Newsletter „Hörbücher" 03/2018

Liebe Hörerin! Lieber Hörer!

Wo hören Sie am liebsten zu? Wir haben eine kleine Umfrage gestartet und festgestellt, dass die wenigsten Menschen einfach auf dem Sofa sitzen und andächtig die Wand anstarren dabei. Die häufigsten Antworten lauteten: Beim Radfahren, beim Bügeln und Putzen, zum Einschlafen und bei langen Bahn- bzw. Autofahrten. Mit diesem Hintergrundwissen wird die Wahl des richtigen Hörbuches zu einer echten Herausforderung. Denn wer kann wohl den Boden wienern und zeitgleich Marx‘ ökonomische Theorien begreifen? Oder wer schläft ein, wenn die „Hüter des Todes“ umgehen oder sich Kaiserschmarrndramen abspielen? Von den Anforderungen, die sich aus unserem Nutzungsverhalten für die SprecherInnen ableiten ließen, fangen wir hier gar nicht erst an... Regale mit Beschriftungen wie „Hörbücher mit Einschlafgarantie“, „Spannende Ablenkung für Haushaltsmuffel“ oder „Stimmen die wach halten“ fänden wir auf jeden Fall spitze!

Anbei finden Sie eine ganz und gar nicht schläfrig machende Auswahl, die durchaus mal auf dem Sofa ausprobiert werden könnte.

Wir zumindest starten den Selbstversuch und grüßen mit einem Kissen im Rücken fröhlich in die Runde

Ihr Eliport-Team

 

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CDs für die Allerkleinsten bis 4 Jahre

Björk, Christina: Sieben Prinzessinnen und jede Menge Drachen. Hörspiel. Dt. von Birgitta Kicherer. Gesprochen von Matthias Haase, Lia Danisch u.a. Berlin: Der Audio Verl. 2017. 1 CD ; 49 Min. Aus d. Schwed. ISBN 978-3-7424-0049-9, : 9,99 €

Ein zauberhaftes Hörspiel über starke Prinzessinnen, die keinen Prinzen brauchen, um mit bösen Drachen fertig zu werden.

In sieben Geschichten, die nach den Wochentagen geordnet sind, wird von frechen, selbstbewussten und dabei liebenswerten Prinzessinnen erzählt, die lieber mit Drachenkindern spielen, wilde Geburtstagspartys feiern oder gleich selber Feuerspeien lernen, als sich von angeblich furchteinflößenden Drachen entführen und dann ganz klassisch von heldenhaften Prinzen retten zu lassen. Das schaffen sie schon ganz allein. Alle Prinzessinnen haben ihre eigenen Marotten und sind alle so vorlaut, dass sie sich selbst immer wieder in die Erzählungen einmischen.

Gerne empfohlen für tapfere Prinzessinnen ab 4 Jahren.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Prinzessinnen | Drachen | starke Mädchen
Bewertung: +++
Rez.: Nina Theka

CDs für jüngere Kinder von 5-8 Jahren

Funke, Cornelia: Das Piratenschwein. Autorisierte Audiofassung. Gelesen von Katharina Thalbach. Dortmund: Igel-Records 2017. 1 CD ; 34 Min. ISBN 978-3-7313-1178-2, : 12,99 €

Die Befreiungsgeschichte von Jule, dem Piratenschwein, das dem Dicken Sven und seinem Schiffsjungen Pit von wilden Piraten entführt worden ist.

Als der Dicke Sven und sein Schiffsjunge Pit ein Fass aus dem Wasser fischen in dem ein Schwein steckt, ist ihnen schnell klar: Hier muss es sich um ein Piratenschwein handeln. Denn Schweine können hervorragend Gold und Juwelen erschnüffeln und werden daher gern von Piraten mit auf Kaperfahrt genommen. Dieses Schwein jedoch war offenbar nicht so erfolgreich wie gewünscht und wurde daher äußerst brutal über Bord geworfen. Doch vielleicht lag es gar nicht so sehr am Unvermögen, sondern vielmehr am Unwillen des Schweinchens – denn alsbald entdeckt es einen richtig großen Goldschatz und der Dicke Sven und Pit sind plötzlich steinreich. Als die Piraten davon Winde bekommen, beschließen sie, das Schwein zu entführen…
Diese hübsche Geschichte mit vielen lustigen Momenten und schöner Begleitmusik wird köstlich gelesen von Katharina Thalbach, deren raue Stimme wie gemacht ist für ein Seeräuberabenteuer. Eine tolle Geschichte!

Diese originelle Geschichte ist ein Hörvergnügen für die ganze Familie und passt in jede Bücherei mit Hörbuchbestand.

Signatur: Ju 1
Schlagworte: Piraten | Freundschaft | Abenteuer
Bewertung: +++
Rez.: Kurt Triebel

CDs für ältere Kinder von 9-12 Jahren

Thon, Ingunn: Mollis Sommer voller Geheimnisse. Leicht gekürzte Lesung. Gelesen von Jodie Ahlborn. Dt. von Maike Dörries. Hamburg: Hörcompany 2018. 3 CDs ; 240 Min. Aus d. Norw. ISBN 978-3-945709-73-3, : 14,95 €

Nichts wünscht sich Molli so sehr wie einen Papa, ihren Papa. 101 Postkarten aus aller Welt führen auf seine Spur.

