Mobbing: „Opfer gibt es sowieso schon zu viele“ (S. 198)
Der Bezug zum Buch
Weit mehr als nur eine Szene ist in dem Roman die Geschichte des Mobbingopfers Rouven, der wegen seines Schwulseins zum Opfer von Intrigen wird. Der Hass gegen Rouven geht schließlich so weit, dass seine Mitschüler während des Sportunterrichts seine Schuhe in der Umkleidekabine heimlich mit Müll und Urin zurichten. Rouven ist gewaltvoll zum Außenseiter geworden. Er resigniert. Er muss in einer Klinik behandelt werden und verlässt schließlich die Schule.
Theologische Hinweise
Anderen Menschen Leid zuzufügen, sie zu kränken, zu demütigen, zu mobben, ist ein trauriges Verhalten, das in diesem Roman und schon an vielen Stellen der Bibel geschildert wird:
Die unfruchtbare Hanna wird verspottet, weil sie keine Kinder hat: Sie wird gekränkt und gedemütigt, sie wird traurig und isst nichts mehr (1. Sam 1,1-7).
Über die sprichwörtliche verlassene Stadt wird berichtet: „Es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröstet. Alle sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.“ (Klagelieder 1,2)
Unsere Seele litt unter Spott und Verachtung (Psalm 123,4)
In Sprüche 6,16-19 werden sechs Dinge benannt, die Gott ein Gräuel sind: stolze Augen, falsche Zunge, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, ein Herz, das arge Ränke schmiedet, eilige Füße, die zum Bösen laufen, ein falscher Zeuge, der frech Lügen redet, und wer Streit zwischen Brüdern anrichtet.
Jesus selbst wurde vor seiner Kreuzigung „verspottet und misshandelt und angespuckt“ (Lk 18,32). Und Paulus benennt im Galaterbrief 5,20 die Taten, die dem Reich Gottes entgegenstehen: Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen.
Laut den Seligpreisungen sollen die getröstet werden, die Leid tragen; und diejenigen, die verfolgt werden (Mt 5,4.10). Jesus sagt: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen“ (Mt 5,11).
Didaktische Hinweise
Mobbingerfahrungen gehören zum Alltag vieler Schülerinnen und Schüler. Außerhalb des Unterrichts, im Privatleben und in der Freizeit, aber auch in der Schule und innerhalb des Unterrichts findet Mobbing statt. Nonverbales Mobbing (Tuscheln, Ignorieren) wie verbales Mobbing (Beleidigen, Hänseln), körperliches Mobbing (Schubsen, Treten) oder Cybermobbing (Gerüchte in Social Media verbreiten) – es gibt zahllose Formen der Demütigung und der Ausgrenzung.
Ein pädagogischer Grundauftrag der Schule besteht darin, solche Verhaltensweisen gar nicht erst aufkommen zu lassen bzw. sie beim Namen zu nennen und aufzuarbeiten. Ein gutes, mobbingfreies Miteinander zu ermöglichen, ist eine erzieherische Querschnittsaufgabe der Schule, zu der gerade der Religionsunterricht einen wertvollen Beitrag leisten kann, indem er den Leiderfahrungen der Schüler*innen Raum zur Aussprache bietet und aus der Fülle der skizzierten biblischen Schilderungen von Leid und Mobbing geeignete Möglichkeiten der Reflexion anbietet, negative Verhaltensweisen benennt und positive Verhaltensstrategien entwickelt.
Ethik: „Man braucht Leute, die auf einen aufpassen“ (S. 117)
Der Bezug zum Buch
Der Roman von Volker Surmann spielt im Ethik-Unterricht, in dem Leon Hertz ein Referat im Rahmen einer Unterrichtsreihe zum Thema Tod zu halten hat („In Ethik machen wir gerade Tod“ S. 15). Ethik ist zugleich ein Thema, das anlässlich der Geschichte vom Holzkreuz an der Kreuzung das ganze Buch durchzieht.
Im Angesicht des Schicksals wird die Notwendigkeit deutlich, dass wir Menschen zusammenstehen, einander helfen und aufeinander aufpassen: „den vielen Fallen“, die das Schicksal uns stellt, kann man zumindest teilweise „aus dem Weg gehen.“ (S. 117). „Man braucht Leute, die auf einen aufpassen“, sagt Rouven zu Leon. „Ohne die geht`s nicht.“ (S. 117)
Und in Bezug auf das Mobbing, das der schwule Freund Rouven erleidet, meint Leon in seinem Referat vor der Klasse: Angesichts des frühen und tragischen Unfalltods des Lukas an der Verkehrskreuzung habe ich gelernt, dass Älterwerden ein Scheißglück ist“: „Da brauchen wir uns nicht auch noch gegenseitig fertig zu machen.“ (S. 198)
Die Mitschülerin Edda greift diese ethische Botschaft auf: Sie nimmt Leons Hand und sagt: „Das ist Ethik… Hast du doch gehört: Ich soll mich um dich kümmern.“ (S. 201)
Theologische Hinweise
Mit der Frage „Was soll ich tun?“ erhebt Immanuel Kant die Frage nach dem moralischen Handeln zu einer der vier philosophischen Grundfragen überhaupt. Ethik ist die Frage nach dem richtigen Handeln des Menschen und nach dem richtigen Umgang der Menschen untereinander. Sie ist nicht nur der Hauptgegenstand der praktischen Philosophie, sondern auch in den Religionen eng mit der Frage nach Gott verbunden. Die Zehn Gebote des Alten Testaments, die Bergpredigt Jesu, viele Suren des Koran: In allen Religionen geht es um die Frage, wie ein individueller Mensch und wie Menschen insgesamt richtig handeln und miteinander umgehen sollen.
Didaktische Hinweise
Die Goldene Regel als Norm und Maßstab ist, mit einzelnen Varianten, in allen Kulturen und Religionen anzutreffen und kann dadurch gerade auch in der zunehmend pluralen Schule und ihren Fächern wie Religion oder Praktische Philosophie lebensnah erschlossen werden. Auch das beispielhafte Verhalten des barmherzigen Samariters oder christliche Grundgebote wie das Gebot der Nächstenliebe gehören zum Curriculum des Religionsunterrichts und können in Anknüpfung an die Handlungen und Aussagen im Buch „Leon Hertz“ anschaulich erschlossen werden.