Literaturgottesdienste: Grundsätzliches und Praktisches

„Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”

1. Das Buch

Am 27. Januar 1904 schreibt der zwanzigjährige Franz Kafka in einem Brief an seinen Freund Oskar Pollak: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“ Beißen, stechen, Faustschlag, Unglück, Schmerz, Tod, verstoßen, Selbstmord und Axt: Lesen ist eine ernste und gefährliche Angelegenheit. Zum Glück sind nicht alle Bücher so. Es gibt Bücher, die uns einfach nur glücklich machen. Und das ist gut so. 

Es ist ein hoher Anspruch an Bücher, den Kafka formuliert: Bücher machen etwas kaputt. Sie zerstören und dienen nicht der Unterhaltung.  So streng wollen und sollten wir nicht sein. Ein Buch darf auch aufbauen, fröhlich stimmen, glücklich machen, einen schmunzelnd zurücklassen. Und doch darf ein Wort etwas in uns aufdecken, was uns zuvor verborgen war. Es darf etwas in uns aus der Erstarrung lösen. Es darf uns zutiefst berühren. Sanft oder gewaltsam. „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht Gott, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ (Jeremia 23, 29). 

2. Literatur, die Bibel und wir.

In einem Literaturgottesdienst befinden wir uns in einem produktiven Spannungsfeld zwischen der Literatur, der Bibel und uns als Einzelne und in der Gruppe. Was aber kann die Literatur leisten? Theodor Storm hat es in Bezug auf Lyrik in dem Vorwort zu einer Gedichtsammlung schön auf den Punkt gebracht: 

Das Gedicht soll dem Leser „eine Offenbarung und Erlösung, oder mindestens eine Genugthuung gewähren, die er sich selbst nicht hätte geben können, sei es nun, daß es unsre Anschauung und Empfindung in ungeahnter Weise erweitert und in die Tiefe führt, oder, was halb bewußt in Duft und Dämmer in uns lag, in überraschender Klarheit erscheinen läßt.”[1]

Das Gedicht, die Literatur, kennt uns besser als wir uns selbst. Sie hilft, sich selbst zu ent-decken [bewusst getrennt! ] Die Decken werden weggezogen. Literatur kann aber auch genau das Gegenteil. Sie kann eine Hülle bieten, in die ich mich einhülle, um vor der Öffentlichkeit nicht nackt dazustehen. Thomas Mann hatte Probleme mit seiner Homosexualität. Er hatte panische Angst, ent-deckt [bewusst getrennt!] zu werden. 

„Man braucht eine Rüstung aus Bürgerlichkeit und Wohlanständigkeit, um in der Welt den inneren Kern aus Abenteurertum, Frivolität, unangemessener sexueller Neigung und Verworfenheit zu bewahren. Und zwar eine, die einen auch selbst überzeugt und selbst innerlich festig.“[2]

„Aber er hat das Schreiben. Die Literatur. Den Friedemann. Er kann wenigstens jetzt von sich sprechen, von seiner Selbstkasteiung, seinem Selbsthass, seiner Angst, dass die Fesseln reißen, die er um sein Innerstes gespannt hat. Er kann davon erzählen. Er ist nicht mehr so grauenvoll allein mit dem allen, was in peinigt und worüber der große Bruder spottet. Es ist, als stelle er sich nackt in die Welt und die Welt applaudiere ihm für seine schönen Kleider.”[3]

Und damit bot Thomas Mann unzählige Anknüpfungspunkte für zahllose Menschen. 

„Die Größe, die Bedeutung und die lange währende Kraft und Wirkungsmacht von Thomas Manns Werk besteht darin, dass er einerseits schonungslos und radikal immer wieder sich selbst preisgab. Und - noch wichtiger - dass dieses Selbst auf, ja, magische Weise mit seiner Zeit, mit den Menschen seiner mit den Menschen seiner Zeit, der Politik, der Gesellschaft, den Ängsten, den Hoffnungen der Gegenwart verbunden war. Er war ein Seelenkenner nicht nur seiner selbst. Sondern auch ein Seelenkenner der Welt, die in umgab.”[4]

Thomas Mann möchte ein sehr persönliches Gedicht („Gesang vom Kindchen“) über seine Liebe zu seiner Tochter Elisabeth veröffentlichen. Seine Frau Katia interveniert. Daraufhin Mann: „War nicht Leben und Werk mir immer eines gewesen? Nicht Erfindung war Kunst mir: nur ein gewissenhaft Leben.”[5]

3. Die Bibel

So ist es auch mit der Bibel. 

