Newsletter "Gemeinde" 06/2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir haben derzeit „Pride Month“. In diesem geht es nicht nur um bunte Paraden und Regenbogenflaggen, sondern um viel mehr: Das Ankommen und die Akzeptanz anderer Lebensentwürfe in der Gesellschaft. Unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität soll sich jeder Mensch gemäß seiner Gaben und Anlagen entwickeln können. Diesen Auftrag hat auch die Kirche im Blick. Mit Initiativen wie #OutInChurch kommt merklich Bewegung in starre Strukturen. Passend dazu sind unsere Literaturempfehlungen.

Auf eine bunte, vielfältige Welt!

Ihr Eliport-Team


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Hye-Jin, Kim: Die Tochter. Dt. von Ki-Hyang Lee. München: Hanser Berlin 2022. 171 S. ; 21 cm. Aus d. Korean.ISBN 978-3-446-27232-3, geb.: 20,00 €

Die Geschichte einer Frau, deren Weltbild angesichts des queeren Lebensentwurfs ihrer Tochter aus den Fugen gerät.

Seit Jahren teilen Mutter und Tochter wenig mehr als ein wortkarges Mittagessen pro Woche. Das meiste bleibt ungesagt. Die Mutter, Pflegerin im Seniorenheim, führt ein unauffälliges Leben. Ihre Tochter Green geht einen anderen Weg: Sie hat keinen Mann, kaum Einkommen und liebt eine Frau. Als das Paar bei der Mutter einziehen muss, prallen die verschiedenen Lebensentwürfe aufeinander. Mit Sensibilität und sanfter Wucht ergründet die Autorin Kim Hye-jin in ihrem Erstlingswerk die Ängste einer Generation, die am selbstbestimmten Leben ihrer Kinder scheitert. Obwohl die Geschichte voller Einblicke in das Leben einer uns fremden Kultur ist, kann sich die/der Lesende gut einfinden. Erzählt wird aus der Perspektive der Mutter, die große Schwierigkeiten hat, die homosexuelle Beziehung ihrer Tochter zu akzeptieren. Aber auch das Thema der würdevollen Pflege und Versorgung im Alter spielt im Roman eine große Rolle. Die Sprache ist distanziert und kühl, aber sehr eindrücklich.

Ein aktueller Roman über die Enge und Starrheit von Tradition und die Möglichkeit zum Wandel. Für alle gesellschaftlich interessierten Lesenden.

Signatur: SL
Schlagworte: Mutter-Tochter-Beziehung | Queer | Lebensentwürfe | Gesellschaft
Bewertung: +++
Rez.: Andrea Zimmermann

Daas, Fatima: Die jüngste Tochter. Roman. Dt. von Sina de Malafosse. Berlin: Claassen 2021. 192 S. ; 21 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-546-10024-3, geb.: 20,00 €

Autobiografischer Roman einer jungen homosexuellen Muslimin aus Frankreich.  

„Ich heiße Fatima Daas.“ So beginnt, fast gebetsartig, jedes Kapitel des Romans, gefolgt von kurzen Sentenzen zu Religion, Herkunft, Homosexualität und vor allem Schuld. Als jüngste Tochter – die Eltern hatten sich einen Jungen gewünscht - kommt Fatima nicht in Algerien, sondern in Frankreich zur Welt. Sie beschreibt, nicht chronologisch, ihr Erwachsenwerden, ihr Unangepasstsein und ihre Rebellion als Schülerin, ihre Ablehnung von Mädchenkleidung und ihre Neigung zu Frauen, daneben die Sprachlosigkeit in der Familie über bestimmte Themen und Tabus, die man nicht zu erwähnen wagt. Und dennoch möchte Fatima eine gute Muslimin sein, erhält aber auch im Gespräch mit Imamen nur die Antwort, dass der Koran Homosexualität verurteile. Als fast Dreißigjährige blickt Fatima zurück und sucht Versöhnung und Einklang mit ihrer Familie und mit ihrer Religion. Sie „erzählt die Geschichte eines Mädchens, das kein richtiges Mädchen ist, das weder algerisch noch französisch ist, weder Vorstädterin noch Pariserin, eine Muslimin, glaube ich, aber keine gute Muslimin, eine Lesbe mit anerzogener Homophobie.“

Der Roman stand lange auf der französischen Bestsellerliste und ist durchaus lesenswert. 

Signatur: SL
Schlagworte: Homosexualität | Koran | Frau | Frankreich
Bewertung: ++
Rez.: Cornelia von Forstner

Oseman, Alice: Heartstopper - Boy trifft Boy. Dt. von Vanessa Walder. Bindlach: Loewe 2022. 285 S. : überw. Ill. ; 22 cm. (Volume 1). Aus d. Engl. ISBN 978-3-7432-0936-7, geb.: 15,00 €

Der 14-jährige Charlie freundet sich mit Nick an, doch merkt er bald darauf, dass er mehr für diesen empfindet.

Charles Spring ist schwul - nach seinem Outing in der Schule wissen das alle. Das scheint für ihn auch kein Problem zu sein, bis er sich in den zwei Jahre älteren Nick anfreundet und schlussendlich verliebt. Denn Nick, der beliebten Rugby-Spieler, ist auf keinen Fall homosexuell, oder?
Die Graphic Novel ist sauber und ansprechend, wenn auch schlicht, gezeichnet. Auch die Geschichte um Nick und Charlie ist einfach gehalten, ohne sich in zu viele Details zu verlieren. Eine kurze Wohlfühl-Lektüre mit Cliffhanger für all jene, die sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen oder einfach gerne Geschichten rund um LGBTQ+-Charaktere lesen wollen. Der Band enthält auf den letzten Seiten ein paar zusätzliche Informationen sowie Steckbriefe zu den wichtigsten Charakteren der Geschichte.
Bisher sind in 4 Bände zu dieser Reihe erschienen. Band 3 wurde 2020 mit den Goodreads Choice Award in der Kategorie Beste Graphic Novels & Comics ausgezeichnet.

Die Geschichte eignet sich besonders für Jugendliche ab 13 Jahren.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Graphic Novel | LGBTQ+ | Homosexualität | Liebe
Bewertung: ++
Rez.: Stefanie Schmettlach

Nessensohn, Hansjörg: Mut. Machen. Liebe. Berlin: Ueberreuter 2021. 341 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-7641-7119-3, geb.: 18,00 €

Zwei ineinander verwobene queere Geschichten in den 1950er-Jahren und heute.

Paul will sich selbst finden. Und dabei auch herausfinden, ob ihn mit Jonas noch irgendetwas verbindet. Jonas und er verliebten sich ineinander. Doch dann hat Jonas Paul geoutet und damit jede Vertrauensbasis zerstört. Auf seiner Reise zu Fuß durch Italien begegnet Paul der 80-jährigen Liz, die ihm eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit erzählt: die Geschichte von Helmut und Enzo, die sich in den 1950er-Jahren ineinander verliebten und nicht miteinander glücklich werden konnten. Hansjörg Nessensohn verwebt zwei in sich gelungene Geschichten miteinander und erzählt sowohl eine moderne Coming-of-Age-Story als auch eine hintergründige Geschichte über Schwulsein zu Zeiten, in denen Homosexualität in Deutschland noch strafbar gewesen ist. Obwohl die Verbindung der Geschichten und die Figuren selbst zunächst recht künstlich konstruiert wirken, überzeugt der Roman insgesamt dennoch durch das Herz am rechten Fleck und einen wahrhaftigen Gesamteindruck.

Jugendlichen Leser*innen ab 14 Jahren mit Interesse an realistischer Literatur und/oder historischen Themen gern empfohlen.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Coming of Age | Homosexualität | 20. Jahrhundert | Liebe
Bewertung: +++
Rez.: Marcel Lorenz