Werte

Girst, Thomas: Alle Zeit der Welt. München: Hanser 2019. 200 S. ; 19 cm. ISBN 978-3-446-26187-7, geb.: 17,00 €

Über Zeit, Muße, Verfallsdaten und Ewigkeit.


Der Herausgeber und Autor Thomas Girst widmet sich in kurzen Essays den Problemen der Nachhaltigkeit, der Langsamkeit und der menschlich „gefühlten“ Zeit. Dabei beruft er sich nicht auf  altersdiktierte, vage  Befindlichkeiten oder Klagen über die moderne Hektik, sondern erzählt von vielen kleinen und großen Projekten „mit langem Atem“, vom langsamen Werden in der Natur, sowie von den Geschwindigkeiten und Weiten des Universums. Er beruft  sich dabei auf ausgedehnte Leseerfahrungen und eine breite Bildung, so dass er das Ungefähre, das  solchen Themen droht, meisterhaft umgeht. Ein großer bibliografischer Anhang enthält  die Weltliteratur ebenso wie Sachbücher zu den unterschiedlichsten Themen. Er  kann philosophische Fragen vertiefen und mit  Fakten unterlegen,  etwa dem tausendjährigen „Longplayer“,  dem  langfristigen Musikprojekt von John Cage in Halberstadt, oder dem altgriechischen Paradox, das einem fliegenden Pfeil unendlich viele Einheiten des Stillstandes nachweist.

Diese auf  Wissen und  Nachdenklichkeit beruhenden Essays sind gut verständlich und unterhaltsam geschrieben und daher jedem neugierigen Leser sehr zu empfehlen. 

Signatur:
Pa 3
Schlagworte: Zeit | Muße | Geduld
Bewertung: +++
Rez.: Barbara von Korff-Schmising

Bach, Tamara: Mausmeer. Hamburg: Carlsen 2018. 142 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-551-58380-2, geb.: 12,99 €

Das Haus, das nach dem Tod des Großvaters leer steht, wird zum Begegnungsort der Geschwister.

Annika ist die strebsame, erfolgreiche, wohl erzogene Tochter und Ben der unerzogene Bruder, dem alles misslingt. Als sie auf ihn aufpassen soll, damit seine Party zum 18. Geburtstag nicht ausufert, landen beide Geschwister am anderen Ende von Welt und Zeit: im Haus des toten Großvaters, in dem sie schöne Kindertage verbrachten. Ben hat sie dahin entführt und sie ließ es unter Drogen und Alkohol stehend nur zu gern zu. Endlich schlafen! Genauso wie Annika statt liebe Tochter einmal Pippi sein will, genauso will Ben die Mauer zu ihr durchbrechen und endlich Bruder sein statt Schandfleck und Scheiterer.
So weit so wenig überraschend. Bemerkenswert am Buch ist die Sprache der Erzählung, das Reduzierte und trotzdem Poetische, das behutsame Nachzeichnen innerer Dialoge und Bewegungen, die zum Ziel hin und wieder davon weg führen, ohne dass das Gegenüber es merken würde. Das alles wiederum im Sound eines Jugendbuches. Das macht das kleine Buch zu einem großen Leseabenteuer.

Konfirmationsunterricht, Jugendarbeit, Gottesdienst für Jugendliche, Lesenacht für jugendliche Leser und Leserinnen.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Mensch | Würde | Werte | Mut
Bewertung: +++
Rez.: Christiane Thiel

Chlodwig. Will Gemhling. Ill. von Jens Rassmus. Wuppertal: Hammer 2018. 43 S. : überw. Ill. ; 23 cm. ISBN 978-3-7795-0600-3, geb.: 14,00 €

Zwei ganz unterschiedliche Familien treffen aufeinander.

Bert lebt mit Mama, Papa und drei Geschwistern in einem Hochhaus. Mama ist Putzfrau und Papa arbeitet in einer großen Kantine. In der Wohnung herrscht das reinste Chaos, mit der Schule stehen die Kinder auf dem Kriegsfuß, aber Papa kann gut mit den Lehrern, denn er ist groß und stark und hat ein Tattoo auf dem Unterarm. Am liebsten sitzt die ganze Familie zusammen im Bett und liest Geschichten.
Dann kommt Chlodwig in Berts Klasse. Sein Papa ist Zahnarzt, die Mama Architektin. Er wohnt in einem Haus mit Garten, ist gut in der Schule und hat immer tolle Pausenbrote dabei (die kriegen Berts Eltern nicht so oft vorbereitet). Und immer öfter steht Chlodwig vor Berts Tür: Lernt mit der Schwester, liest mit dem Bruder Weltraumbücher und fühlt sich pudelwohl.
Eine Geschichte, die immer wieder mit Vorurteilen bricht und dabei nicht ins Moralisierende abgleitet. Die zeigt: Auch Eltern, die nicht alle Erwartungen, die an sie gestellt werden, erfüllen, können liebevolle Eltern sein. Sie können ihren Kindern vielleicht nicht alles bieten, was man für ein (beruflich) erfolgreiches Leben braucht, aber: Wie definiert sich denn eigentlich ein „erfolgreiches“ Leben?