Dorothee Sölle beschreibt das so: 

Lesen 

Eine afrikanische frau 

auf einer konferenz befragt 

warum sie denn immer die bibel läse

es gäbe doch so viele bücher 

sie könne doch nun lesen und schreiben 

gab in die enge getrieben 

schließlich die antwort 

ich lese doch gar nicht 

das buch liest mich[1]

„Das Buch liest mich“. Auch für das Wort Gottes gilt also, dass es mich ent-deckt [bewusst getrennt] In der Bibel – von zahllosen Menschen über Jahrhunderte geschrieben – finde ich mich wieder. Ich finde mich im Verhältnis zum anderen und zu Gott wieder. Sie gibt mir und uns Zuspruch, Anspruch, Verheißung und Nahrung, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht (Mattäus 4, 4b). Das Wort Gottes bringt uns zurecht, fordert mich heraus, bricht etwas auf, das in mir gefroren war. Es ist die Axt für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

4. 10 Thesen zu Literaturgottesdiensten

1. Im Gottesdienst feiern Menschen das Leben in all seinen Facetten - gemeinsam mit Gott und Menschen an der Seite. 

2. Die Menschen bringen ihre Erfahrungen, ihre Prägungen, ihre Fragen und ihre Zweifel mit in den Gottesdienst. 

3. Die Bibel und die Worte der Tradition (Gebete, Lieder) ver-sprechen [bewusst getrennt] das Leben der Menschen mit dem Wort Gottes und den Erfahrungen vergangener Generationen. 

4. Die Worte der Bibel und der Tradition brechen in das Leben der Menschen ein. Sie wollen sie mit der Zusage der Gnade Gottes zurecht bringen. 

5. Die Menschen bringen ihre existentiellen Fragen mit:

Was kann ich wissen? 

Was soll ich tun? 

Was darf ich hoffen? 

Was ist der Mensch?  (I. Kant) 

6. Dichter*innen haben es zu allen Zeiten vermocht, die Gefühle und Gedanken der Menschen besonders auf den Punkt zu bringen. 

Sie haben Worte gefunden, die den Menschen helfen zu leben. Dabei verschleiern und enthüllen sie (Thomas Mann) und finden eine Sprache, in der sich andere einklinken können. (Theodor Storm). 

7. In Literaturgottesdiensten begegnen die Menschen als Ich und Wir dem Wort Gottes und den Worten der Dichter*innen. Sie knüpfen an an die biblische Tradition. Dabei helfen ihnen die Worte der Dichtung, sich zu verstehen. 

8. Es geht in Literaturgottesdiensten nicht um formale Bildung. Es geht nicht darum, Wissen zu vermitteln. Es geht um Bildung im umfassenden Sinne („Herzensbildung”). Die Menschen sollen Hilfe und Orientierung für ihr Leben erfahren. 

9. Die zentrale Frage lautet nicht: „Was will uns der Dichter damit sagen?“

Die zentrale Frage lautet: „Wie kann das Wort der Dichter*innen mir helfen, mich und die anderen im Lichte des Wortes Gottes besser zu verstehen?“

10. Dichtung und Bibel sollen den Menschen eine Offenbarung und Empfindung, oder mindestens eine Genugtuung gewähren, die sie sich selbst nicht hätten geben können, sei es nur, dass sie deren Anschauung und Empfindung in ungeahnter Weise erweitern und in die Tiefe führen, oder, was halbbewusst in Duft und Dämmer in ihnen lag, in überraschender Klarheit erscheinen lassen (in Anlehnung an Theodor Storm). 

5. Praktisches

Im Vorfeld dieses Artikels haben mich Fragen erreicht, auf die ich gerne zu antworten versuche.

  • Welches Buch eignet sich? Muss es einen christlichen Inhalt haben?

