Rezension des Monats Oktober 2019

Die Geschichte der Bibel und die Erfindung des Monotheismus. Hg. von David Vandermeulen. Text von Thomas Römer. Ill. von Léonie Bischoff. Berlin: Jacoby & Stuart 2019. 74 S. : überw. Ill. ; 22 cm. (Die Comic-Bibliothek des Wissens). ISBN 978-3-96428-037-4, geb.: 12,00 €

Wie die Bibel wurde und warum.

Wie kann ich deutlich machen, dass die Geschichte von der Eroberung Jerichos ein Mythos ist, dessen wertvoller Kern nicht seine historische Wahrheit ist (was auch falsch wäre), sondern der darin transportierte Glauben, dass ich mit Gott über Mauern springen kann? Wie mache ich klar, dass die Bibel eine Bibliothek ist, deren Werden sich über Jahrhunderte hinzog und an deren Entstehen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Prägung mit ganz verschiedenen Zielen mitgewirkt haben? Dieser kleine Band macht es. Klar. Strikt. Mancher Leserin mag es zu viel „Entzauberung" sein. Aber es muss sein. Die Herausgebenden machen im Vorwort klar, warum sie mit so viel Mut an die Darstellung der wissenschaftlichen Erkenntnisse gehen. Die wortwörtliche Lektüre der Bibel ist und bleibt immer wieder gefährlich. Schönheit und Kraft der biblischen Überlieferung nähren sich nicht aus ihrer Wahrheit, sondern aus ihrer Wahrhaftigkeit. Daran lässt das Buch keinen Zweifel. Lies selbst, sagt es.

Konfirmationsunterricht, Religionsunterricht, Glaubenskurs, Gesprächskreis, Gottesdienst zur Bibel (mit Bildern).

Signatur: Jc
Schlagworte: Comic | Bibel | Auslegung
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

Rezension des Monats September 2019

Fosnes Hansen, Erik: Ein Hummerleben. Roman. Dt. von Hinrich Schmidt-Henkel. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. 381 S. ; 22 cm. Aus d. Norw. ISBN 978-3-462-05007-3, geb.: 24,00 €

Niedergang und Verfall eines einst mondänen Hotels und Ende einer Idylle.

Am Ende fragt man sich, was man gelesen hat: einen Roman über den Umbruch der Zeit, einen Abgesang auf die Gesellschaft, eine persönliche Tragödie, eine Satire? Von allem etwas, und das macht die Lektüre zu einem großen und unterhaltsamen Abenteuer, auf das man sich einlassen muss. Es ist Anfang der 1980er Jahre, und der 14-jährige Sedd wächst in dem feudalen, aber nostalgisch veralteten Berghotel seiner Großeltern heran, immer vorbereitet auf seine Rolle als einstiger Hotelbesitzer. Aber die Zeiten ändern sich und damit die Gäste, die nun lieber in den Süden fliegen zum Wärmetanken. Und dann – auf der ersten Seite des Romans – stirbt der wohlwollende Bankdirektor während eines Essens und löst damit den Anfang des Untergangs aus. Die scheinbar heile Welt beginnt zu zerfallen … Erik Fosnes Hansen verbindet sprachgewaltig, humorvoll satirisch und überaus unterhaltsam geschrieben die Geschichte einer einsamen Kindheit mit Lokalkolorit und Zeitgeschichte. Ein literarischer Leckerbissen!

Ein "Spaziergang" durch die 1980er Jahre in Norwegen - der schönstmögliche Einstieg in die Vorbereitung auf das Gastland Norwegen bei der Buchmesse.

Signatur: SL
Schlagworte: Norwegen | 1980er Jahre | Gesellschaft | Zeitgeschichte
Bewertung: +++
Rez.: Astrid van Nahl

Rezension des Monats August 2019

Hare, John: Ausflug zum Mond. Frankfurt am Main: Moritz 2019. O. Pag. : überw. Ill. ; 25 cm. ISBN 978-3-89565-381-0, geb.: 14,00 €

Ein Kind verpasst den Rückflug und bleibt auf dem Mond zurück. Allein ist es dort aber nicht.

Während sich alle anderen Kinder beim Mondausflug um die Lehrkraft scharen, bleibt ein kleiner Außenseiter (ob Junge oder Mädchen bleibt offen), ausgestattet mit Papier und Wachsmalstiften, immer weiter zurück. An einem Felsen gelehnt beginnt er die Erde zu zeichnen, die auf ihn hinableuchtet, und schläft dabei ein. Als er wieder aufwacht, hat sich die Klasse ohne ihn auf den Rückflug gemacht. Der Kleine verzweifelt nicht, sondern macht sich wieder ans Malen. So vertieft ist er, dass er nicht merkt, wie sich um ihn herum eine kleine Alienmenge sammelt. Nach kurzem, beiderseitigen Erschrecken, beginnt die Kontaktaufnahme: Die Außerirdischen sind von den bunten Farben begeistert und verzieren eifrig sich und die graue Mondlandschaft. Natürlich wird die Abwesenheit des Kindes bemerkt: Das Raumschiff kehrt um und sammelt den Streuner ein – nicht ohne ihn für die wilden Felsmalereien zu schelten. Das Kind fliegt ab, die Stifte bleiben zurück …Ein Bilderbuch, das ohne Text auskommt und dabei unheimlich ausdrucksstark ist. Kommunikation ist auch ohne gemeinsame Sprache möglich - diese Botschaft fließt ganz nebenbei mit ein.

Eine spannende und vielschichtige Geschichte mit beeindruckenden Bildern für Kinder ab 4, die zum gemeinsamen Erzählen animiert.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Mond | Außerirdische | Kommunikation | textlos
Bewertung: +++
Rez.: Wiebke Mandalka

Rezension des Monats Juli 2019

Blass, Tom: Die Nordsee. Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küste. Dt. von Tobias Rothenbücher. Hamburg: mare 2019. 352 S. ; 22 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-86648-270-8, geb.: 28,00 €

Reiseberichte von unterschiedlichsten Nordseeküsten und -inseln.

Der britische Autor hat sich zum Ziel gesetzt, sich anhand von fünfzehn Beispielorten ein Bild von der Nordsee zu machen. Er geht dabei auf die Natur und ihre Geschichte ein. Wichtig ist ihm aber besonders die kulturhistorische Dimension, z.B. hinsichtlich der Sprachen, der gesellschaftlichen Wandlungen oder der traditionellen und gegenwärtigen Erwerbsarbeit. Dazu greift er auch immer wieder auf die bekannte Nordsee-Literatur zurück (z.B. von Plinius, Storm oder Childers). Die elementare Quelle sind aber die Gespräche mit den Einheimischen. Ihnen begegnet er, gerne in der Nebensaison, mit einer vermeintlichen Naivität und bekommt so mehr zu hören als gewöhnliche Touristen. Dazu gehört auch, die Probleme nicht zu verschweigen, z.B. die Schattenseiten des Insellebens, des Ölbooms oder der Fischwirtschaft. Herausgekommen ist ein auch fachliterarisch fundierter, sehr gut lesbarer Text, der zwar auf Fotos verzichtet, aber dadurch vielleicht umso mehr Lust auf die Nordsee macht.

Für norddeutsche Büchereien eine Pflichtanschaffung, aber auch für alle anderen eine wertvolle Bereicherung des Reisereportagenbestands.

Signatur: Ed | Ec 3
Schlagworte: Meere | Inseln | Großbritannien | Norddeutschland
Bewertung: +++
Rez.: Tobias Behnen

Rezension des Monats Juni 2019

Toledo, Eymard: Juju und Jojô. Eine Geschichte aus der Großstadt. Dt. von Michael Kegler. Basel: Baobab 2019. O. Pag. : überw. Ill. ; 23 cm. Aus d. Portug. ISBN 978-3-905804-92-8, geb.: 17,00 €

Die brasilianischen Zwillinge Juju und Jojô lieben den Jacuticaba-Baum –  nicht nur wegen seiner sehr süßen Kirschen!

