Newsletter "Gemeinde" 04/2019

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Umbrüche, grundlegende Veränderungen der Lebensumstände, Krisen und wie sie vielleicht doch zu Entwicklungen führen können – das sind die prägenden Themen der Literatur und Stoff zahlreicher Romane. Aus der Frühjahrsproduktion haben wir ein biographisches Buch und drei Romane ausgewählt, in denen Umbrüche in ganz verschiedener Weise geschehen. Gemeinsam ist ihnen die besondere und fesselnde Sprache.

Gute Lesestunden wünscht

Ihr Eliport- Team

 

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Bomann, Anne Catherine: Agathe. Roman. Dt. von Franziska Hüther. München: hanserblau 2019. 155 S. ; 19 cm. Aus d. Dän. ISBN 978-3-446-26191-4, geb.: 16,00 €

Kurz vor dem Ruhestand übernimmt ein Psychiater eine Patientin, die ihn zum Nachdenken über das eigene Leben bringt.

Der Ich- Erzähler lebt zeit seines Lebens in einem kleinen Städtchen im Umkreis von Paris. Dort arbeitet er seit fast 50 Jahren als Psychiater. Seine Praxis will er in den kommenden Wochen abgeben und so zählt er die Tage bis zum Ruhestand. In dieser Situation ist er von Selbstzweifeln und Ängsten geplagt.  Konnte er seinen Patienten wirklich helfen? Wie wird sein Leben ohne Familie, ohne Freunde und Beruf weitergehen? Wartet nur noch das Alter? Dann kommt Agathe als Patientin zu ihm, sie braucht dringend Hilfe und verändert mit den Gesprächen den Blick des Therapeuten auf seine einige Welt.   Hier begegnet man einem Menschen, der sich schwer tut mit dem Leben, der Nähe zu anderen Menschen nicht zulässt, der an die Grenzen seines Berufs und seiner Kraft gekommen ist.  Mit großer Menschlichkeit erzählt, in feiner und reduzierter Sprache ist dieses Buch wirklich Literatur.

Sehr empfehlenswert für jede Bücherei und jeden Literaturkreis.

Signatur: SL
Schlagworte: Psychiater | Ruhestand | Frankreich | Liebe
Bewertung: +++
Rez.: Gesine Meerheimb

Lehner, Angela: Vater unser. Roman. München: Hanser Berlin 2019. 283 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-26259-1, geb.: 22,00 €

Psychopathin erzählt Familientragödie, dies aber laut, provokant, manchmal lustig, manchmal verstörend.

Eva Gruber wird von der Polizei in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals gebracht. Sie gibt an, die Kinder eines Kindergartens erschossen zu haben. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will und der nun im selben Spital ist. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. Lehner lässt ihn mit einem manchmal verwirrenden Text allein, erst langsam begreift man, dass Eva oft Wahres und Fiktion durchmischt. Eva erzählt dabei oft hochkomisch und nimmt so schnell kein Blatt vor den Mund, verhält sich eher zu laut als leise, provoziert gerne, ist nicht auf den Kopf gefallen. Am Romanschluss stirbt ihr Bruder in ihren Armen.

Ein faszinierender Text, in österreichischem Sprachduktus; ein Text, den man nicht aus der Hand legen kann. Ein „Muss“ für alle Literaturinteressierten und ein phantastisches Debüt. 

Signatur: SL
Schlagworte: Familie | Schuld
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Spary

Mevissen, Katharina: Ich kann dich hören. Roman. Berlin: Wagenbach 2019. 163 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8031-3306-9, geb.: 19,00 €

Der Fund eines Diktiergerätes hilft einem jungen Cello-Studenten bei der Selbstfindung.

In Hamburg hadert ein junger deutsch-türkischer Cello-Student immer wieder mit der Musik. Seine familiäre Vergangenheit hat er nie aufgearbeitet, also besucht er die Familie nicht. Auch in der Liebe vermeidet er es bisher, sich festzulegen. Als sich sein Musiker-Vater das Handgelenk bricht und die Tante ihn um Hilfe bittet, weicht er dieser Verantwortung zunächst aus. Erst der Fund eines Diktiergerätes und mit ihm der Einblick in das Leben eines tauben Mädchens, verändern unmerklich seine Haltung zum Leben. Er stellt sich der familiären Verantwortung, weicht einem Gespräch mit seinem Vater, der ihm mit seinem Ehrgeiz einen unvoreingenommenen Umgang mit der Musik erschwert hat, nicht länger aus und geht auf die lange bewunderte Mitbewohnerin zu. Der Autorin ist es in ihrem großartigen Debütroman gelungen, uns ihren etwas chaotischen Ich-Erzähler ans Herz zu legen und uns mit ihm tief ins Innere der Musik zu begeben. Besonders lebendig wirkt dabei die Verwendung der Alltagssprache.

Berührender Roman über das Erwachsenwerden. Bestens geeignet für alle, die sich auf die frische, unverstellte Umsetzung des Themas einlassen mögen.

Signatur: SL
Schlagworte: Selbstfindung | Musik
Bewertung: +++
Rez.: Susanne Brenner

Robinet, Jayrôme C.: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund. München: Hanser Berlin 2019. 210 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-26207-2, geb.: 20,00 €

Ein Buch über die persönliche Geschichte einer Transition.

Jayrôme C. Robinet wurde in Frankreich mit sizilianischen Großeltern geboren und lebte früher als weiße Frau. Schon früh zog es ihn nach Berlin. Reflektiert, klug und humorvoll erzählt in diesem Buch von seinen persönlichen Erfahrungen während der eigenen Transition. Mit der lang ersehnten Testosteron Einnahme beginnt für Robinet eine zweite Pubertät. Endlich kann er als Mann leben, doch wird er plötzlich einige Jahre jünger geschätzt und es passiert immer öfter, dass er als Person of colour gelesen wird. Auf einmal werden Passkontrolle, Umkleidekabinen und der Besuch am Badesee zum Problem. Das Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber ändert sich grundlegend und er hat den direkten Vergleich. Begleitet von einer romantischen Liebesgeschichte teilt er mit seinen Leser_innen seinen queeren Alltag aus der Innenperspektive. Er spricht über Privilegien, Diskriminierung, Solidarität und unterstreicht einmal mehr, die Zwänge und Defizite patriarchaler Strukturen und Verhaltensmuster.

Ein berührendes und mitreißendes Buch, das sowohl Privilegien bewusst werden lässt als auch den eigenen Horizont enorm erweitert und mit Vorurteilen aufräumt.

Signatur: Bb | SL
Schlagworte: Transidentität | Geschlecht | Transition | Patriarchat
Bewertung: +++
Rez.: Rosa Bömelburg