Es eignet sich jedes Buch, selbst – gäbe es sie noch – das Kursbuch der Deutschen Bahn oder der IKEA-Katalog. Loriot hat schmunzelnd erwiesen, dass sich selbst das Kursbuch als Literatur lesen lässt (https://youtu.be/rfCq82OUtpA?si=T3BjaBQeM-EMMnrF)

Bücher sind Zeugnisse ihrer Zeit, die etwas über die Menschen in ihrer Zeit aussagen. Gemäß dem oben Geschilderten gibt es dann aber doch Bücher, die noch mehr als Kursbuch oder Katalog etwas über das Existentielle aussagen. Wenn wir sie lesen, werden sie automatisch zu „christlichen“ Büchern, weil sie uns im Lichte Gottes ent-hüllen [bewusst getrennt]. Das Kunstwerk ist autonom. Es gehört allen und kann von allen rezipiert werden. 

Ich selbst bevorzuge Gedichte oder die kleine Form, weil es schön ist, wenn das ganze Kunstwerk im Gottesdienst vorgetragen werden kann. Aber natürlich gelten die Ausführungen auch für Romane und Erzählungen. Die Herausforderung ist dann, angemessen in das Buch einzuführen,, ohne ein Referat zu halten. 

  • Welche Zielgruppe möchte ich erreichen?

Literaturgottesdienste bieten die Möglichkeit, Menschen anzusprechen, die sich sonst in der traditionellen Gottesdienstgemeinde eher nicht zuhause fühlen. 

Das kommende Jahr ist ein Goethe-, Kafka-, Kästner- und Sölle-Jahr. Auch in der medialen Öffentlichkeit werden zumindest die drei erstgenannten eine Rolle spielen. Alle vier genannten haben Gedichte oder Kurztexte geschrieben, die sich hervorragend für Literaturgottesdienste eignen. Bei entsprechender Werbung werden dann Menschen in die Kirche finden, die sonst eher distanziert auf den kirchlichen Betrieb blicken. Und das ist eine große Chance. Mit den Kinder- und Jugendbüchern von Erich Kästner können Kinder und Jugendliche besonders in den Blick genommen werden. Dafür bietet sich – je nach Bedingungen vor Ort-  eine Kooperation mit einer Grundschule, der Stadtteilbücherei oder dem Kindergottesdienst der Gemeinde an. 

  • Gibt es irgendwo Buchvorschläge?

Das jeweilige Preisbuch des Evangelischen Buchpreises und die damit verbundene Empfehlungsliste (Shortlist) sind sicher gute Grundlagen für einen Literaturgottesdienst. Gedichtbände wie zum Beispiel „Der ewige Brunnen“[1] sind eine Fundgrube für Texte, die sich hervorragend eignen. Die Sammlung „Der ewige Brunnen sortiert die Gedichte thematisch und nicht  chronologisch. Außerdem sind auch Songtexte von lyrischer Qualität von Wolf Biermann, Sven Regener, Udo Lindenberg oder Judith Holofernes aufgenommen. Jahreszeitenbücher bieten schöne Sammlungen von Kurztexten, wenn zum Beispiel ein Gottesdienst zum Sommer gehalten werden soll. 

  • Welche rechtlichen Dinge muss ich beachten?

Generell gilt, dass Texte von Autor*innen, die vor 70 oder mehr Jahren gestorben sind, gemeinfrei sind. Bei allen anderen Texten muss vor einer öffentlichen Lesung die Genehmigung beim Verlag oder bei der VG Wort (https://www.vgwort.de/index.html) eingeholt und ggf. eine Gebühr gezahlt werden. Das sollte frühzeitig geklärt sein. 

  • Wie mache ich auf Literaturgottesdienste aufmerksam?

Es sollten alle zur Verfügung stehenden Medien genutzt werden: 

Gemeindebrief (Redaktionsschluss beachten! Langfristig planen!), 

Websites der Gemeinde und/oder des Kirchenkreises, der Evangelischen Erwachsenenbildung, der Familienbildungsstätte, 

falls vorhanden Facebook, X (Twitter), Instagram, 

Tageszeitung, Plakate, Handzettel. 

Hier ist auch eine Vernetzung mit der örtlichen Bücherei sinnvoll. Und vielleicht legen Buchhandlungen Handzettel aus. 

  • Wann sollte man mit der Planung beginnen?

Frühzeitig! Die Vortragsrechte müssen frühzeitig geklärt werden. Gemeindebriefe erscheinen in vielen Gemeinden viermal pro Jahr. Davor liegt oft ein sehr früher Redaktionsschluss. Wenn der Gottesdienst dort beworben werden soll (was sehr ratsam ist), muss sehr früh schon das Thema und das Team bekannt sein. Erscheint ein Gemeindebrief vierteljährlich und erscheint die Weihnachtsausgabe Anfang Dezember, dann liegt der Redaktionsschluss oft Anfang November. Soll also im Gemeindebrief eine Veranstaltung für Ende Februar beworben werden, müssen Rechte, Thema und Akteur*innen bereits Anfang November geklärt sein und feststehen. Mehr aber auch nicht. Alles weitere kann dann in der Zeit bis zum Gottesdienst erledigt werden. 