Die heute in Deutschland lebende Brasilianerin erzählt anschaulich aus der Perspektive des Kindes Juju  vom Leben in einer von Hochhäusern bestimmten Großstadtstraße, ihrem Lärm, den überfüllten Bussen, vielen Menschen, die eng beieinander leben und – von einem nur in Brasilien vorkommenden Kirschbaum, der so etwas wie ein Hochhaus für Vögel und Insekten aller Art darstellt. Juju kann vom Balkon aus Kirschen ernten und das Tierleben beobachten. Sie wird zum Insektenfan und will später Insektenforscherin werden. Im Anhang des Buches informiert ein Glossar über Insektenleben und ein Nachwort über die Kindheit der Verfasserin. Das Buch ist eindrucksvoll bebildert. Die Collagen sind einem Spiel mit bildnerischen Mitteln verpflichtet, wie es auch Kinderbildern eigen sein kann: rhythmische Flächenbildung sowie räumliche und plastische Formen, die aus Stoff- und Papierresten so zusammengestellt werden, dass die faszinierende Illustration (ohne klassische Perspektive) Kinder sofort anspricht.

Das Buch wird sehr empfohlen, weil es nicht nur interkulturelles Leben schildert, sondern auch ein gesellschaftliches Problem kindgemäß behandelt: bedrohte Insekten in urbaner Umgebung.

Signatur: Jm 1 | Ju 1
Schlagworte: Großstadtleben | Insekten | Brasilien
Bewertung: +++
Rez.: Margot Rickers

Rezension des Monats Mai 2019

Mevissen, Katharina: Ich kann dich hören. Roman. Berlin: Wagenbach 2019. 163 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-8031-3306-9, geb.: 19,00 €

Der Fund eines Diktiergerätes hilft einem jungen Cello-Studenten bei der Selbstfindung.

In Hamburg hadert ein junger deutsch-türkischer Cello-Student immer wieder mit der Musik. Seine familiäre Vergangenheit hat er nie aufgearbeitet, also besucht er die Familie nicht. Auch in der Liebe vermeidet er es bisher, sich festzulegen. Als sich sein Musiker-Vater das Handgelenk bricht und die Tante ihn um Hilfe bittet, weicht er dieser Verantwortung zunächst aus. Erst der Fund eines Diktiergerätes und mit ihm der Einblick in das Leben eines tauben Mädchens, verändern unmerklich seine Haltung zum Leben. Er stellt sich der familiären Verantwortung, weicht einem Gespräch mit seinem Vater, der ihm mit seinem Ehrgeiz einen unvoreingenommenen Umgang mit der Musik erschwert hat, nicht länger aus und geht auf die lange bewunderte Mitbewohnerin zu. Der Autorin ist es in ihrem großartigen Debütroman gelungen, uns ihren etwas chaotischen Ich-Erzähler ans Herz zu legen und uns mit ihm tief ins Innere der Musik zu begeben. Besonders lebendig wirkt dabei die Verwendung der Alltagssprache.

Berührender Roman über das Erwachsenwerden. Bestens geeignet für alle, die sich auf die frische, unverstellte Umsetzung des Themas einlassen mögen.

Signatur: SL
Schlagworte: Selbstfindung | Musik
Bewertung: +++
Rez.: Susanne Brenner

Rezension des Monats April 2019

Toews, Miriam: Die Aussprache. Roman. Dt. von Monika Baark. Hamburg: Hoffmann & Campe 2019. 250 S. ; 21 cm. Aus d. kanad. Engl. ISBN 978-3-455-00509-7, geb.: 22,00 €

Wie finden Frauen heraus, was so wichtig ist, dass sie einen Aufbruch wagen, der ihr ganzes Leben verändern wird?

Eine mennonitische Kolonie wird von sexueller Gewalt erschüttert. Frauen und Mädchen werden von Männern der eigenen Gemeinde betäubt und vergewaltigt. Erst der Mut einer Frau bringt das Verbrechen ans Licht. Die aufgestaute Wut schlägt in Gewalt um. Die Frauen wollen Gerechtigkeit. Die weltliche Gerichtbarkeit schreitet ein und verhaftet die Männer. Sie sollen nun gegen eine Kaution freigekauft werden. Den Frauen bleiben 48 Stunden, bevor alle Männer wieder im Dorf sind. Sie wollen herausfinden: wie können sie mit den Verbrechen umgehen? Ist es eine Wahl, zu vergeben (wie ihnen vom Bischof vorgeschlagen wird)? Welche anderen Möglichkeiten haben sie? Sie können weder lesen noch schreiben, sie kennen die „Welt" nicht, von der sie bisher völlig abgeschottet gelebt haben. Sie haben keine Landkarte, wissen nicht, wohin der Weg sie führen könnte. Das Buch gibt acht von ihnen ihre je eigene Stimme. In sprachlicher Präzision wird das Denken und Fühlen der Frauen nachgezeichnet. „Die Aussprache“ ist auch ein Dokument eines elementaren demokratischen Prozesses: Wir entscheiden gemeinsam, wie wir handeln. Es ist berührend!

Für Literaturgottesdienst, Frauenkreis, Gesprächskreise, für viele Leser*innen.

Signatur: SL
Schlagworte: Gewalt | Glauben | Frau | Widerstand
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

Rezension des Monats März 2019

Al-Mousli, Luna: Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen. oder Der Islam und ich. Frankfurt: Weissbooks 2018. 144 S. : Ill. ; 17 cm. ISBN 978-3-86337-171-5, geb.: 15,00 €

Ein wunderbarer authentischer Einblick in das familiäre und religiöse Leben der Autorin.

Wenn Bücher ein Geschenk sein können, dann ist dieses ein äußerst großzügiges. Die Autorin schenkt uns Teilhabe an ihrer Kindheit und ihrer Familie. Sie erzählt in einem so liebevollen Stil, wie sie zwischen Damaskus und Wien aufgewachsen ist. Welche Rolle ihre Oma für sie gespielt hat. Und völlig unkompliziert zeigt sie uns, wie selbstverständlich die tägliche religiöse Praxis des Islam zum Alltag dazugehörte, wie sie als Kind in diesen Glauben hineingewachsen ist. Heute nennt man das hochtrabend „religiöse Sozialisation“. Mit der Oma beten, wenn diese ihre Tagesgebete verrichtet und das ohne Zwang. Gespräche über Gott und die Lehren des Korans. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklung und den sich verändernden Umständen. Alles in einer fabelhaften Natürlichkeit erzählt. Der Leser ist mittendrin und dabei. Ein Buch, das man gerne liest und wunderbar vorlesen und (mit) teilen kann. Ein bezaubernder Einblick in das Leben einer syrischen Familie.

Vom Kindergarten bis zum Gemeindekreis.

Signatur: SL
Schlagworte: Islam | Gott | Familie | Syrien
Bewertung: +++
Rez.: Dirk Purz

Rezension des Monats Februar 2019

Morosinotto, Davide: Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow. Dt. von Cornelia Panzacchi. Stuttgart: Thienemann 2018. 422 S. : Ill. ; 22 cm. Aus d. Ital. ISBN 978-3-522-20251-0, geb.: 18,00 €

Die 13-jährigen Geschwister Danilow erleben die Schrecken des Zweiten Weltkrieges in Russland. Ihre Erfahrungen halten sie in ihren Tagebüchern fest.

