Newsletter "Gemeinde" 03/2022

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Es sind Bilder, die einen nicht mehr loslassen: Väter, die ihre Familien an überfüllten Bahnhöfen verabschieden, ohne zu wissen, wann und ob sie sie wiedersehen. Schnell haben viele Ukrainer*innen das Wichtigste zusammengepackt und verlassen aus Angst vor den russischen Angriffen ihre Heimat. So wie Millionen andere Menschen auf der Welt begeben sie sich auf die Flucht, eine oft gefährliche Reise ins Ungewisse. Auch unsere Buchauswahl beschäftigt sich folglich mit dem Thema Flucht und Krieg, aus der Perspektive von Kindern und Erwachsenen.

Ihr Eliport-Team


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Meine liebsten Dinge müssen mit. Sepideh Sarihi. Ill. von Julie Völk. Weinheim: Beltz & Gelberg 2018. O. Pag. : überw. Ill. ; 28 cm. ISBN 978-3-407-82337-3, geb.: 12,95 €

In den Koffer passen die liebsten Dinge nicht – ob sie in der neuen Heimat wiedergefunden werden können?

Das Aquarium, die liebste Freundin, der Schulbus mit dem singenden Fahrer, der Holzstuhl, den Opa ihr gebaut hat und der Birnbaum, der genauso alt ist wie sie: All das würde die kleine Ich-Erzählerin so gerne mitnehmen. Aber der Platz im Flugzeug reicht bloß für einen kleinen Koffer. So wird sie vorerst nur eins ihrer „liebsten Dinge“ im neuen Zuhause wieder treffen: das Meer. An seinem Ufer wartet und hofft sie, dass auch die anderen - per Flaschenpost - nachkommen. Wer sie da so wach, mit roten Wangen und aufmerksamem Blick im gelbgestreiften Pulli (der Autorin recht ähnlich, die 2012 den Iran verließ) stehen sieht, mag wünschen und beim Betrachten der Bilder auch ahnen, dass neue Beheimatung möglich sein könnte. Schließlich steht ganz in der Nähe ein großer Apfelbaum, und dort spielt ein gleichaltriges Kind... Dass die dreiköpfige Familie aus einem orientalischen Land stammen könnte, deuten die zarten Illustrationen (mit Bunt-/Bleistift) nur an. Den Grund ihres Aufbruchs erfährt man nicht.

Was/wo sind meine „liebsten Dinge“? Wie wird die Geschichte des Mädchens weiter gehen? Viele Gesprächsanregungen für Kinder mit und ohne ähnliche Erfahrungen, in Kita und Schule.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Abschied | Flucht | Heimat | Heimweh
Bewertung: +++
Rez.: Griet Petersen

Ramas Flucht. Margriet Ruurs. Ill. von Nizar Ali Badr. Dt. von Ulli u. Herbert Günther. Arab. Text von Falah Raheem. Hildesheim: Gerstenberg 2017. O. Pag. : überw. Ill. ; 25 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-8369-5973-5, geb.: 12,95 €

Die Geschichte der Flucht von Rama und ihrer Familie, erzählt auf deutsch und arabisch, illustriert von einem syrischen Künstler.

Aus Steinen, gesammelt in der Nähe der syrischen Stadt Latakia, legt Nizar Ali Badr (im Buch abgebildet bei der Arbeit) die Bilder zur Geschichte. Wir hören Rama erzählen von ihrem Leben mit Bruder Sami, Eltern und Großvater. Geborgen und geliebt weiß sie sich. Doch dann muss die Familie mit vielen anderen fliehen aus ihrem Land, in dem Lebensmittel knapp werden, sie nicht frei ihren Glauben leben können und Krieg herrscht. Nicht alle überleben die Fahrt über das Meer... Für Ramas Familie scheint am Ende aber alles gut zu werden: Im neuen Land werden sie von lächelnden, hilfsbereiten Menschen begrüßt, erfahren Sicherheit und Frieden. Für immer? Das weiß Rama nicht. Die Geschichte besteht aus schlichten, kurzen Sätzen, auch verständlich mit begrenzten Deutschkenntnissen. Der Text ist auf deutsch und arabisch abgedruckt.  Beeindruckend sind die Bilder: Die Haltung der Figuren sagt viel über ihre innere Gestimmtheit, es lässt sich dazu gut erzählen (und eigene Steinbilder legen?).