  • Hat jemand schon Konzepte, die mir helfen können?

Eliport arbeitet daran, Literaturgottesdienste zu sammeln und auf der Website zur Verfügung zu stellen. Die bereits veröffentlichen Gottesdienste finden Sie hier: https://www.eliport.de/literatur-im-gottesdienst/

  • Wie gehe ich am besten bei der Vorbereitung vor? Wie viele Personen sollten den Gottesdienst vorbereiten/durchführen? Ist der/die Pfarrer*in zur Unterstützung bereit oder wie kann ich Überzeugungsarbeit leisten? Wo finde ich passende Lieder? Wen kann ich neben dem Team zur Unterstützung ansprechen?

     

  1. Anlässe finden 

Grundsätzlich kann an jedem Punkt der Trias Bibel-Literatur-IchWir angesetzt werden. Vielleicht gibt es einen Text, der für den Gottesdienst leitend sein soll. Ein oder mehrere Gedichte von Jubilar*innen zum Beispiel. Oder es gibt einen biblischen Text, der dann mittels literarischer Texte beleuchtet werden kann. Jahreszeiten, Jubiläen, Jahrestage, aktuelle Ereignisse: alles kann Anlass eines Literaturgottesdienstes sein. Dafür gibt es Kalender im WWW, die Jahrestage auflisten. Sehr geeignet ist dafür https://geboren.am/ und https://geboren.am/jubilaeen/2024 . [QR-Codes einfügen]

Im Jahr 2024 bieten sich zum Beispiel folgende Gedenktage an: 

Der 275. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe (*28. August 1749 + 22. März 1832), der 100. Todestag von Franz Kafka (* 3. Juli 1883 + 3. Juni 1924), der 125. Geburtstag und der 50. Todestag von Erich Kästner (* 23. Februar 1899 + 29. Juli 1974), der 20. Todestag von Dorothee Sölle (* 30. September 1929 + 27. April 2003) und der 100. Geburtstag von Friederike Mayröcker (* 20. Dezember 1924 + 4. Juni 2021). Von diesen Dichter*innen gibt es sehr schöne Texte, die für Literaturgottesdienste geeignet sind. Ich habe einer kleinen Auswahl erstellt. Sie finden die Liste auf der entsprechenden Seite bei eliport www.eliport.de/literatur-im-gottesdienst/

Für besonders geeignet halte ich darüber hinaus aber auch Freiherr Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Gottfried Keller, Gertrud Kolmar, Else Lasker-Schüler, Jan Wagner, Robert Gernhardt, Kurt Marti, Theodor Storm, Mascha Kaléko, Eva Strittmatter, Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin. Und Sie kennen sicher noch ganz andere. 

   2. Team bilden

Schön und ratsam ist es, auf ein bereits vorhandenes Team zurückzugreifen (Büchereimitarbeiter*innen, Literaturkreis etc.) oder aus Gleichgesinnten ein  Team zu bilden, das nicht zu groß sein sollte. Zwischen drei und sieben Personen erscheint mir sinnvoll. 

Vielleicht finden sich im Kirchenrat/Presbyterium Interessierte, aktive oder pensionierte Lehrer*innen, Mitarbeiter*innen einer öffentlichen Bücherei, Kirchenmusiker*innen. Die Bedingungen sind ja vor Ort sehr unterschiedlich. Der Pastor oder die Pastorin kann, muss aber nicht Teil des Teams sein. Auch das hängt sehr stark von den Bedingungen vor Ort ab. Zur Unterstützung kann das Team sich an die Büchereiarbeit der Landeskirche oder an eine Evangelische Bücherei wenden. 