Sehr empfohlen! Auch für Erwachsene.

Signatur: Ju 1
Schlagworte: Soziale Unterschiede | Werte | Familie
Bewertung: +++
Rez.: Wiebke Mandalka

Ramos, Mario: König sein.  Dt. von Alexander Potyka. Wien: Picus 2017. O. Pag. : überw. Ill. ; 29 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-85452-199-0, geb.: 16,00 €

Der ewige Kreislauf des Machtmissbrauchs.

Ein kleiner Löwe, der dank großer Versprechungen zum König wird. Und dann zum brutalen Diktator. Warum? Ist einfach so. Der Diktator führt Kriege, um seine Untertanen von ihrem Ärger über ihn abzulenken. Währenddessen brütet eine Vogelmutter ihr Kleines aus. Sie liebt ihr Kind so sehr, dass sie vergisst ihm die Flügel zu brechen, wie vom König befohlen. Es kommt wie es kommen muss: Der Kleine fragt „Warum?“, wird zum Widerstandskämpfer und stürzt den Diktator. Und dann noch alle anderen, die von ihm mittels Aufsetzen der Krone inthronisiert werden, aber nicht seinen Vorstellungen von gutem Regieren entsprechen. Schließlich versenkt er die Krone im Meer und fliegt davon. Im Meer wird ein kleiner Fisch dank großer Versprechungen zum König…
Ramos deutet die Gesetzmäßigkeiten einer Alleinherrschaft eher an, als dass er sie erklärt. Er wirft viele Fragen auf: Warum wird der König so böse? Warum so brutal? Was legitimiert einen Herrscher? Auch die Illustrationen bieten nur wenig Hinweise. Insofern ist das Buch eine herausfordernde Einladung, über Themen wie Freiheit, Zivilcourage und Macht zu sprechen, zu überlegen, wie es nach dem Verschwinden der Krone weitergegangen sein mag in der Tierwelt.

Einsetzbar in Schule und Kirchengemeinde. Ab 6 Jahren.

Signatur: Jm 1
Schlagworte: Machtmissbrauch | Werte | Zivilcourage
Bewertung: +++
Rez.: Wiebke Mandalka

Die Klappe aufmachen. Von Menschen, die sich einmischen. Hg. von Carolin Eichenlaub u. Beatrice Wallis. Weinheim: Beltz & Gelberg 2017. 190 S. : Ill. ; 21 cm. ISBN 978-3-407-82327-4, geb.: 16,95 €

Demokratie lebt von Auseinandersetzung, von Gespräch und Streit. 18 Beispiele, die Mut machen, Demokratie zu wagen.

Die Überzeugung, dass Demokratie nur leben kann, wenn Menschen unterschiedlicher Meinung das Gespräch miteinander suchen und dabei auch bereit sind, die eigene Position infrage zu stellen, vereint die AutorInnen dieses Sammelbandes. In 18 Texten und Interviews, teilweise bereits in Blogs oder Zeitschriften erstveröffentlicht, erzählen sie, wie es ihnen gelungen ist, in schwierigen Situationen nicht den Mund zu halten, sondern die Auseinandersetzung zu wagen. Friederike z. B.  wird in Russland mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert, eine Schulklasse setzt sich für Mitschüler ein, die von einer Abschiebung bedroht sind, Tobias berichtet von seinem Coming-Out. Andere Beiträge stellen sehr anschaulich Grundlagen der Kommunikationswissenschaft dar. Eine durchaus anspruchsvolle, vor allem aber Mut machende Lektüre, die der Verlag durch die schöne Gestaltung des Bandes sehr erleichtert.

Angesichts zunehmender Demagogie ein wichtiges Buch für ältere Jugendliche und Erwachsene, die sich um die Zukunft unserer Demokratie Gedanken machen. 

Signatur: Js
Schlagworte: Demokratie | Kommunikation | Engagement
Bewertung: +++
Rez.: Erhard Reschke-Rank

Wolk, Lauren: Das Jahr, in dem ich lügen lernte. Dt. von Birgitt Kollmann. München: Hanser 2017. 269 S. ; 22 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-446-25494-7, geb.: 16,00 €

Das idyllische Leben der 11jährigen Annabelle wird bedroht durch die zunehmenden Bosheiten der neuen Mitschülerin Betty.