Für Kinder im Vor- und Grundschulalter, in Übergangsklassen; insbesondere da, wo arabisch sprechende (und vorlesende) Menschen mit einbezogen werden können.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Flucht | Syrien
Bewertung: +++
Rez.: Griet Petersen

Höra, Daniel: Das Schicksal der Sterne. München: bloomoon 2015. 243 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8458-0758-4, geb.: 14,99 €

Zwei Menschen, zwei Fluchtgeschichten: Ein schlesischer Flüchtling freundet sich mit irakischen Jungen an.

Karl, Witwer und schlesischer Flüchtling hat einen Schlaganfall. Adib, irakischer Flüchtling, 15 Jahre, findet sein Buch und bringt es zu ihm nach Hause. So entsteht eine Freundschaft über die Altersgrenzen hinweg. In Sequenzen werden die beiden Fluchtgeschichten erzählt, beide sind vaterlos, verlieren und finden ihre Geschwister, finden sich in Berlin ein. Dazu kommt Marie, ein ungewöhnliches Mädchen, das immer dann aktiv wird, wenn die beiden anderen keine Ideen mehr haben oder resignieren.
Beide Fluchtgeschichte scheinen wir zu kennen: die Flucht nach dem 2. Weltkrieg aus Polen und die Flucht der Iraker vor den Taliban. Aber es ist ein Schein: Die Details der Flucht - der Hunger, die Schlepper, die Verstecke, das Gefängnis, das Meer, die Toten, die die Flucht säumen - diese Details kennen wir eigentlich nicht. Schwere Kost, dennoch verständlich für Jugendliche, die wissen müssen, dass viele Deutsche früher ebenfalls auf die Hilfe anderer angewiesen waren.

Zum Vorlesen in Jugendkreisen und für die Bücherei, auch für Unterricht und Konfirmandenarbeit.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Flucht | Vertreibung | Fremde | Freundschaft
Bewertung: +++
Rez.: Volker Dettmar

Kossert, Andreas: Flucht - Eine Menschheitsgeschichte. München: Siedler 2020. 431 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-8275-0091-5, geb.: 25,00 €

Flucht und Vertreibung in der Menschheitsgeschichte und ihre Auswirkungen auf die Betroffenen.


Schon das Alte Testament berichtet von Flucht, Fremdheit und Exil: Letztlich sei die Bibel „ein Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Heimatverlust und Heimatsuche sind seine Kernthemen", schrieb der Theologe Johann Hinrich Claussen. So steht denn auch der Auszug der Israeliten aus Ägypten am Beginn von Andreas Kosserts „Menschheitsgeschichte der Flucht". Bis zu den gegenwärtigen Fluchtbewegungen zeichnet der Historiker ein bedrückendes Panorama eines ewig wiederkehrenden Dramas. Ganze Völker wurden im Laufe der Jahrhunderte kollektiv aus ihrer Heimat vertrieben, manche sogar völlig ausgerottet – und zwar auf allen Kontinenten. Kossert erinnert an diese Menschheitsverbrechen, ordnet sie historisch ein – und lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen: In vielen, auch literarischen Quellen sprechen sie über das Trauma des Heimatverlustes, das Heimweh, die Anfeindungen in den Ankunftsländern. Ein bedrückendes, wichtiges und brillant geschriebenes Buch, sehr zur Lektüre empfohlen.  

Für politisch Interessierte geeignet, die das Thema bewegt und beunruhigt.

Signatur: Sb
Schlagworte: Flucht und Vertreibung | Genozid | Heimatverlust | Entwurzelung
Bewertung: +++
Rez.: Michael Freitag