Ein Büchereiregal mit einem Schild "Türöffner"

Demokratie braucht erreichbare Orte – die evangelische Bücherei ist mittendrin

Demokratie entsteht nicht erst im Wahllokal und nicht allein in politischen Debatten. Sie braucht Orte, an denen Menschen Zugang zu Wissen haben, sich begegnen und miteinander ins Gespräch kommen können – ohne dass sie etwas kaufen oder eine bestimmte Meinung mitbringen müssen.

Weniger Orte für Begegnung

Doch solche Orte werden weniger. Zwischen 2015 und 2023 ist die Zahl der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland um rund 17 Prozent zurückgegangen – fast jeder fünfte Standort wurde geschlossen. Gerade auf dem Land dünnt sich die Infrastruktur des Zusammenlebens aus: Vereine verlieren Mitglieder und Räume, Dorfgemeinschaftshäuser verschwinden, kirchliche Strukturen verändern sich durch Fusionen und Zusammenlegungen. Damit gehen nicht nur Angebote verloren. Es werden auch weniger Orte, an denen Menschen einander selbstverständlich begegnen können.

Evangelische Büchereien vor Ort

Genau hier sind die knapp 700 evangelischen öffentlichen Büchereien von Bedeutung. Sie verbinden Literatur, Bildung und Begegnung direkt vor Ort – verlässlich, kostenlos und nah am Alltag der Menschen.
Ein Bilderbuchkino, ein Gesprächscafé am Markttag, eine Lesenacht für Kinder, ein Bienenabend mit der örtlichen Imkerin, ein Literaturgottesdienst, ein Stricktreff, eine „Bibliothek der Dinge" oder eine Comictauschbörse: Die Formate sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie besuchen. Sie schaffen kostenfreie Anlässe, gemeinsam etwas zu erleben, neue Geschichten kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Solche Angebote sind keine spektakulären Großveranstaltungen. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie niedrigschwellig sind und direkt vor Ort stattfinden.

Niedrigschwellig heißt: Zugang ermöglichen

Nicht jede Veranstaltung bringt automatisch Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Lebenssituationen oder Herkunft zusammen. Aber die Bücherei schafft Möglichkeiten dafür: Sie macht Bücher und andere Medien zugänglich, lädt Menschen ein, eröffnet Gesprächsanlässe und ist im Alltag vieler Gemeinden auch ein Ort, an dem seelsorgliche Gespräche entstehen. Darüber hinaus kann sie Verbindungen zur Gemeinde, zu Kitas, Schulen, Vereinen, Initiativen und anderen Einrichtungen vor Ort herstellen.
Gerade in ländlichen Räumen gewinnt diese Niedrigschwelligkeit an Bedeutung. Die Bücherei ist ein Ort, dessen Nutzung nicht vom Einkommen abhängt und der unterschiedliche Zugänge ermöglicht: beim Stöbern, im Gespräch oder einfach durch die Begegnung vor Ort. Wo andere Orte des öffentlichen Lebens weniger werden, ist auch das eine Form lokaler Infrastruktur.

Demokratie lernen im Alltag der Bücherei

Was heißt das konkret? Ein Beispiel aus der Praxis: In einer evangelischen Kinderbücherei wurden Kinderrechte anhand von Bildkarten erläutert – darunter Art. 17 der UN-Kinderrechtskonvention: „Recht auf Informationsbeschaffung und eigene Meinung". Die Kinder überlegten, was die Bücherei mit ihren Rechten zu tun haben könnte.

Ein weiterer Gesprächsfaden führte zu Art. 29: „Bildung soll helfen, in Frieden zu leben, die Umwelt zu schützen, andere Menschen zu respektieren." Daraus ergab sich fast von selbst das Thema „Streiten will gelernt sein" – denn immer einer Meinung ist man auch im Frieden nicht.
Die Kinder tauschten sich darüber aus, wie sie Streit empfinden, wie sie streiten und wie sie sich dabei fühlen. Auf die Frage: „Was ist das Schönste am Streiten?" sagten alle Kinder: „Sich vertragen!" Deutlich wurde aber auch der Wunsch, beim Streiten gehört zu werden und die eigene Meinung akzeptiert zu wissen. Die Kinder hörten sich aufmerksam zu, und so manche:r wurde nachdenklich, weil es doch sehr unterschiedliche Arten zu streiten gibt. Im Anschluss wurde eine Geschichte zum Thema „Streit" vorgelesen und besprochen.

Genau solche Momente zeigen: Demokratie beginnt im Kleinen. Sie zeigt sich darin, dass Kinder erfahren: Meine Meinung zählt. Ich werde gehört. Unterschiedliche Sichtweisen dürfen nebeneinanderstehen. Und am Ende steht die Hoffnung: Wir können uns wieder vertragen. Büchereien sind damit weit mehr als Orte, an denen man Bücher ausleihen kann – sie sind Übungsorte für das, was eine demokratische Kultur ausmacht.