Es ist der Sommer 1941, der im Leben der 13-jährigen Zwillinge Viktor und Nadja alles verändert. Deutsche Truppen marschieren auf ihre Heimatstadt Leningrad (Russland) zu. Die Kinder sollen aus der Stadt, in Sicherheit gebracht werden, doch im überfüllten Bahnhof verlieren sie sich. Während Viktors Zug ihn nach Tatarstan (Sibirien) bringt, bleibt Nadjas kurz nach der Abfahrt stehen. Viktor beschließt, zurückzukehren, um seine Schwester zu suchen. Für ihn und seine Begleiter beginnt eine schwere aufreibende Reise. Doch auch Nadja erlebt die Härte und Grausamkeit des Krieges. Der Autor verbindet in seiner mitreißend erzählten Geschichte gekonnt Fiktion und Realität. Die Ereignisse werden als Tagebuchaufzeichnungen der Geschwister dargestellt, die der Oberst für Innere Angelegenheiten, Smirnow, im Nachhinein liest und bewertet. Insofern kommen hier drei Perspektiven zum Tragen, die wunderbar miteinander verwoben werden. Ein unglaublich packendes Buch, das sich mutig einer grausamen Zeitetappe zuwendet. In seiner Tagebuchform, mit Randnotizen, Landkarten und Fotos wunderschön aufbereitet.

Eine Geschichte, die nachklingt – spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Ab 12 Jahren.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: 2. Weltkrieg | Russland | Geschwister
Bewertung: +++
Rez.: Juliane Deinert

Rezension des Monats Januar 2019

Engler, Wolfgang u. Hensel, Jana: Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Berlin: Aufbau 2018. 288 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-351-03734-5, geb.: 20,00 €

Wolfgang Engler und Jana Hensel - zwei namhafte Ostdeutsche reden über das Ostdeutschsein. Das weitet den Horizont.

Engler tritt sei Jahren als Kenner der ostdeutschen Szene und Geschichte in Erscheinung und bringt immer wieder Leben in die Debatte. Hensel schreibt für die „Zeit im Osten" und ist mit ihrem Bestseller „Zonenkinder" bekannt geworden. Ihr Gespräch, im Aufbauverlag vorgelegt, beginnt bei der Frage nach dem Erfolg von Pegida und AfD in Ostdeutschland. Beide sind sich einig, dass diese nationalistischen Bewegungen vor allem mit den sozialen und ökonomischen Verwerfungen im Osten in den letzten dreißig Jahren - also nach der Wende - zu tun haben. Die Geschichte der Menschen in der DDR dagegen wirkt sich viel versteckter in den gegenwärtigen Entwicklungen aus. Es zeigt sich, dass Fremdzuschreibungen (wie „Unrechtsstaat" für die DDR oder „friedliche Revolution" für die Wende 1989) die Erfahrungen des Lebens in der DDR unsachlich diffamieren und ankanzeln. Dazu treten die Marginalisierungserfahrungen fast aller Ostdeutschen im vereinigten Vaterland. Das Buch bleibt Gespräch und Streit. Gut.

2019 - 30 Jahre „Wende" - ein Thema für die Gemeinde? Für die Bücherei?

Signatur: Sb
Schlagworte: DDR | Verantwortung | Solidarität | Fremdenfeindlichkeit
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

Rezension des Monats Dezember 2018

Hub, Ulrich: Das letzte Schaf. Ill. von Jörg Mühle. Hamburg: Carlsen 2018. 68 S. : Ill. ; 22 cm . ISBN 978-3-551-55384-3, geb.: 13,00 €

Die Weihnachtsgeschichte humorvoll erzählt aus Schafsperspektive.

Ist ein Ufo gelandet? Die Schafe erleben, dass das ganze Feld hell erleuchtet ist. Und die Hirten sind verschwunden! Das Schaf mit der Mütze hat eine Botschaft gehört, sie aber wieder vergessen. So machen sich alle Schafe auf, um herauszufinden, was da wohl los ist. Denn die Botschaft ist nicht ganz leicht zu verstehen. Unterwegs stolpern sie über viele Fragen und Missverständnisse und erkennen zum Schluss, dass die Geschichte, die sie erlebt haben, noch lange nicht zu Ende ist. Ulrich Hubs Erzählung ist lebendig, äußerst originell und mit vielen Anspielungen auf den gegenwärtigen Zeitgeist versehen, z. B. wenn er vor dem Stall einen Ticketautomaten aufstellt, die Schafe ganz bemüht über ein passendes Geschenk nachdenken lässt - doch eher keinen Gutschein! - oder Mafiosi-Wölfe nach dem Neugeborenen suchen lässt. Seine Figuren sind liebenswert und besonders. Die Zeichnungen von Jörg Mühle unterstreichen dies und geben dem Buch zusätzlichen Charme.

Eine wunderbare, zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregende kleine Ergänzung für alle Büchereien und für alle Menschen, die sich immer wieder neu über Weihnachten Gedanken machen.

Signatur: Jc
Schlagworte: Weihnachten | Schafe
Bewertung: +++
Rez.: Anne Rank

Rezension des Monats November 2018

Höfler, Stefanie: Der große schwarze Vogel. Roman. Weinheim: Beltz & Gelberg 2018. 181 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-407-75433-2, geb.: 13,95 €

Berührender Roman über das Weiterleben nach dem  Tod der Mutter.

An einem strahlenden Oktobertag stirbt Bens Mutter unerwartet. Von diesem Moment ausgehend, erzählt der Junge von den Ereignissen, die dem Tod unmittelbar folgen sowie vom Davor und Danach. Davor: das sind kleine Episoden aus dem Leben mit einer hochemotionalen, unangepassten, aufbrausenden und leidenschaftlichen Mutter. Danach: das ist die erste Liebe, Zukunftspläne schmieden, als verkleinerte Familie wieder zueinander finden.Stefanie Höfler hat sich hier wieder ein schwieriges Thema vorgenommen. Und auch hier zeigt sie ein großes Einfühlungsvermögen in die Emotionen eines Jugendlichen, der nicht nur mit dem Tod der Mutter, sondern auch mit einem Vater, der zeitweilig völlig aus der Bahn geworfen und außerstande ist, sich gut um ihn und seinen kleinen Bruder zu kümmern, zurechtkommen muss. Die Geschichte hat (nachvollziehbar) kein Happy End, deutet aber an, dass die Familie sich ein Jahr später auf einem guten Weg der Heilung befindet: Sie pflanzt der baumvernarrten Mutter einen Apfelbaum aufs Grab, Ben erkundigt sich in einer Gärtnerei nach einem Praktikumsplatz, eine erste Liebe zeichnet sich ab und er hat einen Freund, wie man ihn sich besser nicht wünschen könnte.

Ein berührender, kluger Roman. Sehr gern empfohlen.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Tod | Trauer | Hoffnung | Geschwister
Bewertung: +++
Rez.: Wiebke Mandalka

Rezension des Monats Oktober 2018

Sigurðardóttir, Steinunn: Heidas Traum. Eine Schäferin auf Island kämpft für die Natur. Dt. von Tina Flecken. München: Hanser 2018. 283 S. : Ill. ; 21 cm. Aus d. Isländ. ISBN 978-3-446-26032-0, geb.: 22,00 €

Eine Schäferin kämpft für die Natur auf Island. Eine wahre Geschichte.

Die isländische Schäferin Heida ist ein Freigeist und eine Kämpferin. Allein mit 500 Schafen und dem Hund Fifill auf einem abgelegenen Hof am Rand des südlichen Hochlandes trotzt sie nicht nur Wind und Wetter, sondern auch einem Energiekonzern, der in ihrem Tal einen Staudamm bauen will und damit nicht nur ihre Existenz bedroht. Nach einer Modelkarriere in New York kehrt sie auf den elterlichen Hof zurück und lebt eng verbunden mit der Natur an der Grenze zur bewohnbaren Welt. Sie wird Kommunalpolitikerin, um sich für die Natur einzusetzen. Dabei ist die Frau im karierten Hemd keine Heldin. Aber sie wehrt sich, wenn Unrecht droht. Das wilde, noch naturnahe Land, die Tiere, die Schäferin, die mitunter auch Einblicke in ihre verletzte Seele zulässt, tragen die Geschichte. Steinunn Sigurðardóttir, eine der wichtigsten Autorinnen Islands, erzählt Heidas Geschichte mit großem poetischem Gespür und zarter Behutsamkeit. Sie weckt mit jeder Zeile Sehnsucht nach Island, nach der wilden Natur, der Einsamkeit und den Menschen.

