert den Umzug ins Altenheim.

    So beginnt das Buch von Katja Thimm. Sie erzählt ihre Geschichte mit dem Vater - als Jugendliche und jetzt, als erwachsene Frau. Sie beschreibt, wie sich durch sein Altwerden ihre Beziehung zueinander verändert. Und sie berichtet, wie ihr Vater sich nun - am Alter - langsam öffnet für seine eigene Lebensgeschichte. Und die Tochter, die sich bisher wenig für das Leben ihres Vaters interessiert hat, bringt ihn, der bisher wenig von seinem Leben preisgegeben hat, zum Erzählen.

    Auf diese Weise ist eine spannende Geschichte aus der deutschen Nachkriegszeit entstanden. Und zugleich eine anrührende Geschichte eines Vaters und seiner Tochter, die nun im Rückblick manches versteht, was ihr früher als eigenartige Marotte des Vaters erschienen ist.

    Aus der Vielfalt der Themen, die dieses Buch berührt, werden uns begegnen:

    • die Flucht des 13-jährigen Horst Thimm aus Masuren
    • das Ringen der Tochter, die Lebensgeschichte des Vaters zu verstehen
    • das Erzählen der Lebensgeschichte als einen Akt der inneren Versöhnung.

    Liedstrophe EG 279, 7 Die ihr Gott fürchtet, ich erzähle… 

    (Gegebenenfalls Psalm 71) 

    Hinführung zum Kyrie
    Wir sind zusammengekommen, um miteinander Gott zu feiern.
    In Gottes guter Gegenwart blicken wir auf unser Leben. Auf den Weg, den wir bisher gegangen sind.
    Im Rückblick sehen wir viele schöne und gelungene Ereignisse: 

    • Wir freuen uns über die guten und richtigen Entscheidungen, die wir getroffen haben.
    • Wir sind dankbar für manche glückliche Fügung, die wir erlebt haben. 

    Im Rückblick fallen uns aber auch bedrückende und beschämende Ereignisse ein: 

    • Wir erschrecken heute noch über manche Gefahr, in die wir geraten sind - auch wenn wir sie gut überstanden haben.
    • Uns bedrücken manche Entscheidungen, die wir getroffen haben - und die wir im Nachhinein als falsch empfinden.
    • Manches Vorhaben haben wir nicht verwirklichen können. Manchmal macht uns das heute noch traurig.
    • Menschen, mit denen wir auf unserem Weg verbunden waren, haben uns verlassen. Das schmerzt in der Erinnerung.
    • Und manche haben wir verlassen. Das beschämt uns manchmal heute noch. 

    Wir stehen vor Gott - mit unseren glücklichen Wegabschnitten wie auch mit unseren Irrwegen und Umwegen. Gott sieht unsere Suche nach dem richtigen, nach dem erfüllten, nach dem sinnvollen Lebensweg. 

    So bitten wir Gott um seine Zuwendung und sein Erbarmen und singen: 

    Kyrie eleison (EG 178, 9) 

    Hinführung zum Gloria
    Gott sieht uns - er sieht uns mit unserer Geschichte. So sagt uns die Heilige Schrift zu: Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. (Psalm 147, 3)

    Lasst uns miteinander Gott unser Lob singen: 
    Glorialied
    Lied EG 585 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
    Lied EG 272 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen
    Lied EG 180.2 Gott in der Höh sei Preis und Ehr

     

     

  • Lesungen und Ansprachen

     

    Lesung aus 2. Mose 13 (14, 17-18, 21-22):
    14 Wenn dich morgen dein Sohn fragt: Was bedeutet das?, dann sag ihm: Mit starker Hand hat uns der Herr aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt.…
    17 Als der Pharao das Volk ziehen ließ, führte sie Gott nicht den Weg ins Philisterland, obwohl er der kürzere war. Denn Gott sagte: Die Leute könnten es sonst, wenn sie Krieg erleben, bereuen und nach Ägypten zurückkehren wollen.
    18 So ließ sie Gott einen Umweg machen, der durch die Wüste zum Schilfmeer führte. Geordnet zogen die Israeliten aus Ägypten hinauf.…
    21 Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein.
    22 Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes, und die Feuersäule nicht bei Nacht.

