Newsletter "Gemeinde" 05/2018

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Literatur vermag uns in fremde Welten zu versetzen. Manchmal liegt das Fremde vor der eigenen Haustür, etwa wenn Milieu- und soziale Grenzen überschritten werden. Ebenso öffnet sie auch die Tür zu anderen Kulturen und Ländern. Japan ist ein besonders vielschichtiges, widersprüchliches Land, in dem Tradition und Moderne ganz nah beieinander liegen können. Wir möchten Ihnen – ausgelöst durch die Begeisterung für den neuen Murakami – ein kleines und feines Sträußchen mit japanischen „Blütenblättern“ präsentieren.

Großes Lesevergnügen wünscht

Ihre Eliport-Team

 

Bewertung:
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Ceci, Jean-Marc: Herr Origami. Roman. Dt. von Claudia Kalscheuer. Hamburg: Hoffmann & Campe 2017. 157 S. ; 21 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-455-00151-8, geb.: 18,00 €

Meister Krogiku lebt abgeschieden in der Toskana, wo er japanisches Papier herstellt. Der Uhrmacher Casparo stößt zu ihm.

Der Liebe wegen verließ der Japaner Krogiku vor 40 Jahren seine Heimat. Er lässt sich, ohne seine Herzensdame je gefunden zu haben, in der Toskana nieder. Von seinem Vater hat er die Kunst gelernt, Washi herzustellen, ein besonderes japanisches Papier, das zum Falten von Origami benötigt wird. Nun verbringt er seine Tage damit, zu meditieren, Washi zu produzieren und seiner wahren Leidenschaft, Origami, zu frönen. Eines Tages stößt der junge Uhrmacher Casparo zu ihm. Auch er hat eine Passion: Er möchte eine Uhr bauen, die alle Zeitmaße enthält. Die beiden Männer kommen sich näher, meditieren, reisen gemeinsam nach Japan und kehren, verändert, wieder zurück. Der Roman ist vom Inhalt wie auch von der äußeren Form etwas Besonderes. Er wurde auf das Wichtigste reduziert, so dass die meisten Seiten nur wenig Text beinhalten. Viele Sätze entfalten eine ganz eigentümliche Kraft. Sie zwingen den Leser zum Innehalten, um den philosophischen Gehalt ausloten zu können. Prädikat „Wertvoll“.

Für diesen ungewöhnlichen Roman muss man Muße aufbringen. Büchereien, die ein derartiges Publikum haben, sollten ihn anbieten.

Signatur: SL
Schlagworte: Japan | Origami | Toskana
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

Flašar, Milena Michiko: Herr Katō spielt Familie. Roman. Berlin: Wagenbach 2018. 169 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8031-3292-5, geb.: 20,00 €

Herr Kato, der seine neue Rolle als Pensionär noch sucht, wird von der jungen Frau Mie für ihre Agentur Happy Family angeworben. Er soll Familie spielen, bei Bedarf das Familienmitglied ersetzen, das fehlt.

So spielt er den Opa eines Jungen für einen Tag, oder den Partner einer älteren Frau, schließlich muss er als Vorgesetzter und Redner auf einer Hochzeit auftreten, auf der alle, außer den Brautleuten, Schauspieler sind. Dabei wird er mit Familien-Dramen konfrontiert, die an seine Kräfte und auch an die seiner Chefin Mie gehen. Gleichzeitig wird das Zusammenleben von Kato und seiner Frau geschildert. Die Erzählerin sieht und hört genau hin und schreibt über gelingende und nicht gelingende Dialoge. Es werden Fragen gestellt, die keine Antwort intendieren; das beredte Schweigen beim Essen. Hinter diesen Kommunikationsformen verbergen sich unausgesprochene gegenseitige Rollenerwartungen, die sich während einer langen Zeit des Zusammenlebens gebildet haben. Gezeigt wird ein doppeltes „Spiel“: Kato spielt für die Agentur Happy Family und in der eigenen Familie.

Die Autorin analysiert nicht, sondern entwirft und dokumentiert exemplarisch Bruchstücke von Familien-Leben. Der Leser wird so zum gebannten Beobachter, sensibilisiert für eigenes Kommunikationshandeln.

Signatur: SL
Schlagworte: Japan | Familie | Paare | Kommunikation
Bewertung: ++
Rez.: Reinhold Zenke

Murakami, Haruki: Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint. Dt. von Ursula Gräfe. Köln: DuMont 2018. 477 S. ; 22 cm. Aus d. Japan. ISBN 978-3-8321-9891-6, geb.: 26,00 €

Geheimnisvoller Roman um einen japanischen Porträtmaler, der im Hause eines Künstlers surreale Erfahrungen macht, aber auch zu einem neuen Stil findet.

Der neue Murakami enthält viele Elemente, die aus seinen früheren Werken vertraut sind: ein einsamer Held, der - von seiner Frau verlassen - seinem bisherigen langweiligen, gleichwohl glücklichem Leben nachsinnt und auf surreale Begebenheiten stößt. Im einsamen Elternhaus eines Freundes in den Bergen findet er Unterschlupf und entdeckt dort ein bislang unbekanntes Gemälde „Die Ermordung des Commendatore“. Der Besitzer ist ein alter, dement in einem Heim lebender Künstler, der ebenso wie der Erzähler einmal in seinem Leben seinen Malstil komplett geändert hat. Von dem Bild geht eine tiefe Faszination aus. Mit dem Porträt seines Nachbarn, des reichen Menshiki, begibt sich der Erzähler auf einen neuen ästhetischen Weg. Gemeinsam mit dem solventen  Auftraggeber entdeckt er eine verborgene Welt, deren Bedeutung wohl erst im zweiten Teil entschlüsselt wird.

Ein wunderbarer Roman zwischen stiller Alltäglichkeit und überraschenden surrealen Entwicklungen. Spannend, mit Humor und wohltuender Langsamkeit erzählt. Unbedingt mit dem zweiten Teil einstellen.

Signatur: SL
Schlagworte: Künstler | Japan | Phantastisches | Einsamkeit
Bewertung: +++
Rez.: Gabriele Kassenbrock

Gastmann, Dennis: Der vorletzte Samurai. Ein japanisches Abenteuer. Berlin: Rowohlt Berlin 2018. 250 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-7371-0011-3, geb.: 19,95 €

Reiseerlebnisse aus Japan.

Der Autor legt keinen klassischen touristischen Führer vor, denn er sieht Japan mit anderen Augen: Einerseits mit dem Blick des auf Skurrilitäten spezialisierten Reisejournalisten, der besonders durch die hochgelobte ARD-Serie „Mit 80.000 Fragen um die Welt" bekannt geworden ist, und andererseits durch seine Heirat mit einer Japanerin. Es werden zwar eine ganze Reihe von Orten abgedeckt, aber der Schwerpunkt liegt bei der beiläufigen Vermittlung der Tiefe und Andersartigkeit der Kultur und der damit häufig verbundenen, für Europäer oft rätselhaft erscheinenden Alltagsgeschehnisse in einem Land, in dem Hypermoderne oft auf Archaisches trifft. Sehr geschickt werden in den Kapiteln die großen und kleinen lokalen Besonderheiten auf der Reiseroute mit Hintergrundwissen verknüpft. Der Stil des Ich-Erzählers ist dabei locker, jedoch nie profan. Auf Fotos wurde verzichtet, im Anhang findet sich aber eine Übersichtskarte.

Nicht zuletzt wegen der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio für Freunde erzählender Reiseliteratur vorrangig empfohlen.

Signatur: Ee
Schlagworte: Japan
Bewertung: +++
Rez.: Tobias Behnen