Die 10-jährige Molli hat einen großen Kummer: Ihr Papa, Borge-Papa genannt, lässt nichts von sich hören. Zwar hat Molli ihre Freundin Gro, den kleinen Bruder Ian, und eine liebevolle Mama, trotzdem fehlt ihr ein ganz wichtiger Mensch. Die Sehnsucht wird immer stärker. Eines Tages finden die beiden Mädchen im Birkenwald einen geheimnisvollen gelben Briefkasten. Dessen Eigentümerin gibt zu, Postkarten und Briefe zu horten, egal, an wen sie adressiert sind. Molli schöpft Hoffnung. Was, wenn es auch von Borge-Papa Postkarten gibt, die sie bislang nicht erreichen konnten? Tatsächlich führt eine Spur zu ihm. Das bleibt nicht das einzige Geheimnis, das Molli in diesem Sommer enträtseln muss. Das Debüt aus Norwegen, obwohl nicht ganz aus einem Guss, gewinnt durch die sympathischen Hauptfiguren, die anhaltende Spannung und durch skurrile Charaktere wie Ziegen-Theo oder Borgny. Sprecherin Jodie Ahlborn erweist sich als Glücksgriff. Ihr Talent, jede Gefühlsregung authentisch rüberzubringen, ist großartig.

Kinderbüchereien, die abenteuerlustige Kinder ab 9 Jahren zu ihren Hörer*innen zählen, können mit einer regen Ausleihfrequenz rechnen. 

Signatur: Ju 2
Schlagworte: Patchworkfamilie | Freundschaft | Norwegen
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

CDs für Jugendliche ab 13 Jahren

Boyne, John: Der Junge auf dem Berg. Autorisierte Audiofassung. Gelesen von Boris Aljinovic u. Romanus Fuhrmann. Dortmund: Igel-Records 2017. 5 CDs ; 387 Min. Aus d. Engl. ISBN 978-3-7313-1164-5, : 24,99 €

Beeindruckend und hoch aktuell beleuchtet der Autor mit seinem Roman die Frage nach der Verführbarkeit durch Demagogen.

Nach „Der Junge im gestreiften Pyjama" hat sich John Boyne erneut des Themas Nationalsozialismus aus der Sicht eines Kindes angenommen.
Pierrot wächst zunächst als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter in Paris auf. Als beide Eltern sterben, kommt er nach Österreich zu seiner Tante Beatrix. Diese arbeitet als Angestellte im Berghof, der Sommerresidenz Adolf Hitlers. Pierrot muss seinen Namen ändern: von nun an ist er Peter. Peter begegnet dem Hausherren, der sich ernsthaft mit ihm unterhält, er spielt mit Hitlers Schäferhund, bekommt eine Uniform. Unmerklich aber eindrücklich verändert sich der Junge von einem mitfühlenden Kind in einen rassistischen, herrschsüchtigen Jugendlichen und Verräter.
Boris Aljinovic liest den Text beeindruckend und intensiv, wobei es ihm auch bravourös gelingt, Hitler und seiner Verführungskunst eine erkennbare Stimme zu geben.

Für interessierte Jugendliche ab 12 Jahren sowie für Erwachsene als nachhaltig wirkendes und zum Nachdenken anregendes Hörerlebnis mit eindringlicher Botschaft sehr zu empfehlen!

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Nationalsozialismus | Demagogie | Verrat | Hitler
Bewertung: +++
Rez.: Gabriele Güterbock-Rottkord

Shusterman, Neal: Scythe. Die Hüter des Todes. Autorisierte Lesefassung. Gelesen von Torsten Michaelis. Dt. von Pauline Kirbasik u. Kristian Lutze. Berlin: Argon 2017. 2 mp3-CDs ; 546 Min. Aus d. amerikan. Engl. ISBN 978-3-8398-1564-9, : 19,95 €

Eine perfekte Welt, in der zwei Jugendliche gegen ihren Willen die „Kunst des Tötens“ erlernen sollen.

Niemand wird mehr krank, niemand ist mehr wirklich arm, niemand stirbt mehr. Um in dieser eigentlich perfekten Welt einer drohenden Überbevölkerung entgegenzuwirken, wurde der gefürchtete und geachtete Orden der Scythe geschaffen. Die einzigen Menschen, die die Aufgabe und damit die Macht haben, Leben zu nehmen. Zum Sythe berufen sind nur die, die Empathie besitzen und eigentlich nicht töten wollen. Aber innerhalb des Scythetums hat sich eine neue, aggressive und mordlüsterne Richtung gebildet. In diesem Konflikt müssen die beiden Scythe-Lehrlinge Citra und Rowan – obwohl einander zugetan – gegeneinander antreten. Und nur eine oder einer darf überleben.
Man verfolgt mit großer Spannung und großer Sympathie für die beiden Jugendlichen diesen Kampf Gut gegen Böse, und bleibt bis zum Ende neugierig, wie und ob sie es schaffen, die Aufgabe zu erfüllen und dennoch beide am Leben zu bleiben.
Eine gelungene und gut durchdachte Dystopie, toll vorgetragen von Torsten Michaelis, der die beiden Jugendlichen liest, auch wenn ich mir für Citras Perspektive vielleicht eine Sprecherin gewünscht hätte – und andere SprecherInnen, die diverse Tagebucheinträge lesen.