Das Buch ist ein Schatz für Naturliebhaber und Island-Begeisterte und Menschenliebhaber. Dabei so authentisch geschrieben, dass es verdient, gelesen zu werden.

Signatur: Bb
Schlagworte: Island | Natur | Biografie | Leben
Bewertung: +++
Rez.: Andrea Zimmermann

Rezension des Monats September 2018

Fleischhauer, Wolfram: Das Meer. Roman. München: Droemer 2018. 443 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-426-19855-1, geb.: 19,99 €

Sind die Weltmeere noch zu retten? Der Öko-Thriller setzt wenig Hoffnung in den Erfolg von Vehandlungen und Verträgen.

Die Ozeane sind heillos überfischt und werden von einer skrupellosen Fischereimafia gnadenlos ausgebeutet. Regierungen und überstaatliche Organisationen sind unfähig oder unwillig, dem Einhalt zu gebieten. Auf dieser wohl leider den Tatsachen entsprechenden Annahme beruht der Öko-Thriller, der in 58 kurzen Kapiteln jeweils eine Person in den Mittelpunkt rückt. Teresa, eine junge EU-Fischereibeobachterin, verschwindet spurlos von einem spanischen Trawler. Es zeigt sich, dass sie einer Untergrundorganisation angehört, die durch gezielte Vergiftungen die Nachfrage nach Fisch verringern will. Eine der führenden Köpfe dieser Organisation ist Ragna. Sie gerät zunehmend in den Fokus des Geschehens, als drei Männer sich auf die Suche nach ihr machen. Zwischen Vigo, Brüssel, Bangkok und birmanischem Rebellengebiet entwickelt sich eine temporeiche Story. Der Autor erzählt spannend und weitgehend nachvollziehbar. Die Charaktere handeln stets glaubwürdig – wenngleich nicht immer ehrenhaft.

Wer keine Angst hat, dass ihm nach der Lektüre das Fischbrötchen im Hals stecken bleibt, findet hier ein spannendes, zum Nachdenken anregendes Buch - schlechtes Gewissen inklusive! 

Signatur: SL
Schlagworte: Öko-Thriller | Fischerei | Weltmeere
Bewertung: +++
Rez.: Birgit Schönfeld

Rezension des Monats August 2018

Chlodwig. Will Gmehling. Ill. von Jens Rassmus. Wuppertal: Hammer 2018. 43 S. : überw. Ill. ; 23 cm. ISBN 978-3-7795-0600-3, geb.: 14,00 €

Zwei ganz unterschiedliche Familien treffen aufeinander.

Bert lebt mit Mama, Papa und drei Geschwistern in einem Hochhaus. Mama ist Putzfrau und Papa arbeitet in einer großen Kantine. In der Wohnung herrscht das reinste Chaos, mit der Schule stehen die Kinder auf dem Kriegsfuß, aber Papa kann gut mit den Lehrern, denn er ist groß und stark und hat ein Tattoo auf dem Unterarm. Am liebsten sitzt die ganze Familie zusammen im Bett und liest Geschichten.Dann kommt Chlodwig in Berts Klasse. Sein Papa ist Zahnarzt, die Mama Architektin. Er wohnt in einem Haus mit Garten, ist gut in der Schule und hat immer tolle Pausenbrote dabei (die kriegen Berts Eltern nicht so oft vorbereitet). Und immer öfter steht Chlodwig vor Berts Tür: Lernt mit der Schwester, liest mit dem Bruder Weltraumbücher und fühlt sich pudelwohl. Eine Geschichte, die immer wieder mit Vorurteilen bricht und dabei nicht ins Moralisierende abgleitet. Die zeigt: Auch Eltern, die nicht alle Erwartungen, die an sie gestellt werden, erfüllen, können liebevolle Eltern sein. Sie können ihren Kindern vielleicht nicht alles bieten, was man für ein (beruflich) erfolgreiches Leben braucht, aber: Wie definiert sich denn eigentlich ein „erfolgreiches“ Leben?

Sehr empfohlen! Auch für Erwachsene.

Signatur: Ju 1
Schlagworte: Soziale Unterschiede | Werte | Familie
Bewertung: +++
Rez.: Wiebke Mandalka

Rezension des Monats Juli 2018

Möglich, Manuel: Alles auf Anfang. Auf den Spuren gelebter Träume. Berlin: Rowohlt Berlin 2018. 252 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-87134-174-8, kt.: 18,00 €

Träume von einem besseren Leben auf dem Prüfstand.

Was wird eigentlich aus utopischen Visionen, wenn man versucht, sie umzusetzen? Dieser Frage geht der Kulturwissenschaftler Manuel Möglich nach, indem er sich in die jeweiligen Gemeinschaften begibt und sich dort eine Weile aufhält. Er bereist nicht nur Europa, sondern auch Amerika und Afrika und stößt auf die unterschiedlichsten Visionen. Dabei geht es um Umweltschutz, Glauben, ein sozialeres Miteinander, die freie Liebe oder sogar die Unsterblichkeit. Was treibt Menschen an, alles hinter sich zu lassen, um sich an die Umsetzung ihrer Utopie zu machen? In der von ein paar Deutschen gegründeten Gemeinschaft Tamera in Portugal wird ein soziales Miteinander groß geschrieben, aber auch der respektvolle Umgang mit Tieren und der Natur. Dabei hat ein wohldurchdachtes Wassermanagement zur Landschaftsheilung beigetragen. Der Autor ist beeindruckt. Unterhaltsam schildert er seine Erlebnisse in elf nicht allzu langen Kapiteln. Das Buch regt zum Nachdenken an.

Ein interessanter und spannender Erfahrungsbericht, der bestens geeignet ist für Gesprächskreise. Breit empfohlen.

Signatur: Sb
Schlagworte: Utopie | Erfahrungsbericht | Gesellschaft
Bewertung: +++
Rez.: Susanne Brenner

Rezension des Monats Juni 2018

Lagercrantz, Rose: Wozu hat man eine Freundin? Ill. von Karen Krings. Dt. von Angelika Kutsch. Frankfurt: Moritz 2018. 100 S. : Ill. ; 22 cm. Aus d. Schwed. ISBN 978-3-89565-359-9, geb.: 11,95 €

Cäcilie kann nicht beim Sport mitmachen, weil sie hinkt. Die Fußballerin Melody kommt neu in die Klasse und wird Cäcilies Coach.

Die Beine von Cäcilie sind unterschiedlich lang. Deswegen kann sie nicht schnell laufen. Eines Tages kommt Melody neu in die Klasse. Die beiden Mädchen freunden sich an. Melody trainiert in jeder freien Minute mit der Fußballmannschaft FC Birka, Cäcilie darf oft zuschauen. Dann soll Cäcilie erneut an den Beinen operiert werden. Alle machen ihr Mut; Papa verspricht sogar eine große Überraschung. Die Operation gelingt. Melody besucht sie im Krankenhaus. Sie bringt einen Fußball, auf dem steht: „Cäcilie vor, noch ein Tor!“. Sobald der Gips ab ist, bekommt Cäcilie von Melody Trainingsstunden. Die erweisen sich bald als die Rettung. Papas Überraschung übrigens ist nicht groß, sondern klein und wunderwunderschön. Die warmherzige Geschichte über eine Mädchen-Freundschaft und sportliche Ziele trifft mitten ins Herz. Trotz der Ernsthaftigkeit der Themen wie Behinderung, Trennung der Eltern und Patchworkfamilie, behält das Buch mit den bunten Illustrationen stets seine kindgemäße Leichtigkeit.