    Evtl. Musik

    1. Lesung aus „Vatertage“
    Seite 43 ganz ("Am 21. Januar 1945 klingelte…" bis "welche Verluste eine Flucht mit sich bringt.")
    Die Flucht ist mühsam. Immer wieder kommt es zu gefährlichen Momenten:
    Seite 51, Zeile 1 ("Eine Weile lief die Fahrt gut.…") bis Zeile 17 ("Der Schrecken hielt ihn lange wach.")
    Die letzte Etappe legen sie auf einem Güterzug zurück:
    Seite 57, Zeile 18 ("Am frühen Morgen hielt der Zug in Eberswalde." bis Zeile 24 ("Womöglich hätten sie einander nie wiedergesehen.")

    Musik

    1. Ansprache
    Der dreizehnjährige Horst Thimm muss am Ende des Zweiten Weltkriegs fliehen. Er wird aus seiner Heimat verjagt. Hier war es ihm gut gegangen. Hier hat er die Tage seiner Kindheit erlebt.
    Das Volk Israel soll aus Ägypten fliehen. So hat es ihr Gott beschlossen und Mose beauftragt, sie zur Flucht zu bewegen. Es war ihnen in Ägypten nicht gut gegangen; sie lebten dort als ein Sklavenvolk.
    Menschen brechen auf - freiwillig oder gezwungen -, verlassen die Orte, an denen sie bisher gelebt haben und heimisch waren. Sie brechen auf, weil andere sie vertreiben oder ihnen Böses wollen. Oder sie machen sich auf den Weg, weil sie anderswo ein besseres Leben erhoffen.
    Die Geschichte der Menschen könnte als eine Geschichte des Aufbrechens, des Fliehens, des Wanderns beschrieben werden. Genauso gut könnte diese Geschichte aber auch als eine Geschichte des Vertreibens und des Verjagens und des Verlierens geschildert werden. Unvorstellbares Leid bringen Aufbruch und Flucht mit sich. Verlust der Heimat. Für viele der Verlust des Lebens. Und dann der Kampf um die Plätze am Ziel.
    Das Leben der Menschen dreht sich um einen Ort, an dem sie in Frieden leben können. Und zu diesem Frieden gehört, dass sie haben, was sie benötigen. Einschließlich der Menschen, die mit ihnen leben.
    Diese Beheimatung im Leben ist offenbar immer wieder bedroht. Man kann das ganze Alte Testament unter diesem Gesichtspunkt lesen: Das Ringen des Volkes um die Heimat, in der sie leben und bleiben können. 40 Jahre sind sie unterwegs nach ihrer Flucht aus Ägypten, bis sie dieses Land erreichen. Viele Jahre später wird die Heimat ihnen wieder genommen. Wieder etliche Jahre später dürfen sie zurückkehren, um schließlich erneut vertrieben zu werden.
    Der christliche Glaube stellt sich dieser Erfahrung von der Suche nach Heimat und ihrem Verlust: Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige. So bringt es der Hebräerbrief auf den Punkt. (Hebr. 13,14)
    Ob dieser Glaube hilft, den Ort, an dem wir leben, als etwas Vorläufiges zu sehen? Auch Horst Thimm verschlägt es an verschiedene Stationen: Nach Masuren in Ostpreußen führt ihn die Flucht nach Eberswalde – die Heimat seiner Mutter. Dann das geteilte Berlin, wo er studiert; das Gefängnis in Brandenburg, in dem er sechs Jahre verbringen muss. Bis er endlich in Bad Godesberg Heimat und in Bonn Arbeit im Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit gefunden hat. Als er in Ruhestand geht, steht dem Land erneut ein Aufbruch bevor: Die Hauptstadt wird von Bonn nach Berlin verlegt.
    Glaube spielt im Buch von Katja Thimm kaum eine Rolle. Wir wissen nicht, ob und inwiefern Horst Thimm hier einen inneren Halt gefunden hat. Im Krankenhaus besucht er den Gottesdienst.
    Einmal kommt es dort zu einem Missverständnis: Der Vater telefoniert mit seinem Sohn. Die Tochter beschreibt es: "Sie lachen, und als sie sich verabschieden, richtet mein Vater den Blick aufwärts, Richtung Zimmerdecke, Richtung Himmel. »Der da oben steht in Dauerbereitschaft«, sagt er. Am liebsten würde ich meinen Bruder gleich wieder anrufen: Er solle doch bitte noch mal eben mit unserem Vater über Tod und Himmel sprechen. Aber mein Vater meint die Mücke, die sich an der Decke festgesetzt hat. Da lachen auch wir." (S. 200)
    Das Volk Israel erlebt seinen Aufbruch ins Ungewisse geborgen in der Führung Gottes. Ja, Gott geht dem Volk voran und zeigt ihm den Weg. Am Tag als Wolkensäule, nachts als Feuer. Was für ein tiefes Vertrauen kommt hier zum Ausdruck: Wohin auch immer der Weg führt, Gott begleitet ihn. Und manchmal erkennt einer auch: Gott geleitet diesen Weg. Und kann dann sogar resümierend und dankbar feststellen: Bis hierher hat mich Gott gebracht.

