Cover des Buches "Vaterlos"

Vaterlos

Thomas Medicus

Höllenfahrt der Trauer, bzw. Trauerarbeit eines Sohnes nach dem Suizid des Vaters in den 60ern des 20. Jahrhunderts.

Thomas Medicus nimmt Lesende in der Gestalt des Sohnes mit auf die Odyssee des Trauertraumas. Am Anfang steht das Trauma: Der Vater und seine Geliebte haben sich getötet. Das ist zunächst verbunden mit einem Gefühl der Taubheit und des Stumpfsinns. Die Familie zerfällt, das Leben wird zur Flucht vor dem Tod des Vaters und dem sozialen Tod. Im Kapitel „Agnoszieren“ (Wiedererkennen)  kommen neue Sichten auf das Leben des toten Vaters zutage, der mehr ist als ein Suizidant, eben ein Mensch, der nicht todessehnsüchtig ist, sondern normal. Nach dreißig Jahren traut sich der Sohn zu, die Polizeiakten einzusehen – das Verhältnis des Vaters und seiner Geliebten schlägt von Verurteilung in Verstehen um. Der Trennungsschmerz des Protagonisten bleibt, überformt und verwunden von Liebe. Und der Sohn entschließt sich, ein eigenes Leben zu führen. Medicus ist ein feiner, reflektierender Beobachter, der das eigentlich Unsagbare in behutsame, verwindende Sprache fassen kann. Die Bezeichnung „Tatsachenroman“ weckt falsche Erwartungen, er ist besser.


Wenn Trauer literarisch bearbeitbar ist, dann hat das Buch in der Hospizbewegung seinen Platz – ein Literaturgottesdienst ist wünschenswert – Wer das Undenkbare kennen lernen will, kann es sich erlesen. 

 

Bewertung: 3/3   

Rezension von:   Martin Schulz


Preisgeb.: 24,00 €
Erscheinungsjahr2026
VerlagRowohlt Berlin
OriginalspracheDeutsch
Übersetzer:in--
Seitenzahl213 Seiten
ISBN978-3-7371-0244-5
SignaturSL
SchlagworteSuizid / Trauer / Trost / Liebe