Bibliotheken, die spannende und nicht ganz anspruchslose Jugendfantasy anbieten wollen.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Dystopie | Spannung
Bewertung: ++
Rez.: Sabine Klohn

CDs für Erwachsene

Bloom, Cameron u. Greive, Bradley Trevor: Penguin Bloom. Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete. Ungekürzte Hörbuchfassung. Gelesen von Stefan Wilkening u. Lisa Wagner. Dt. von Ralf Pannowitsch. München: Bonnevoice 2017. 2 CDs ; 114 Min. Aus d. austral. Engl. ISBN 978-3-945095-19-5, : 19,95 €

Eine authentische Geschichte über die Rückkehr ins Leben.

Der Ich-Erzähler, Fotograf und Weltenbummler, Cameron Bloom, lernt als Jugendlicher die bezaubernde Sam kennen und lieben. Sie hat das „Besondere", eine Kraft mit „einem stillen Selbstvertrauen, was sich auf andere überträgt." Cameron ist unmittelbar fasziniert. Beide heiraten, genießen ihre gemeinsamen Interessen, durchstreifen die Kontinente, sind in dankbarer Bewunderung innerlich engstens verbunden mit ihren drei Söhnen, bis jäh ein tragischer Unfall Sams, das Dasein dramatisch verändert. Die Angehörigen durchlaufen mit der Protagonistin tiefste Täler des Leids, der Angst und bitterer Verzweiflung, da die Zukunft Sams völlig ungewiss scheint. Mit einem verletzten Vogelküken, das liebevoll gehegt und gepflegt wird, werden positive „Strömungen" freigesetzt. Analog zur Genesung der kleinen Elster, stabilisiert sich der Gesundheitszustand Sams. Sie kehrt der seelischen Dunkelheit den Rücken und entscheidet sich damit für das Leben. „Das kleine Federding" gibt ihr Kraft und schafft den „Flügelschlag zwischen Realität und Vergänglichkeit" mit einem beeindruckenden Fazit.

Überwältigende, berührende Dokumentation. Die textadäquate Lesung mit musikalischer Untermalung bietet ein wunderbares Hör-Erlebnis. Sensible Bereicherung im Klinik-Alltag. Bestens geeignet für alle (Patienten-) Büchereien.

Signatur: Bb
Schlagworte: Schicksal | Familie | Hoffnung | Biografie
Bewertung: +++
Rez.: Brigitta Morgenstern

Bode, Sabine: Das Mädchen im Strom. Gekürzte Lesung. Gelesen von Claudia Michelsen. München: Random House Audio 2017. 6 CDs ; 473 Min. ISBN 978-3-8371-3856-6, : 19,99 €

Das Schicksal einer jüdischen Frau im 20. Jahrhundert. 
    
Gudrun Samuel, ein hübsches, eigenwilliges Mädchen, wächst auf in einer gut situierten Familie assimilierter Mainzer Juden. Hitlers Rassegesetze machen das Leben der Familie immer schwieriger. Als Gudrun sich zur Flucht entschließt, gerät sie in die Fänge der Gestapo, kann aber mit falschen Papieren nach Shanghai flüchten. Gudrun, jetzt Judy, gelingt es, durch Freundschaften, Liebschaften und Beziehungen ein Netzwerk zu knüpfen, das zum Überleben hilft. Trotz ständiger Demütigung, Bedrohung und Armut verliert Gudrun nicht ihre Selbstachtung und ihren Lebensmut. Bodes Erzählhaltung, in der auf Gesprächen mit Zeitzeugen basierenden Geschichte, wechselt. Große Teile sind sachlich berichtend, mit vielen Informationen versehen, andere berühren emotional. Nach dem Krieg nimmt Gudrun vorsichtig wieder Kontakt auf zu Menschen in ihrer Heimatstadt. So wird auch noch der vielschichtige Umgang mit der Nazi-Zeit in der deutschen Nachkriegsgesellschaft thematisiert.

Das bewegende Hörbuch vermittelt Sachkenntnisse und einfühlendes Verstehen und regt an, sich mit den Verarbeitungs- und Verdrängungsprozessen der Nazi-Zeit auseinanderzusetzen.