Das preisverdächtige Buch aus Schweden für Kinder ab der 2. Grundschulklasse, sollte in jeder noch so kleinen Bibliothek unbedingt angeboten werden!

Signatur: Ju 1
Schlagworte: Behinderung | Freundschaft | Fußball | starke Mädchen
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes

Rezension des Monats Mai 2018

Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste. Ill. von Julia Kluge. Leipzig: Ev. Verl.-Anst. 2018. 141 S. : Ill. ; 19 cm. ISBN 978-3-374-05309-4, kt.: 10,00 €

Die christlichen Feste im Jahreskreis - verstehen und feiern.

Aus der Freude der Menschen am Feiern und ihrer Beschäftigung mit existentiellen, christlichen Fragen hat sich im Laufe von vielen hundert Jahren „ein glanzvoller Zyklus, der es in sich hat" entwickelt. Diesem Zyklus widmet sich Vogt in seinem kompakten und sehr informativen Handbuch. Nach einem Vorwort, das neugierig macht, beschäftigt er sich mit den Wurzeln unseres heutigen Kalenders, der Bedeutung des Sonntags und dem Zustandekommen des Kirchenjahres. Sodann spürt er sieben Kennzeichen auf, durch die sich Feiertage von Alltagen unterscheiden, um dann im Hauptteil auf unterhaltsame Weise Ursprung, Bedeutung und Bräuche der einzelnen Feste im Jahreskreis beider großen christlichen Religionen fundiert darzustellen. Sie werden von ihm in die Bereiche „Rund um Weihnachten", „Rund um Ostern", „Rund um die Gemeinschaft" und „Rund um die Hoffnung" aufgeteilt.                 

Ein Nachwort und ein Stichwortverzeichnis runden dieses sehr informative und kurzweilige Handbuch ab, das in keinem Bücherschrank (zu Hause, in der Gemeinde und in der Schule) fehlen sollte! Auch als Geschenk zur Konfirmation sehr zu empfehlen! 

Signatur: Ch 1
Schlagworte: Jahreskreis | Feste | Ursprünge | Bräuche
Bewertung: +++
Rez.: Petra Schulte

 

 

 

Rezension des Monats April 2018

McGregor, Jon: Speicher 13. Roman. Dt. von Anke Caroline Burger. München: Liebeskind 2018. 351 S. ; 20 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-95438-084-8, geb.: 22,00 €

Ein Roman über die Bindekräfte einer Gemeinschaft.

Der Roman beginnt als Thriller: Ein Mädchen verschwindet spurlos und wird trotz Suche nicht gefunden. Dann unterläuft der Roman die Erwartungen eines Thrillers: McGregor schildert das Landleben einer Dorfgemeinschaft. Jedes Kapitel der 13 Kapitel beginnt mit Silvester und Neujahr. Dann wiederholen sich die regelmäßigen Lebensprozesse der Menschen des Ortes. Feste, Konflikte, Wetter kommen und gehen. Ab und zu wird das Mädchen gesehen - in Träumen? In die 13 Kapitel baut McGregor feine Veränderungen der Menschen und der Gemeinschaft ein. Die einzelnen Personen gewinnen Tiefe. „Speicher 13" ist die Metapher für die Traditionen, die ungeahnten Kompetenzen der Menschen, den Zufall, der Menschen zusammen führt, die Kraft, es miteinander auszuhalten oder Trennungen einzuleiten. Der Roman endet mit der Zeile: „Alles schläft, einsam wacht" - die Pfarrerin verlässt das Dorf, aber wer wacht da?

Es ist ein anspruchsvoller Roman. Literaturkreise werden ihre Freude daran haben. Eine Literaturpredigt ließe sich gut anschließen.

Signatur: SL
Schlagworte: Lebensgemeinschaft
Bewertung: +++
Rez.: Martin Schulz

 

 

 

Rezension des Monats März 2018

Geiger, Arno: Unter der Drachenwand. Roman. München: Hanser 2018. 480 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-25812-9, geb.: 26,00 €

Noch 17 Monate Krieg. Keiner weiß es. Alle stecken mittendrin. Schuld. Liebe. Alltag. Und Menschen mit Courage: 1944.

Geiger gesellt sich zu Seethaler und Rothmann: junge Männer als Soldaten im zweiten Weltkrieg, dieses sinnlose Sterben, Morden, diese Grausamkeit der Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung, das Vernichten der jüdischen Menschen. Ein Lebensbild in kleinstem Ausschnitt gegen Ende dieses schrecklichen Weltkrieges. Bei Geiger entkommt der Protagonist nach 5 Jahren verlorenen Lebens wegen einer schweren Verwundung für ein Jahr der Vernichtungsmaschine und flieht in die einstmals österreichischen Berge. Das Dorf aus Angepassten, Wütenden, Verschickten, Geflohenen, Evakuierten wird zum Schauplatz einer Selbstbefragung und eines wütenden Abrechnens mit menschlicher Bosheit und dem Wahnsinn der Gewalt. Veit ist klarsichtig. Im Gewächshaus gegenüber begegnet ihm ein regimekritischer Freigeist, der noch auf den letzten Metern des Tausendjährigen Reichs denunziert wird. Die Frau, in die er sich verliebt, gibt ihm nach Jahren des freien Falls Halt, weil sie sagt: Hab keine Angst. Sagenhaft!

Für alle Literaturinteressierten, für die Predigt über "das gute Buch", für Lesekreise zur literarischen Entdeckung zu Beginn des Jahres.

Signatur: SL
Schlagworte: Courage | Krieg | Liebe
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

 

 

 

Rezension des Monats Februar 2018

Ich glaube an mich! Kinder auf der ganzen Welt malen und erzählen, woran sie glauben. Hg. von little Art e.V. u. Elena Janker. Texte von Elena Janker u. Jakob Wetzel. München: Süddeutsche Zeitung 2017. 303 S. : überw. Ill. ; 30 cm. ISBN 978-3-56497-421-2, geb.: 29,00 €

In phantasievollen Bildern erzählen Kinder aus aller Welt von ihren Lebenshoffnungen.

Seit 2009 bittet der Münchner Verein „little ART" Kinder in aller Welt, zu erzählen und zu malen, woran sie glauben. Kinder aus 108 Nationen, mit unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen und aus allen gesellschaftlichen Schichten, haben bislang darauf geantwortet und ihre Bilder nach München geschickt. Sie erzählen vom Getragensein der Kinder durch Gott, ihre Religion, ihren Glauben an ihre Eltern und Freunde, an die Natur, an Engel und Computer, an diese und andere Welten, und vor allem: an sich selbst! Daniela Mecklenburgs graphische Gestaltung und die einfühlsamen, informativen  Texte Elena Jankers und Jakob Wetzels machen die Sammlung zu einem wirklichen „Kunstbuch", das staunen lässt über die Phantasie und Kreativität der Kinder, ihr Wissen um die Schönheit und das Gefährdetsein des Lebens. Ganz ohne Frage: Das schönste, beglückendste Buch des Jahres!

Ein Muss für jede evangelische Bücherei und jede/n, die/der in Familie, Gemeinde, KiTa und Schule mit Kindern lebt.

Signatur: Jc
Schlagworte: Glauben | Kindertheologie | Kunst
Bewertung: +++
Rez.: Erhard Reschke-Rank

 

 

 

Rezension des Monats Januar 2018

Böhm, Andrea: Das Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten. München: Pantheon 2017. 271 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-570-55236-0, kt.: 17,00 €

Perspektivwechsel: Die renommierte Journalistin Andrea Böhm berichtet aus ungewöhnlichen Orten auf vier Kontinenten.