Eine neue Mitschülerin macht die Ich-Erzählerin Annabelle zur Zielscheibe ihrer Angriffe. Sie stellt ihr und ihrem jüngeren Brüdern nach, bedroht und erpresst sie. Um niemand anderen hineinzuziehen, versucht Annabelle zunächst, allein mit der Situation klarzukommen. Der im Wald hausende Kriegsveteran Toby beobachtet alles und stellt sich Betty in den Weg.
Was wie eine „normale“ Mobbing-Geschichte beginnt, bekommt bald eine andere Dimension, als schwerwiegendere Dinge ins Spiel kommen: Vorurteile und Verleumdungen führen zu Verdächtigungen und Verfolgung. Annabelle muss Position beziehen. Wann ist es richtig zu schweigen, wann zu lügen, und wann muss man für die Wahrheit in Wort und Tat eintreten?
Dass die Geschichte mit tragischen Auswirkungen in den USA im Jahre 1943 spielt, erzeugt eine gewisse Distanz zur Erfahrungswelt der Leser. Gleichzeitig öffnet dies jedoch den Blick auf die Strukturen, die durchaus auf die heutige Zeit übertragbar sind.

Der atmosphärisch dicht erzählte Jugendroman (ab 12 J.) beleuchtet die Grauzone zwischen Hilflosigkeit und Zivilcourage, Verdächtigung, Vertrauen und Verrat.

Signatur: Ju 3
Schlagworte: Mobbing | Zivilcourage | Außenseiter
Bewertung: +++
Rez.: Birgit Schönfeld

Liebers, Andrea: Finn macht es anders. Ill. von Susanne Göhlich. Wuppertal: Hammer 2017. 26 S. : Ill. ; 25 cm. ISBN 978-3-7795-0582-2, geb.: 9,90 €

Eine Geschichte zum Thema Mobbing mit Happy-End.

Der tägliche Gang zur Schule fällt Finn unsagbar schwer, denn Paul, Sven und Max lassen keine Gelegenheit aus, um ihren Mitschüler zu kränken. Obwohl alle aus der Klasse von diesen Gemeinheiten wissen, verteidigt und hilft ihm niemand. 
Eines Tages erhält Finn jedoch seine Chance, sich selbst aus dieser Situation zu befreien. Als ein Mann gefolgt von einer Polizistin und einem Polizisten den Klassenraum betritt und die Drei beschuldigt, sein Auto zerkratzt zu haben, halten alle den Atem an. Die sonst so selbstbewussten Jungs sind auf einmal sehr kleinlaut. Dies ist Finns großer Moment. Anstatt sich über die Zwangslage seiner Widersacher zu freuen, steht er ihnen als einziger bei.
Die kurzweilig erzählte Geschichte um einen Jungen, der eine ungewöhnliche Entscheidung trifft, hat eine schöne, moralische Botschaft. Dazu passen die zurückhaltend gemalten bunten Zeichnungen von Susanne Göhlich überaus gut. 

Dank der Ich-Perspektive dürften sich Grundschüler sehr gut in Finns Lage hineinversetzen können. Dank einfacher, kurzer Sätze empfehlenswert auch für den Einsatz in Schulen ab 6 Jahren.

Signatur: Ju 1
Schlagworte: Mobbing | Schule | Mut | Hoffnung
Bewertung: +++
Rez.: Juliane Deinert

Nymphius, Jutta: Hotel Wunderbar. Ill. von Stephan Pricken. München: Tulipan 2016. 129 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-86429-252-1, geb.: 13,00 €

Dem 10-jährigen Mika steht ein einsames Weihnachtsfest bevor. Er lädt den obdachlosen Teddy ein und die Welt wird wärmer.

„Gastfreundschaft ist das Wichtigste auf der Welt!“ Die Überzeugung seiner verstorbenen marokkanischen Mutter klingt dem 10-jährigen Mika noch immer im Ohr, besonders an Weihnachten. Der Vater, ein vielbeschäftigter Hotelier, vergräbt sich im Büro und bekommt nicht mit, wie sein Sohn eine besondere Bekanntschaft macht. Mika lernt den obdachlosen Teddy und dessen nicht ganz stubenreinen Welpen Silvester kennen. Weil es draußen bitter kalt ist, lädt der Junge die beiden ein, heimlich in einem der unbewohnten Hotelzimmer zu übernachten und am nächsten Morgen zu verschwinden, bevor das Personal kommt. Zunächst geht alles gut, bis Teddy seine Freunde mitbringt, die ebenfalls kein Zuhause haben: da droht die Sache aufzufliegen. Dieses zauberhafte Alltagsmärchen ist ein kleines Juwel! Werte wie Gastfreundschaft und (Nächsten-)Liebe bilden sein Herzstück und beeindrucken den Leser. Ein perfektes (Vor-)Lese-vergnügen, das abgerundet wird durch feine schwarz-weiß Illustrationen und ein nettes Nachwort!

Dieses herausragende Kinderbuch für Leser ab 8 Jahren sollte in jeder Bibliothek vorhanden sein.

Signatur: Ju 2
Schlagworte: Gastfreundschaft | Weihnachten | Nächstenliebe | Werte
Bewertung: +++
Rez.: Martina Mattes