     

    Lied EG 392 Bis hierher hat mich Gott gebracht

     

    2. Lesung „Vatertage“ 
    Wenn dich morgen dein Sohn fragt: Was bedeutet das?
    Katja Thimm hat ihren Vater lange nicht gefragt. Und er hat nichts erzählt - all die Jahre ihrer Kindheit und Jugend. Sie schreibt davon in ihrem Buch: 

    Seite 12, Zeile 10 ("Er hat nie viel von sich erzählt…") bis Seite 13, Zeile 6 ("Ich hatte Angst, euren Respekt zu verlieren.«")

    Seite 17, letzter Absatz ("Es dauerte lange, bis mein Vater erzählte…") bis Seite 18, vorletzte Zeile ("Mitgefühl für einen Deutschen des Zweiten Weltkrieges zu empfinden?") sowie Seite 19, ab Zeile 6 ("Wie viele meiner Freunde brauchte ich lange…")

     

    Musik

     

    2. Ansprache

    Horst Thimm hat nie viel von sich erzählt. Er wollte zum Beispiel nicht, dass seine Kinder ihn als ehemaligen DDR-Häftling sehen. Er drückt es etwas drastischer aus: als Knasti. Die Haftstrafe hat er sich auch noch selber eingebrockt. Weil er gegen die Handelsgesetze der DDR verstoßen hat.
    Überhaupt hat er wenig aus seiner Lebensgeschichte preisgegeben. Weil es ihm nicht wichtig war. Weil er endlich da angekommen war, wohin er schon so lange wollte. Er hat Karriere gemacht. Hat eine Familie gegründet. Was soll man sich da mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen.
    So geht es vielen Menschen. Die früheren Jahre erscheinen unwichtig. Es muss die Zukunft geplant werden. Es muss die Gegenwart gestaltet werden. Der Alltag fordert viel Aufmerksamkeit. Und an unangenehme Erinnerungen denken wir sowieso nicht gern.
    Man muss wohl erst fünfzig Jahre oder noch ein bisschen älter werden, damit einen die ersten Lebensjahre und Jahrzehnte anfangen zu beschäftigen. Und wenn die Berufsphase sich dem Ruhestand nähert, melden sich die Erinnerungen. Das 50-jährige Jubiläum der Konfirmation wird auf einmal interessant. Wir erinnern uns unserer Wurzeln. Und fangen an zu erzählen. Die Älteren vom Krieg. Oder von der Flucht aus dem Osten. Und von den ersten Jahren nach dem Krieg, in denen jeder sich irgendwie durchschlagen musste.
    Gut, wem das gelingt. Seine Erinnerungen zu erzählen. Und wer dafür verständnisvolle Zuhörer hat.
    Das Interesse für die Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen kennt die Bibel so noch nicht. Ihr ist die Geschichte Gottes mit den Menschen wichtig. Seine Geschichte mit seinem Volk. 
    Und wenn dein Kind dich fragt, was soll das bedeuten, dann erzähle ihm von Gott und seiner Geschichte mit uns. Was der Einzelne ist, ist er durch die Gemeinschaft seines Volkes. Die Bibel erzählt Geschichten von Menschen, um zu zeigen: So wirkt Gott für uns Menschen.
    Und viele Jahrhunderte war die Geschichte eines einzelnen Menschen eingebunden in die Gemeinschaft, in der er lebte. Viele Entscheidungen waren dadurch vorbestimmt. Welchen Beruf einer erlernte, welche Frau einer heiratete - das hat der Einzelne nicht einfach für sich entscheiden können.
    Wir aber erleben: Jeder muss sich selber um seine Belange kümmern. Ist selbst verantwortlich dafür, wie sein Leben verläuft. Muss selber so weit reichende Entscheidungen treffen wie Berufswahl, Partnerschaft, Familienleben, Wohnort.
    Und es gibt dabei Entscheidungen, von denen wir sagen: Die waren goldrichtig. Besser hätten wir sie nicht treffen können. Daneben kennen wir die Entscheidungen, an denen wir inzwischen zweifeln: Vielleicht wären wir mit einer anderen Entscheidung doch glücklicher geworden? Schlimm sind die Entscheidungen, die wir gerne rückgängig machen würden, die wir als falsch empfinden. Und für die wir aber niemand anderes verantwortlich machen können als uns selber.
    Dieses Konglomerat aus Gelungenem und Misslungenen, aus Erfülltem und Unerfülltem - dieses Konglomerat bildet unser Leben. Und jeder Mensch - so fasst Katja Thimm die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologen zusammen - jeder Mensch hat „das Bedürfnis, die eigene Biografie rückblickend als sinnvolle abgeschlossene Erzählung zu begreifen. Das sei die letzte große Entwicklungsaufgabe“ (S.18), die uns gestellt ist.
    Horst Thimm hat dabei Glück: Er hat eine Tochter, die sich für seine Geschichte interessiert. Er hat viel Schlimmes unbeschadet überstanden. Und: Er hat seine Geschichte oft als Schicksal erlebt. Der größte eigene Fehler, den er gemacht hat, bestand darin, dass er DDR-Produkte auf dem westdeutschen Schwarzmarkt verkauft hat. Aber er hat das mit sehr edlen Absichten getan: Er wollte seine Mutter in den Westen holen. Für diese Dummheit hat er mit sechs Jahren Haft bezahlt.
    Was aber geschieht mit den Lebensgeschichten, die auch von Scham und von Schuld, von Fehlern und Versagen handeln. Was geschieht mit den Erlebnissen, die ein Mensch kaum aushalten kann?
    Ob ein glaubender Mensch sich leichter tut? Weil er sich und seine Lebensgeschichte in der Gegenwart Gottes sehen kann? Weil er Gottes Spuren in seinem Leben entdecken kann.
    Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. (Ps 147,3)
    Gott, so erfährt der Psalmbeter, Gott fügt die Bruchstücke und Einzelteile seines Lebens selber zu einem Ganzen. Was uns unvollkommen und unvollständig erscheint, das wird Gott vollenden.
    Gut, wenn  wir unsere Lebensgeschichte auch ihm erzählen können. Denn wir haben schon Gnade in seinen Augen gefunden – wir und unsere Geschichte. Amen.