Türöffner

Die Jahresinitiative 2025/26 bringt diese Haltung mit dem Motto „Türöffner – Evangelische Büchereien für Vielfalt, Toleranz und Gemeinschaft" auf den Punkt. Die beteiligten Büchereien haben sich gefragt: Wen erreichen wir noch nicht, wem können wir unsere Türen noch öffnen? Welche Türen zu anderen wollen wir selbst öffnen? Daraus entsteht kein fertiges Rezept für Demokratiebildung. Aber eine Haltung: offen zu sein für neue Menschen und Themen, Unterschiede auszuhalten, Kooperationen zu suchen und Menschen Beteiligung zu ermöglichen. Und genau darin liegt ein konkreter Beitrag zu einer offenen und demokratischen Kultur vor Ort.

Ehrenamt – Nähe zum Ort

Getragen wird diese Arbeit in vielen evangelischen Büchereien überwiegend von Ehrenamtlichen. Weil die Mitarbeitenden selbst in der Gemeinde und ihrem Umfeld verwurzelt sind, wissen sie, welche Themen die Menschen vor Ort beschäftigen, welche Angebote gebraucht werden und mit welchen Partnern sich Kooperationen anbieten. Sie wählen Medien aus, halten die Öffnungszeiten, organisieren Veranstaltungen, kennen die Menschen vor Ort und entwickeln Kooperationen. So entsteht eine Bücherei, die nicht nur Bücher bereitstellt, sondern auf die konkrete Gemeinde und ihre Menschen reagiert.

Fachliche Unterstützung und Vernetzung

Unterstützt wird die Arbeit der Büchereien durch das Evangelische Literaturportal e.V. und die vier Büchereifachstellen der Landeskirchen Hannover, Kurhessen-Waldeck, Westfalen und Württemberg. Sie begleiten die Büchereien mit fachlicher Kompetenz, Literaturvermittlung, Fortbildung, Medienempfehlungen und Angeboten zur Vernetzung. Gerade für ehrenamtliche Teams ist diese Verbindung wichtig: Sie müssen die Arbeit vor Ort nicht allein entwickeln, sondern können auf Wissen, Materialien und Erfahrungen eines bundesweiten Netzwerks zurückgreifen. So wird aus vielen kleinen Büchereien eine gemeinsame kirchliche Infrastruktur für Lesekultur und kulturelle Teilhabe.

Demokratie beginnt im Kleinen

Auch im Blick auf die Agenda 2030 wird sichtbar, was hier geleistet wird: Leseförderung und lebenslanges Lernen, Zugang zu Kultur und Information, soziale Teilhabe und lebendige lokale Gemeinschaften. Aber vielleicht braucht es dafür gar nicht zuerst große Begriffe. Manchmal beginnt Teilhabe mit etwas sehr Konkretem: einer Tür, die offen ist; einem Buch, das kostenlos ausgeliehen werden kann; einer Veranstaltung, bei der jede:r willkommen ist; einem Kind, das erfährt: Deine Meinung zählt.

Offene Türen brauchen Unterstützung

Die evangelischen Büchereien können die Herausforderungen der Demokratie nicht allein lösen. Aber sie sind Teil ihrer Antwort: Sie verfügen über Räume, engagierte Menschen, gewachsene Beziehungen und Erfahrung darin, Literatur und Begegnung niedrigschwellig zusammenzubringen.

Diese Infrastruktur lässt sich stärken – und sie ist es wert, gestärkt zu werden.

Denn wenn öffentliche, konsumfreie und niedrigschwellige Orte weniger werden, kommt es darauf an, die vorhandenen Orte nicht als selbstverständlich zu betrachten. Wer evangelische Büchereiarbeit unterstützt, investiert in weit mehr als Leseförderung. Er stärkt lokale Möglichkeiten für Bildung, Begegnung und Teilhabe – und damit Orte, an denen Menschen Zugang zu Wissen und Kultur haben, miteinander ins Gespräch kommen und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen können.

Einladung: Digitales Netzwerktreffen „Kultur & Kirche"

„Ist das schon Demokratiearbeit?“
Das Netzwerk „Kultur und Kirche" ist eine Initiative des Evangelischen Literaturportals e.V., des Kulturbüros der EKD und des Literaturhauses Sankt Jakobi Hildesheim. Es bietet Haupt- und Ehrenamtlichen, die Kultur in der Kirche gestalten, einen regelmäßigen Raum für Inspiration, Praxisaustausch und Vernetzung. Beim nächsten digitalen Treffen steht die demokratiefördernde Wirkung kirchlicher Kulturarbeit im Mittelpunkt: Was bewegen wir bereits? Wo können wir noch mehr anstoßen?

Wir laden alle ein, die haupt- oder ehrenamtlich Kultur in der Kirche gestalten – sei es in Büchereien, Kulturkirchen oder durch kreative Einzelprojekte in der Gemeinde.

Termin
Montag, 16. November 2026, 18:00–19:30 Uhr, digital

Direkt zur Anmeldung
 


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