Mogadischu, Bagdad und Basra kennen wir aus der Katastrophenberichterstattung, es scheinen hoffnungslose, durch endlose Kämpfe zerstörte Orte zu sein. Dass es einmal blühende Handelsstädte waren und auch heute noch Menschen darin wohnen, die sich für ihre Heimatstadt einsetzen, kann man sich kaum vorstellen. Andrea Böhm lässt sich von einer mittelalterlichen Weltkarte inspirieren und macht sich auf den Weg. Was ist aus den alten Handelswegen und Metropolen geworden? Ihre gut geschriebenen, sehr persönlichen Reiseberichte beschreiben Umbrüche, Aufstieg und Verfall von Städten und Regionen. Provokant stellt sie den "westlichen Blick" und damit unsere Arroganz in Frage und fordert dazu auf, mit Offenheit zu entdecken, was überall auf der Welt möglich ist. Ein sehr persönliches Buch von Andrea Böhm, die in den USA, in afrikanischen Staaten und im Nahen Osten gearbeitet hat und sich nun mit Offenheit und einem kritischen Blick an Orte begibt, die für uns am Rande der Welt zu liegen scheinen

Für politisch interessierte Leser, die sich gerne überraschen lassen und ihren Blick auf die Welt erweitern lassen wollen. Ideal für Veranstaltungen und Diskussionen!

Signatur: Eb
Schlagworte: Perspektivwechsel | Krisenherde | Reisereportagen
Bewertung: +++
Rez.: Regina Riepe

 

 

 

Rezension des Monats Dezember 2017

Mehr als alles. Geschichten, Gedichte und Bilder für kluge Kinder und ihre Eltern. Hg. von Hubertus Halbfas. Mit Beiträgen von Bert Brecht, Kurt Marti u.a. Ill. von Ernst Barlach u.a. Ostfildern: Patmos 2017. 284 S. : Ill. ; 27 cm. ISBN 978-3-8436-0986-9, geb.: 34,00 €

Ein Glaubensbuch für Kinder und Erwachsene voller Geschichten und Bilder, wie man sie selten in solcher Auswahl findet.

Hubertus Halbfas schöpft aus einem sagenhaften Fundus. Seine Religionsbücher, die er als Professor für Religionspädagogik gemacht hat, dienen jetzt als Grundlage einer Reihe hervorragender Bücher im Patmosverlag. Das vorliegende Werk ist mehr als ein Lesebuch, es ist eine Schatzkiste überraschender Perspektiven, Geschichten, Kunstwerke, die zu einer Entdeckung des Glaubens einladen. Dabei ist nicht nur die Auswahl ungewöhnlich, sondern auch - und das ist wesentlich - der Religionsbegriff. Halbfas gehört zu den wenigen, die Gott in religiöser Weite und menschenfreundlicher Großzügigkeit als die "Tiefe des Lebens" verstehen und von engen Dogmen und altbackenen Richtigkeiten Abstand nehmen. Hier kommt ein Glauben zu Wort und ins Bild, der von der Stille der Inuit bis zur Leidenstheologie einer Etty Hillesum reicht.

Für alle klugen Menschen sehr zu empfehlen. Für Glaubenskurse, Elternschule, Kinderkirche, Kindergottesdienst, Religionsunterricht. Zum Vorlesen!

Signatur: Pc 6
Schlagworte: Stille | Glaube | Liebe
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

 

 

 

Rezension des Monats November 2017

Pásztor, Susann: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2017. 285 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-462-04870-4, geb.: 20,00 €

Ist das wahr oder ist das Kitsch? Ist das möglich? Eine Sterbebegleitung auf Umwegen zwischen Witz und Schock.

Fred ist Mitte 40 und übergewichtig, zieht nach einer Scheidung seinen Sohn Philipp allein groß, der gerade in die Pubertät kommt und ein Lyrik liebender liebenswerter Sonderling ist. Das Liebenswerte hat er mit seinem einsamen, spießigen aber offenherzig ratlosen Vater gemeinsam. Fred ist irgendein Beamter, ohne Hobbys, ohne Ausschläge, aber mit viel Aufmerksamkeit für Phil. So weit so gewöhnlich. (Ist das vielleicht schon ein bisschen zu stereotyp?) Fred entscheidet sich, eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter zu machen und zu Beginn des Romans tritt er seinen ersten Dienst an: bei Karla. Sie ist Fotografin, Hippiegirl und Immobilienhändlerin gewesen. Mit Anfang 60 stirbt sie zügig an einem Schilddrüsenkrebs. Die Chemotherapie hat sie abgebrochen. Sie leidet und schwankt zwischen witzig zynischer Giftigkeit und kluger Ehrlichkeit. Sie findet Fred doof. Er versteht sie nicht. Aber alles kommt anders. Und wie es anders kommt, ist wunderbar. Phil spielt auch eine Rolle.

Empfohlen für Literaturgottesdienste, Jugendarbeit, Hospizarbeit, Krankenhausbibliothek.

Signatur: SL
Schlagworte: Tod | Kampf | Wut | Witz
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

 

 

 

Rezension des Monats Oktober 2017

Klassen, Jon: Wir haben einen Hut. Jon Klassen. Dt. von Thomas Bodmer. Zürich: Nord-Süd Verl. 2017. O. Pag. : überw. Ill. ; 29 cm. Aus d. Engl.ISBN 978-3-314-10387-2, geb.: 16,00 €

Zwei Schildkröten finden einen Hut, den beide Tiere schön finden und gerne hätten. Was ist zu tun?  

Jon Klassen beherrscht die Kunst,  mit in Wort und Bild stark reduzierten Stilmitteln zum Nachdenken anzuregen meisterlich. Nach „Wo ist mein Hut“ (2012) und „Das ist nicht mein Hut“ (2013) rankt sich nun wieder alles um einen Hut. In drei kleinen Teilen wird die kurze Geschichte erzählt, aber was da an Fragen und Überlegungen angestoßen wird, beschäftigt die Menschen ein Leben lang. Zwei Schildkröten, die sich nur durch die Zeichnung des Panzers unterscheiden, finden gemeinsam einen Hut. Der steht beiden gleich gut. Ist es in Ordnung, wenn nur eine den Hut bekommt und die andere nichts hat? Wie entstehen Neid und Missgunst? Wie kann eine gutes soziales Miteinander gelingen? Was gibt es für Lösungen, wenn die eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Gegensatz stehen zu denen der anderen? Gibt es Gerechtigkeit nur in idealistischen Traumvorstellungen? Graue Farbtöne, ein einfacher, aber wohl überlegter Bildaufbau, kurze Sätze – mehr braucht es nicht, um nachzudenken über unser Miteinander.                 
Ein schöner Gesprächsanlass für alle ab 4 J., gut geeignet auch für den Einsatz in der Kita zu den genannten Themen.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Gerechtigkeit | Miteinander | Bedürfnisse
Bewertung: +++
Rez.: Heidrun Martini

 

 

 

Rezension des Monats September 2017

Coenen-Marx, Cornelia: Noch einmal ist alles offen. Das Geschenk des Älterwerdens. München: Kösel 2017. 207 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-466-37182-2, kt.: 17,99 €

Alter als Neuanfang, als Geschenk für Einzelne, aber auch für unsere Gesellschaft.