Signatur: SL
Schlagworte: Nationalsozialismus | Flucht | Nachkriegszeit
Bewertung: +++
Rez.: Heidrun Martini

Borrmann, Mechthild: Trümmerkind. Ungekürzte Lesung. Gelesen von Vera Teltz. Berlin: Argon 2017. 6 CDs ; 464 Min. ISBN 978-3-8398-9342-5, : 12,95 €

Spannend gelesener Kriminalroman der die „Trümmermorde von Hamburg 1946 /1947“ mit einer Kölner Familiengeschichte 1992 geschickt verknüpft.

Der kleine Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter mühsam im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist, es gibt keine Verwandten. 1992 kommt das einstige Trümmerkind Joost durch eine Anfrage aus Köln einem Verbrechen auf die Spur, das mit seiner Familie zu tun hat. Diese führt  u. a. 1945 in die Uckermark zum Gut Anquist, auf dem Familienoberhaupt Heinrich mit seiner Tochter Clara sowie der Schwiegertochter mit deren beiden Kindern lebt, wo sich die Lage durch den Einmarsch der Russen zuspitzt. Später überschlagen sich die Ereignisse dann in Hamburg. 1992 will Annas Mutter Clara in Köln nichts von früher und von Wiedergutmachung wissen, sie blockt sämtliche Fragen nach der Vergangenheit ihrer Familie ab. Anna beginnt zu recherchieren und löst damit eine Lawine aus. Beeindruckend liest Vera Teltz diesen Roman, mit dem Mechtild Borrmann auf eine Mordserie 1947 in Hamburg Bezug nimmt. Drei Familiengeschichten werden geschickt miteinander verknüpft. Mit hohem Einfühlungsvermögen werden die Vorfälle in den letzten Kriegsmonaten erzählt. Auch der  Hamburger Kältewinter 1947 wird plastisch, den Leuten geht es wirklich schlecht. Die Geschehnisse in Köln und Hamburg, Jahrzehnte später spielend, sind kaum weniger intensiv. Die große Schuldfrage nach Kriegsende ist hier ein weiteres Thema.

Ein hervorragendes Hörbuch, fast ein Muss für die Aufarbeitung der Nachkriegszeit.

Signatur: SL
Schlagworte: Nachkriegszeit | Hamburg | Familiengeschichte | Krimi
Bewertung: +++
Rez.: Martin Ertz-Schander

Bourdeaut, Olivier: Warten auf Bojangles. Ungekürzte Lesung. Dt. von Norma Cassau. Gelesen von Robert Stadlober u. August Zirner. Hamburg: Osterwold Audio 2017. 3 CDs ; 205 Min. Aus d. Franz. ISBN 978-3-86952-345-3, : 18,00 €

Geschichte einer Familie, die auf einem schmalen Grat zwischen luftiger Leichtigkeit und bleierner Schwere balanciert.

Für Georges, seine exaltierte Frau und seinen Sohn ist das Leben ein einziges Fest. Sie residieren zusammen mit einem Kranich namens Taugenichts in einer riesigen Wohnung, laden fast jeden Tag Gäste ein und tanzen stundenlang zu ihrem traurig schönen Lieblingslied „Mr. Bojangles" von Nina Simone. Die Realität blenden sie aus, ihre Briefe werfen sie ungeöffnet auf einen großen Haufen, und als die Schulbesuche des Sohnes mit ihrem extravaganten Lebensstil kollidieren, melden die Eltern ihn kurzerhand ab und unterrichten ihn selbst mit aller ihnen zu Gebote stehenden Kreativität. Doch eines Tages bricht die Wirklichkeit unbarmherzig in ihren Traum und das Unglück nimmt seinen (kaum erträglichen) Lauf. - Aus der Sicht des Sohnes (mit unvergleichlicher Intensität gelesen von Robert Stadlober), ergänzt durch Tagebucheinträge des Vaters (einfühlsam interpretiert von August Zirner), entrollt sich eine ebenso wundervolle wie  tragische Familiengeschichte, die man nie wieder vergisst.

Ein fantastisches Hörbuch voller Poesie und Tiefe, das sowohl Jugendliche ab 13 J. als auch erwachsene Hörerinnen und Hörer in seinen Bann ziehen wird.

Signatur: SL
Schlagworte: Familie | Lebensfreude | Phantasie
Bewertung: +++
Rez.: Elisabeth Schmitz

El Akkad, Omar: American War. Autorisierte Lesefassung.  Gelesen von Uve Teschner. Dt. von Manfred Allié u. Gabriele Kempf-Allié. Berlin: Argon 2017. 2 mp3-CDs ; 840 Min. Aus d. Amerikan. ISBN 978-3-8398-1593-9, : 19,95 €

Düstere Zukunftsvision für die USA im letzten Viertel des 21. Jahrhunderts.