     

    Lied

    • Wir haben Gottes Spuren festgestellt
    • EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade
    • Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun.

     

     

     

     

  • Fürbitten und Segen

    Fürbitten:
    Lasst uns zu Gott beten, der uns das Leben geschenkt hat und uns durch die Jahre führt und begleitet:
    Für alle Menschen, denen ihre Heimat geraubt wurde, die von Kriegswirren heimgesucht werden, die auf der Flucht sind, dass sie einen Ort finden, an dem sie in Frieden leben können, dass ihre Verletzungen geheilt werden, dass sie Versöhnung erfahren, wo Streit und Hass und Krieg herrschen. Lasst uns zu Gott rufen:
    Gemeinde: Wir bitten dich, erhöre uns.
    Für alle, die verfolgt werden, weil sie sich für die Rechte der Menschen einsetzen, weil sie den Mächtigen im Weg stehen, weil sie ihre Finger in die Wunden von Unrecht und Ausbeutung legen, dass ihr Wirken erfolgreich ist, dass ihre Stimme gehört wird, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Lasst uns zu Gott rufen:
    Gemeinde: Wir bitten dich, erhöre uns.
    Für Eltern und Kinder, dass sie Verständnis für einander behalten, dass sie das rechte Maß von Fürsorge und Freiheit finden. Lasst uns zu Gott rufen:
    Gemeinde: Wir bitten dich, erhöre uns.
    Für die alten Menschen, dass sie auch im Alter ihre Würde behalten können, dass sie Aufmerksamkeit und Pflege erfahren, dass sie Menschen haben, die sie verstehen und auf sie achten. Lasst uns zu Gott rufen:
    Gemeinde: Wir bitten dich, erhöre uns.
    Für uns mit den Bruchstücken unserer Lebensgeschichte, mit unserem Glück und unserem Versagen, dass wir den roten Faden unseres Lebens finden und erleben, dass Gott sich und uns mit uns versöhnt. Lasst uns zu Gott rufen: 
    Gemeinde: Wir bitten dich, erhöre uns.
    Miteinander beten wir, wie Jesus uns zu beten ermutigt hat:

    Vaterunser

    Segen

    Musik