Wir haben in den letzten hundert Jahren zehn gesunde Jahre im Alter dazu gewonnen. Diese Jahre mit Freizeitgestaltung zu verbringen, ist für viele Ältere und auch gesellschaftspolitisch fragwürdig. Bei den Menschen in der ‚Dritten Lebensphase‘ schlummern enorme zivilgesellschaftliche Potenziale. Coenen-Marx zeigt Möglichkeiten des Alters auf, ohne zu beschönigen und schwierige Themen auszuklammern. Sie legt den Finger in die Wunde längst überholter Sozialsysteme. Selbstbestimmung und Angewiesenheit sind keine Gegensätze. Noch im Sterben geht es darum, beides in eine gute Balance zu bringen. Nur, wer so denken kann, hat auch den Blick frei auf das ganz Große – etwa die Spiritualität in all ihren Formen. Und auf das ganz Kleine... Coenen-Marx bietet eine Fülle von Anregungen, wie sich das "neue Altwerden" gestalten lässt.

Das Buch inspiriert, regt zum Nachdenken an, rüttelt auf, macht Mut, ist voller Verheißungen und Energie. Sehr gut für Veranstaltungsarbeit.

Signatur: Fd
Schlagworte: Alter | Lebensgestaltung | Zivilgesellschaft
Bewertung: +++
Rez.: Christine Stockstrom

 

 

 

 

 

 

 

Rezension des Monats August 2017

Erdoğan, Aslı: Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Essays. Mit einer Einführung von Cem Özdemir. Dt. von Sabine Adatepe, Gerhard Meier u.a. München: Knaus 2017. 191 S. ; 21 cm. Aus d. Türk. ISBN 978-3-8135-0780-5, geb.: 17,99 €

Politische Essays, in denen sich die konfliktreiche Gegenwart mit Gewalt, Willkür und Diskriminierung in der Türkei spiegeln.

Aslı Erdoğan, studierte Physikerin, türkische Journalistin und preisgekrönte Romanautorin, spiegelt in ihren politischen Essays, die hier erstmals auf Deutsch erscheinen, Gewalt, Massaker, Willkür, Niederschlagung von Demonstrationen, Haft und Folter, Entsetzen, Schuld, Angst, Schmerz und Hoffnungslosigkeit, die Leben und Politik in der Türkei prägen. - Wegen ihrer Kolumnen in der kurdisch-türkischen Zeitung Özgür Gündem wurde Aslı Erdoğan im August 2016 nach dem gescheiterten Militärputsch zusammen mit 22 weiteren Journalisten inhaftiert und im Dezember vorerst unter Auflagen für die Prozessdauer entlassen. „Aslı Erdoğans mutige und sprachlich beeindruckende Texte sind Aufschrei und Widerstand gegen die Diskriminierungen in der Türkei“, schreibt Cem Özdemir in seiner historisch-politisch informativen Einführung zum Buch. Abgrundtief und erschütternd sind diese Texte (mit erklärenden Fußnoten), fassen Sprachlosigkeit und Schrecken in Worte, flammen wie Blitzlichter auf, lassen den Leser nicht los!

„Aslı Erdoğans Waffe sind ihre Worte“ – Keine leichte Kost! Sie fordert LeserInnen, die Mut haben, sich fremder Not zu öffnen.

Signatur: Gh 4
Schlagworte: Türkei | Willkür | Gewalt
Bewertung: +++
Rez.: Heide Germann

 

 

 

 

 

 

 

Rezension des Monats Juli 2017

Doron, Lizzie: Sweet Occupation. Dt. von Mirjam Pressler. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2017. 202 S. ; 21 cm. Aus d. Hebr. ISBN 978-3-423-26150-0, kt.: 16,90 €

Porträts von fünf Friedenskämpfern aus Israel und Palästina.

Die erfolgreiche israelische Autorin schildert die Begegnungen einer jüdischen Journalistin aus einer vom Holocaust betroffenen Familie mit zwei jüdischen und drei palästinensischen gewaltlosen Kämpfern für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Palästinensern. Schon die ersten Begegnungen sind schwierig, da sie z.T. auf palästinensischem Territorium stattfinden, in das Israelis nicht legal einreisen dürfen. Die Biografien machen die großen Schwierigkeiten deutlich, unter denen sich heute Menschen zu dem eigentlich naheliegenden Ziel bekennen. Ein israelischer Soldat etwa weigerte sich nach seinen Erfahrungen in Gaza weiter Militärdienst zu leisten und endet im Gefängnis. Ein den Frieden liebender nach Israel eingewanderter Jude aus Polen wird persönlich und beruflich ausgegrenzt. Die drei Palästinenser überwanden ihren gewaltsamen Protest gegen die israelische Besetzung in ihrer Jugend. Auch sie wurden für ihr Friedensengagement diffamiert und verbrachten lange Zeit im Gefängnis.

Der emotional berührende Roman ist nicht nur spannend, sondern zeigt auch die heutigen Probleme einer Friedenslösung. Breit empfohlen.

Signatur: SL
Schlagworte: Israel | Palästina | Friede | Gewaltlosigkeit
Bewertung: +++
Rez.: Peter Bräunlein

 

 

 

 

 

 

 

Rezension des Monats Juni 2017

Genechten, Guido van: Vielleicht. Dt. von Eva Schweikart. München: Mixtvision 2016. O. Pag. : überw. Ill. ; 24 cm. Aus d. Niederländ. ISBN 978-3-95854-071-2, geb.: 14,90 €

Aus Kreis, Dreieck, Quadrat und viel Phantasie lässt sich eine Welt erschaffen.

Vielleicht beginnt es so: Am Anfang ist alles schwarz, dann sind Farben da, rot, gelb und blau. Im nächsten Schritt gibt es einfache Formen, die sich ihres Daseins freuen. Sie vermehren sich durch Aufteilung und 12 bunte Elemente werden zum Baukasten für alles, was sich daraus legen lässt. Auf schwarzem Hintergrund gibt es Menschen und Tiere, Pflanzen, Fahrzeuge und vieles mehr zu entdecken. Bis am Ende – vielleicht – alles wieder in kleine Teile zerfällt.
Die ganze Welt ist zusammengesetzt aus Einzelteilen, die komplex zusammenwirken. Diese philosophische These setzt Guido van Genechten in seinem Bilderbuch kindgerecht um. Ob die Vorlesende das Bilderbuch zum Anlass nehmen will, über Evolution, über Philosophie oder Schöpfungslehre zu sprechen, bleibt ihr überlassen. Es macht Kindern auf jeden Fall Spaß, diese vielfältigen Figuren mit Phantasie zu interpretieren, vielleicht Geschichten dazu zu erdenken.
Ein beiliegender Ausschneidebogen fordert auf, selbst kreativ tätig zu werden.

Ein Bilderbuch mit interaktiven Möglichkeiten, einfach, aber mit einer tieferen Bedeutungsebene. Für Kinder ab 4 J. interessant, aber auch Impuls zum Nachdenken für ältere Kinder.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Formen | Farben | Erschaffung | Phantasie
Bewertung: +++
Rez.: Birgit Schönfeld

 

 

 

 

 

 

 

Rezension des Monats Mai 2017

Kurbjuweit, Dirk: Die Freiheit der Emma Herwegh. Roman. München: Hanser 2017. 333 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-25464-0, geb.: 23,00 €

Emmas Leben (1817 – 1904) zeigt, wie revolutionäre Ideen im Privaten scheitern am alten Rollenverständnis der Geschlechter.   

Die Hochzeit war eine Sensation: Die Tochter eines preußischen Hoflieferanten heiratet den sozialistisch denkenden Freiheitsdichter Georg Herwegh! Der Roman verschränkt drei Zeitebenen miteinander. 1894 in Paris erzählt die verarmte 80jährige Emma dem jungen Freund Frank Wedekind ihre ganz persönliche Lebens- und Leidensgeschichte in der Ich-Perspektive. Die zweite Erzählebene spielt im Jahr 1842 in Berlin. Wir lesen vom Leben in großbürgerlichen romantischen Salons und zugleich vom sozialen Elend der Arbeiter in den Borsigwerken. Die dritte Ebene schildert die Ereignisse im Frühjahr 1848, als das in Paris zusammengestellte desolate Häuflein der „Deutschen Demokratischen Legion“ unter Herweghs Leitung Heckers Aufstand in Baden zu Hilfe eilt und Emma als einzige Frau, bewaffnet und zu Pferde, großen Mut und diplomatisches Geschick beweist. Kurbjuweits Erzählweise zeigt auf, wie schwer es ist, hohe gesellschaftspolitische Ideale mit dem kleinen privaten Leben in Einklang zu bringen.