Der Titel meint einen zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen Nord- und Südstaaten ausgebrochen ist. Auslöser war das Beharren des Südens auf der Nutzung fossiler Energieträger. Von denen hatte sich der Norden radikal abgewendet, denn der Klimawandel zeigt massive Folgen: Breite Küstenstreifen sind dauerhaft überflutet, Vegetation kaum noch vorhanden und kühlere Temperaturen auf Alaska begrenzt. Protagonistin ist das Mädchen Sarat. Die Familie lebt, wie alle in den Südstaaten, am Existenzminium. Erst kommt der Vater ums Leben, dann leben sie in einem Flüchtlingslager. Bei einem Überfall des Nordens wird die Mutter getötet. Sarat wird zur mordenden Rebellin, die später vom Norden entführt, inhaftiert und gefoltert wird. Später rächt sie sich mit der Verbreitung einer todbringenden Seuche. Uve Teschner liest die vom Autor schlüssig entworfene, verstörende Dystopie, die aktuelle Schreckensorte wie Syrien, Irak oder Guantanamo verarbeitet, authentisch und eindringlich.

Thematisch sehr schwere Kost für die eher kleine, an der literarischen Aufarbeitung von Zukunftsfragen interessierte Zielgruppe mit guten Nerven.

Signatur: SL
Schlagworte: Zukunft | USA | Klimawandel | Krieg
Bewertung: +
Rez.: Tobias Behnen

Falk, Rita: Kaiserschmarrndrama. Ein Provinzkrimi. Ungekürzte Lesung. Gelesen von Christian Tramitz. Berlin: Der Audio Verl. 2018. 6 CDs ; 470 Min. ISBN 978-3-7424-0452-7, : 19,99 €

Kommissar Eberhofer muss nicht nur zwei Morde aufklären, auch in seinem Privatleben hat er alle Hände voll zu tun.

In seinem 9. Fall trifft es Kommissar Eberhofer hart. Er will zwei brutale Morde aufklären, hat eine nervtötende SoKo im Genick sitzen, darf sich mit dem Bau eines Doppelhauses rumärgern und musste erst vor kurzem seinen geliebten Hund begraben. Außerdem fordert ihn Dauerfreundin Susi. Franz Eberhofer ist gewieft, die Fans kennen das aus Fällen wie „Sauerkrautkoma“ oder „Schweinskopf al dente“, und gibt sein Bestes. Pikant wird es, als sich unter den Mordverdächtigen auch zwei seiner Spezis befinden. Franz Eberhofer weiß, wo er die Schuldigen suchen muss und löst die Fälle, praktisch nebenbei und nur mit einer leichten Schützenhilfe durch seinen Busenfreund Rudi. Beim Hören dieses superwitzigen Provinzkrimis weiß man nicht, wer besser ist: Rita Falk und ihre höchst amüsante Buchvorlage oder der Sprecher Christian Tramitz, der in allen Rollen brilliert. Sein geniales Spiel mit Dialekten, Stimmen und Emotionen, bewirkt, dass die Zuhörer*innen sich herrlich amüsieren bei diesem Krimi.

Ein Volltreffer der Unterhaltungsliteratur, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte, selbst wenn die eigentliche Krimi-Handlung eher im Hintergrund bleibt.

Signatur:
SL
Schlagworte: Regionalkrimi | Bayern | Familie
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

Faulkner, William: Licht im August. Hörspiel.  Hörspielbearbeitung u. Regie: Walter Adler. Musik: Pierre Oser. Sprecher: Ulrich Matthes u.a. Hamburg: Hörbuch Hamburg 2018. 8 CDs ; 446 Min. Aus d. Engl. ISBN 978-3-95713-066-2, : 24,00 €

Auf der Suche nach dem Vater ihres Kindes bringt die lebensbejahende Lena Licht in den düsteren Südstaaten-Ort Jefferson.

Hochschwanger strandet Lena in der Kleinstadt Jefferson/Mississippi, wo sie Lucas Burch, den Vater ihres ungeborenen Kindes, vermutet. Obwohl er seinen Namen gewechselt hat, kommt sie ihm auf die Spur und erfährt, dass er in Haft ist, weil er sich auf illegale Geschäfte mit dem Verbrecher Joe Christmas eingelassen hat, der gerade seine Geliebte brutal ermordet hat. Aufgewachsen als Adoptivkind eines religiösen Fanatikers und fest davon überzeugt, "schwarzes Blut" in sich zu tragen, wütet Christmas gegen Gott und die Welt und findet schließlich im Haus eines desillusionierten Geistlichen den Tod. Lena hat derweil ihr Kind bekommen und blickt mit unerschütterlichem Optimismus in die Zukunft, obwohl Lucas Burch erneut vor ihr flieht.
Hörspielregisseur Walter Adler ist ein wahres Meisterwerk gelungen: Mit einem realistisch wirkenden Klangteppich und fast 70 Sprechern lässt er die Atmosphäre des 1932 erschienenen Romans von W. Faulkner aufleben und zeigt, wie aktuell er auch heute noch ist.

Ein imposantes, anspruchsvolles Hörspiel für konzentrationsbereite Hörer, das in keiner Gemeindebücherei fehlen sollte. 

Signatur: SL
Schlagworte:
USA | Südstaaten | Klassiker | Hörspiel
Bewertung: +++
Rez.: Elisabeth Schmitz

Faye, Gaël: Kleines Land. Ungekürzte Lesung. Gelesen von Patrick Güldenberg. Dt. von Andrea Alvermann. Hamburg: Osterwold Audio 2017. 5 CDs ; 320 Min. Aus d. Franz. ISBN 978-3-86952-373-6, : 20,00 €

Kindheit und Jugend in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Burundi.    