 3. Zwangloser Austausch über die Texte. 

Lassen Sie sich ganz intuitiv ansprechen! Gehen Sie zunächst nicht der Frage nach „Was will uns der Dichter damit sagen?“ sondern der Frage: „Was sagt mir der Text?“ Das darf sehr subjektiv und persönlich sein. Der eine macht dazu dann vielleicht gerne eine Mindmap, die andere malt gerne eine Skizze oder ein Bild. Werden Sie kreativ, wenn Sie Lust darauf haben! Auch können Informationen über den historischen Hintergrund des Textes, die Biographie des Autors/der Autorin eingeholt und Fachliteratur gesichtet werden. Aber ich warne vor Referaten darüber im Gottesdienst. Ein Gottesdienst ist kein Seminar. Solche Informationen sollten nur insoweit aufgenommen werden, als sie den Text tatsächlich erhellen. 

„Von einem Kunstwerk will ich, wie vom Leben, unmittelbar und nicht erst durch die Vermittlung des Denkens berührt werden; am vollendetsten erscheint mir daher das Gedicht, dessen Wirkung zunächst eine sinnliche ist ,aus der sich dann die geistige von selbst ergiebigen, wie aus der Blüthe die Frucht.“[2]

 4. Fokussieren

Es kristallisiert sich ein existentielles Thema heraus. Endlichkeit, Aufbruch, Glück, Trauer, Mut, Krisen und viele mehr sind denkbar. 

Jetzt müssen Lieder, biblische Texte und Gebete gefunden und geschrieben werden. Hier ist die Kooperation mit Kirchenmusiker*innen und Pfarrer*innen vor Ort hilfreich. Passende Lieder finden sich im Evangelischen Gesangbuch und dessen Ergänzungsband. Weite Verbreitung mit vielen geeigneten Liedern sind die freiTÖNE[3]. Es gibt zahlreiche Liederbücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Und vielleicht finden sich auch im WWW Anregungen. 

  5. Akteur*innen

Schauen Sie, ob es in der Nähe jemanden gibt, der oder die besonders begabt ist, Texte vorzutragen! Aktive oder pensionierte Schauspieler*innen, Sprecher*innen beim Rundfunk, Menschen, die gewohnt sind, vor Menschen zu sprechen. Vielleicht können Sie dann auch mit einem in der Regionen bekannten Namen werben. Ich haben mit jungen, am Theater engagierten und mit bereits pensionierten Schauspieler*innen zusammengearbeitet. Auch mit einem pensionierten Rundfunksprecher habe ich Gottesdienste und andere Formate gestaltet. Haben Sie Mut, solche Menschen anzusprechen! Gegebenenfalls fallen dann Gagen an. Dann muss geklärt werden, wo das Geld aufgetrieben werden kann. Vielleicht gibt es einen Sponsor vor Ort oder der Etat der Kirchengemeinde gibt das her. 

Der/die Pfarrer*in kann je nach eigener Neigung viel oder nur sehr wenig am Gottesdienst beteiligt sein. 

  6. Ablauf

Alles – Musik, Lieder, biblische Lesungen, literarische Text, Gebete und ggf. Predigt in einen sinnvollen Ablauf bringen. Dafür kann die Orientierung am traditionellen Gottesdienstablauf hilfreich sein. 

  7.  Probe und Durchführung

Vielleicht ist eine Probe am Tag vor dem Gottesdienst ganz hilfreich, sie ist aber nicht notwendig. 

Bei der Durchführung müssen alle Akteure den gleichen Ablauf schriftlich haben, an dem sie sich orientieren können. Das gibt Sicherheit.

Gehen Sie auf Entdeckungsreise nach dem Verborgene zwischen den vielen Wörtern! In der Bibel, in der Literatur, in uns. 

Jens Teuber

 

[1] Theodor Storm, Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius, Leipzig 1875, S. VIII

[2] Volker Weidermann, Mann vom Meer. Thomas Mann und die Liebe seines Lebens, Köln 2023, S. 121

[3] Volker Weidermann, a.a.O., S. 97

[4] Volker Weidermann, a.a.O., S. 141

[5] Volker Weidermann, a.a.O., S. 151

[6] Dorothee Sölle, Gewöhnen will ich mich nicht, Freiburg i.Br. 2005, S. 116

[7] Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten, gesammelt und herausgegeben von Dirk von Petersdorff, München 2023

[8] Theodor Storm, a.a.O. VII

[9] FreiTÖNE, Liederbuch zum Reformationssommer 2017

[10] In: Über, o über dem Dorn, Gedichte aus 100 Jahren S. Fischer Verlag. Hrsg. Von Reiner Kunze, Frankfurt 1986, S. 122

 

 

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