Ein anregender Lesegenuss für alle, die sich für politisches und kulturelles Leben des 19. Jh. interessieren. Zu manchen Ideen der 68er Generation gibt es interessante Parallelen.

Signatur: SL
Schlagworte: Revolution | Emanzipation | Demokratie | Geschichte
Bewertung: +++
Rez.: Heidrun Martini

 

 

 

 

 

 

 

Rezension des Monats April 2017

Zedelius, Miriam: Träumst du? Rostock: Hinstorff 2017. O. Pag. : überw. Ill. ; 19 cm. ISBN 978-3-356-02096-0, geb.: 16,99 €

Wunderbares Bilderbuch über das Träumen. Einmal in Schreibschrift!

Das Mädchen wird von Papa erinnert, nicht zu träumen. Diese Aufforderung ist der Ausgangspunkt einer kleinen Reise durch die Träume, ihr Herkommen, ihre bösen Seiten, ihr Märchenhaftes oder Witziges. Meine Jungs haben beim Angucken sehr gelacht. Was träumen Große? Der Mann in der Hängematte träumt vom Angeln. Der große Fisch allerdings, den er an der Angel hat, hüpft zu ihm ins Boot... Der glückliche Löwe von Roger Duvoisin entpuppt sich als wütend. Eine Maus malt eine Katze an. Und kann man gute Träume herbeiwünschen? Die Illustratorin wählt sparsame Striche, wenige Elementarfarben und druckt kunstvolle kleine Kunstwerke, die geschickt die Bildsprache von Kindern zitieren (Strichmännchen). Manchmal steht Jutta Bauer sehr deutlich Patin. Aber das ist nicht schlimm. Der Text erscheint in Schreibschrift. Ein Plädoyer für die geschriebene Schulausgangsschrift. Beim Betrachten und Lesen der wenigen Worte kommt es schnell zum Gespräch, zum Weiterträumen und Weiterspinnen.

Empfohlen für Eltern-Kinder-Lesekreise, Vorlesezeit und Elternlesekreise.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Träume | Mut
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

 

 

 

 

 

 

Rezension des Monats März 2017

Preisendörfer, Bruno: Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit. Köln: Galiani 2016. 472 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-86971-126-3, geb.: 24,99 €

Detail- und kenntnisreiche Zeitreise, das Eintauchen in eine vergangene Welt (um 1500).

Das Sachbuch des Jahres 2015, "Als Deutschland noch nicht Deutschland war" (Goethezeit), ist der handwerkliche Vorgänger. Aber nun geht es um die Zeit Luthers. In einem Zeitpanorama, reichen Details, guten Literaturhinweisen und einem glänzenden Stil versetzt Preisendörfer den Leser in die Zeit um 1500.
Ausgehend vom großen weltgeschichtlichen Überblick, in die Zeit der Renaissance, das Zeitalter der Entdeckungen, über die politische Gesamtlage in Deutschland, geht es dann in den beschwerlichen Alltag. Burg, Stadt und Land, Handwerk und Bauern, Ausstattung der Häuser, Ernährung, Frauen und Männer - das alles wird lebendig und eindrücklich geschildert. Die Glaubenswelt wird in Kapitel 7 (Himmel, Hölle, Alltag) und in Kapitel 13 (Alter, Tod und Auferstehung) beklemmende Wirklichkeit. Auch Luther kommt als Referenz immer wieder vor. Nur das "unser Deutsch" des Haupttitels wird in seiner Besonderheit kaum gestreift. Der Untertitel "Reise in die Lutherzeit" kennzeichnet das eigentliche Zentrum des Buches.

Für historisch Interessierte ein fast unerschöpfliches Buch. Umfassende Quellen- und Literaturnachweise, Glossar und 'kleines Latinum für Zeitreisende' machen das Buch zu einem Nachschlagewerk.

Signatur: Gf
Schlagworte: Reformation | Geschichte | Lutherzeit
Bewertung: +++
Rez.: Hans-Wolfgang Schaller

 

 

 

 

 

Rezension des Monats Februar 2017

Roper, Lyndal: Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. Dt. von Holger Fock u. Sabine Müller. Frankfurt: Fischer 2016. 729 S. : Ill. ; 22 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-10-066088-6, geb.: 28,00 €

Eine Lutherbiografie, die konsequent die Person des Reformators analysiert und reflektiert.

Es ist erstaunlich, welche überraschenden Einsichten eine neue Perspektive auch für die erschließt, die schon viel über den Reformator wissen. Die in Oxford lehrende australische Historikerin Lyndal Roper hat zehn Jahre intensiv geforscht, um herauszufinden, was für ein Mensch der große Reformator eigentlich war. Sie beschränkte sich dabei nicht auf Luthers Selbstäußerungen in den Tischreden und in seiner umfangreiche Korrespondenz. Sie bezieht auch Aussagen und Dokumente von Zeitgenossen in ihre Analyse ein. Was hat Luther motiviert? Wie reagierte er auf Erfolge und Niederlagen? Wie erlebte er Enthaltsamkeit, wie Familie und Sexualität? Der Autorin ist es gelungen, das umfangreiche Material systematisch im Blick  auf ihre Fragestellung zu durchdringen und die Entwicklung des Menschen Martin Luther in gefälliger Sprache auf über 500 Seiten nachvollziehbar darzustellen. In den Anmerkungen auf weiteren 120 Seiten belegt und ergänzt sie ihre Darstellung durch viele Details. 

Das Buch wird wohl zu einem Standardwerk der Lutherforschung, das - was selten ist - eine breite Leserschaft anspricht. Für Gemeindebüchereien durchaus zu empfehlen.

Signatur: Bb | Ca 2
Schlagworte: Reformation | Luther | Glaube
Bewertung: +++
Rez.: Karl Foitzik

 

 

 

 

Rezension des Monats Januar 2017

Nürnberger, Christian u. Gerster, Petra: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten. Martin Luther. Ill. von Irmela Schautz. Stuttgart: Gabriel 2016. 208 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-522-30419-1, geb.: 14,99 €

Eine Lutherbiographie für kritische Zeitgenossen.

Christian Nürnberger fragt, wie aus dem einfachen Bergmannssohn der „Kerl“ werden konnte, der Papst und Kaiser trotzte und die Kirche ins Wanken brachte. In seinem für ihn typischen Stil zeichnet er Luthers Weg nach, teils humorvoll, teils kritisch, flott und phantasievoll erzählend. Dabei leiten ihn zwei Motive: Er möchte auch denen, die nicht viel über Luther wissen und von anderen Fragen umgetrieben werden als von der Frage nach einem gnädigen Gott, Luthers Beweggründe transparent machen. Zugleich fragt er immer wieder, welche Konsequenzen die zentralen Einsichten Luthers, die damals Kirche und Reich erschütterten, nach 500 Jahren immer noch für den Einzelnen, für die Gesellschaft und die Kirchen haben können und sollten. Die Kapitel sind unterschiedlich intensiv gelungen. Besonders eindrucksvoll sind dabei die ersten sowie das Kapitel über Katharina von Bora.

Das gut lesbare Buch ist eine hilfreiche Lektüre für jugendliche und erwachsene LeserInnen. Für Gemeindebüchereien sehr zu empfehlen.

Signatur: Jc | Jb
Schlagworte: Reformation | Martin Luther | Katharina von Bora
Bewertung: +++
Rez.: Karl Foitzik