Der Autor, eigentlich Musiker, hält in seinem ersten schon preisgekrönten Roman Rückschau auf eine Kindheit in Afrika. Gabriel wächst in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis auf. Sein Vater ist ein französischer Bauunternehmer, seine Mutter eine aus Ruanda vertrieben Tutsi. Gabriel und seine Freunde leben in einer international gemischten, gut situierten Bevölkerungsschicht, machen Spiele und Streiche und haben Spaß wie alle Heranwachsenden. Doch allmählich machen sich andere Töne bemerkbar, zunehmend berühren Hass und Gewalt zwischen Hutus und Tutsis auch Gabriel und seine Freunde. Der sensible Gabriel möchte sich gerne aus den Auseinandersetzungen heraushalten. Aber das gelingt ihm nicht, und schließlich werden die Jugendlichen zu Opfern und zu Tätern. Die Geschichte Gabriels ist auch ein Stück weit die Geschichte des Autors. Patrick Güldenberg gelingt es, all die Facetten zwischen unbeschwerter Kindheit und grausamer Gewalt sehr differenziert hörbar und erlebbar zu machen. 

Das beeindruckende Hörbuch mit schönen poetischen Tönen und kaum zu ertragender Grausamkeit macht den Irrsinn jeder kriegerischen Auseinandersetzung deutlich und wirkt lange nach.

Signatur: SL
Schlagworte: Bürgerkrieg | Burundi | Kindheit
Bewertung: +++
Rez.: Heidrun Martini

Ishiguro, Kazuo: Alles, was wir geben mussten. Ungekürzte Lesung, ergänzt mit Musik. Gelesen von Corinna Kirchhoff. Dt. von Barbara Schaden. Dänikon: Hörkultur 2017. 2 mp3-CDs ; 634 Min. Aus d. Engl. ISBN 978-3-9524678-7-9, : 25,00 €

Eine Zukunftsvision: Klone dienen als Organ-Ersatzteillager für ihre Mitmenschen.

Ishiguro erschafft - wie so oft - eine ganz dichte englische Atmosphäre, die zunächst nach einem konventionellen Internatsroman klingt. Kathy erzählt ihre Erinnerungen an Hailsham, eine Luxusstätte, gespickt mit allen Eifersüchteleien, Pubertätsliebeleien und Schulalltagsgeschichten eines „normalen“ Internats. Doch die SchülerInnen hier haben die besondere Aufgabe, Organe zu spenden. Sie sind als Klone in die Welt gekommen und dienen nun quasi als Ersatzteillager für ihre Mitmenschen. Die dritte oder vierte Spende bedeutet meist ihren Tod. Mit 16 Jahren verlassen die Klone das Internat und leben in Wohngemeinschaften in Cottages mit anderen Spendern zusammen. Sie werden Betreuer und betreuen die verschiedensten Spender nach ihren Spenden oder werden selbst zum Spender.  Auch Kathy weiß, dass sie nach 12 Jahren als Betreuerin nun bald Spenderin sein wird. Frappierend ist die unaufgeregte Selbstverständlichkeit, mit denen die Klone ihr Schicksal annehmen; alles scheint für sie „normal“ zu sein und so endet das Hörbuch auch mit einem Stück sanfter Popmusik.

Für alle Literaturfans ein Muss; der Autor erhielt für die emotionale Kraft seines Werks 2017 den Literatur-Nobelpreis.

Signatur: SL
Schlagworte: Dystopie | England | Klonen
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Spary

Korn, Carmen: Töchter einer neuen Zeit. Gekürzte Lesung. Gelesen von der Autorin. München: Random House Audio 2017. 1 mp3-CD ; 604 Min. ISBN 978-3-8371-4117-7, : 12,99 €

Vier unterschiedliche Frauen, alle um 1900 geboren und mit einander verbunden, meistern ihr Schicksal ganz individuell.

Hamburg, erste Hälfte des letzten Jahrhunderts. Vier Frauen aus unterschiedlichen Milieus stehen im Zentrum des außergewöhnlichen Romans. Eine von ihnen ist Henny Goldhusen. Sie beginnt 1919 ihre Ausbildung zur Hebamme in einer Hamburger Klinik mit dem Wunsch, einer friedlichen Generation den Weg ins Leben zu bahnen. Ida, verwöhnte Tochter aus reichem Hause, leidet Jahre lang darunter, bei der Partnerwahl der Stimme des Geldes und nicht der des Herzens gefolgt zu sein. Die politisch aktive Käthe und die lesbische Lehrerin Lina wiederum deuten die Zeichen der Zeit in gewissem Maße richtig und werden doch nicht von ihren gewaltsamen Auswirkungen verschont. Ihre Schicksale, im Vordergrund der bewegten deutschen Geschichte, sind geprägt von der Suche nach dem kleinen Glück. Die Autorin Carmen Korn liest ihre klug gekürzte Romanfassung selbst. Das Ergebnis kann sich mit der Einspielung durch einen Profi-Sprecher messen. Korns angenehme Stimme lässt dem Publikum Zeit für das eigene Kopfkino.

Der sprachlich eindrucksvolle erste Teil einer Trilogie gefällt all jenen, die gerne über deutsche Geschichte im Spiegel von bewegenden Frauenschicksalen hören wollen. 

Signatur: SL
Schlagworte: Deutsche Geschichte | Frauen
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

Kutschke, Svealena: Stadt aus Rauch. Bearbeitete Fassung. Gelesen von Sascha Icks. Köln: Lübbe Audio 2017. 12 CDs ; 860 Min. ISBN 978-3-7857-5580-8, : 24,00 €

Lübecks Geschichte über 150 Jahre in Geschichten.

Die Autorin erzählt die Geschichte zweier Lübecker Familien von den 1860er Jahren bis in unsere Tage. Sie verwebt Stadtgeschichte und politische Ereignisse mit der Sagen- und Fabelwelt der Stadt. So ist der Roggenbuk, ein Fabelwesen aus der Trave, der mit seiner Musik junge Frauen in den Fluss lockt, eine Figur ihres Romans, der nun allerdings Punks an seinem Ufer beobachtet. Frauen spielen eine wichtige Rolle in ihrer Familienchronik: Sie alle haben die Gabe, den Teufel wahrnehmen zu können, hier eine verwegene Gestalt in Frack und Zylinder mit rotgeschminkten Lippen und bemalten Fingernägeln. Das Seemannsgarn der „Stadt mit den sargschmalen Gängen“ fasziniert sie, zugleich schreibt sie ein politisches Buch, das sich vor allem mit der Geschichte des Antisemitismus und mit der Kraft einer linken Gegenkultur auseinandersetzt. Selbstverständlich muss sie auch Bezug auf Thomas Mann nehmen, was sie in humorvoller, unterhaltsamer Weise tut.

Nicht nur für Lübecker faszinierend, breit einsetzbar. Trotz des Umfangs kann man dem Geschehen beim Hören gut und gerne folgen.

Signatur: SL
Schlagworte: Lübeck | deutsche Geschichte | starke Frauen
Bewertung: ++
Rez.: Christiane Spary

Nadolny, Sten: Das Glück des Zauberers. Ungekürzte Lesung. Gelesen von Otto Mellies, mit Frauke Poolman u. Gerd Grasse. Hamburg: Osterwold Audio 2017. 8 CDs ; 630 Min. ISBN 978-3-86952-363-7, : 22,00€

Die Geschichte des 20. Jahrhundert aus der ungewöhnlichen, individuellen Sicht eines Zauberers erzählt.

Nadolny erzählt deutsche Geschichte vom ersten Weltkrieg bis in unsere Tage. Dies aus einer ganz besonderen Perspektive: aus der biographischen Sicht des 111 Jahre alt gewordenen Zauberers mit berlinisch-indianischer Abstammung Pahroc. Pahroc schreibt in Briefen an seine Enkelin Mathilde, die zu Beginn des ersten Briefes noch ein Säugling ist, sein Leben und seine Zauberkunst auf. Sie soll sein Erbe bewahren, hatte er schon bei diesem Kleinkind die Fähigkeit des Zauberns zu erkennen geglaubt. Als wunderbarer Erzähler schildert Nadolny bunt und kurzweilig das Leben Pahrocs, der sich auch z. B. als Radiotechniker, Pilot oder Psychotherapeut verdingt, um das reale Leben zu bestreiten. Oft hilft ihm seine Zauberkunst aus brenzligen Situationen heraus. Ein lebenskluges und humorvolles Hörerlebnis; man ist traurig, wenn es nach 8 CDs zu einem Ende kommt.

Breit einsetzbar, deutsche bzw. europäische Geschichte auf unterhaltsame Art in vielen kleinen Geschichten erzählt; für Jugendliche und Erwachsene geeignet.

Signatur: SL
Schlagworte: Zauberer | Zeitgeschichte
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Spary

Neffe, Jürgen: Marx. Der Unvollendete. Vollständige Lesung. Gelesen von Stefan Wilkening. München: Der Hörverl. 2017. 3 mp3-CDs ; 1545 Min. ISBN 978-3-8445-2825-1, : 27,99 €

Der Autor schildert Leben und Werk von Karl Marx, erklärt verständlich dessen ökonomische Theorien und zeigt, wie hilfreich seine Analyse des Kapitalismus noch in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts ist.

Anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx hat sich der bekannte und preisgekrönte Journalist und Sachbuchautor Jürgen Neffe (hier zuletzt mit einer Biographie über Charles Darwin) den revolutionären Querkopf und ökonomischen Vordenker des 19. Jahrhunderts vorgenommen. Er verwendet Beschreibungen von Zeitzeugen, zitiert aus Briefen und zeichnet so mit einprägsamen Bildern, informativ und unterhaltsam, das Porträt eines ebenso eigensinnigen wie arbeitswütigen Menschen, schwierig im Umgang, als Staatenloser immer auf der Flucht, gezeichnet von Krankheit, Armut und Familientragödien. Zugleich erklärt er Marx‘ Gedankenwelt und seine ökonomischen Theorien verständlich und zeigt, dass Marx’ Analyse des entfesselten und nicht mehr beherrschbaren Kapitalismus sogar zur Erklärung der Finanzkrise von 2008, überhaupt der heutigen krisengeschüttelten Weltwirtschaft taugt. Sein Fazit: Marx ist nicht tot, er ist aktueller denn je. Stefan Wilkening, Schauspieler und bekannter Hörbuchsprecher, setzt diesen umfangreichen Text professionell um. Bei den Passagen, die sich mit Marx‘ theoretischen Schriften befassen, braucht es allerdings konzentrierte Zuhörer.

Das Hörbuch ist, jenseits des aktuellen Anlasses, allen empfohlen, die gerne Biographien lesen bzw. hören und allen politisch Interessierten, die auch umfangreiche Texte nicht scheuen. 

Signatur: Bb
Schlagworte: Marx | Biographie | Politik | Gesellschaft
Bewertung: +++
Rez.: Wolfgang Vetter

Reng, Ronald: Warum wir laufen. Autorisierte Audiofassung. Gelesen von Andreas Pietschmann. Bochum: Roof Music 2018. 5 CDs ; 408 Min. ISBN 978-3-86484-478-2, : 20,00 €

Verschiedenste Aspekte des Laufsports: Geschichte, Hintergründe und eine Liebeserklärung.

Der Autor Ronald Reng war als Jugendlicher ein recht erfolgreicher Läufer. Nun, 20 Jahre und einige Kilo später, hat er sich in den Kopf gesetzt, es erneut zu versuchen. Nach Einbruch der Dunkelheit startet er schamvoll in seine erste Runde. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten packt es ihn erneut, er wird vom Lauf-Virus infiziert. Als Journalist jedoch geht er anders an die Sache heran. Er trifft die unterschiedlichsten Menschen und beleuchtet mit ihnen die verschiedenen Aspekte des Laufens. Mit Teresa Enke zum Beispiel redet er über das Laufen als Therapie. Mit dem Olympiasieger Dieter Baumann begibt er sich hinter Gitter. Baumann veranstaltet dort Laufkurse für Häftlinge. Die Insassen berichten, was das Laufen für sie bedeutet. Immer wieder setzt sich der Autor auch Selbstversuchen aus: Er testet z. B. Lauf-Apps oder begibt sich in die Hände eines Sportwissenschaftlers und lässt seine Leistung in einer Spiroergometrie analysieren.Was immer wieder durchscheint ist die große Liebe zum Laufen, die keiner Wissenschaft oder teuren Equipments bedarf, sondern einfach nur des Loslaufens.

Sehr gerne empfohlen, besonders natürlich während des Laufens zu hören.

Signatur: Rb
Schlagworte: Laufen | Sport
Bewertung: +++
Rez.: Maike Linne

Sullivan, J. Courtney: All die Jahre. Ungekürzte Lesung. Gelesen von Svenja Pages. Dt. von Henriette Heise. Untermünkheim: Steinbach sprechende Bücher 2018. 2 mp3-CDs ; 833 Min. Aus d. Engl. ISBN 978-3-86974-310-3, : 22,99 €

Zwei Schwestern verlassen 1957 Irland, um in den USA ihr Glück zu finden. Falsche Entscheidungen entzweien sie.

Der beeindruckende Familienroman beginnt im Jahr 2009 mit einer Todesnachricht: Noras Lieblingssohn ist sturzbetrunken gegen eine Mauer gefahren. Nun versucht Nora ihre jüngere Schwester Theresa zu benachrichtigen, die als Nonne hinter Klostermauern lebt. In der Retrospektive erfährt der Zuhörer, dass die beiden Schwestern 1957 ihr Heimatland Irland verließen und in die USA auswanderten. Dort heiratete Nora aus Pflichtgefühl ihren irischen Verlobten, während die lebenslustige Theresa eine fatale Entscheidung traf. Diese verändert ihr eigenes und das Leben ihrer Schwester bis in die nächste Generation hinein. Auf zwei Erzählebenen entfaltet sich ein komplexes Familiendrama, geprägt von tiefer Religiosität, schmerzlicher Sprachlosigkeit und allgegenwärtiger Spannungen. Eher leise und darum umso eindringlicher werden die Hauptpersonen porträtiert, dass man sie nicht so schnell vergisst. Svenja Pages liest wundervoll, genau so, wie es die vorwiegend gedämpfte Stimmung des Romans verlangt.

In jeder Bücherei, gerne gemeinsam mit  J. Courtney Sullivans Bestseller „Sommer in Maine“, ein Gewinn.

Signatur: SL
Schlagworte: Familienroman | Auswanderung | Irland | Katholizismus
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes