Nachgefragt - Unsere Shortlist-Autor:innen

Wir haben den Autor:innen unserer Shortlist 2026 jeweils eine Frage zu ihrem Buch gestellt. 

Hier findet ihr die Kurzinterviews:

»Ich würde sofort eine Alle-die-ich-liebe-bleiben-gesund-und-am-Leben-Versicherung abschließen. Wenn ich die hätte, könnte ich getrost auf alle anderen Versicherungen verzichten.«

“Annett wäre ohne diesen elektrisierenden Moment erst einmal nicht ganz so mutig gewesen, Nähe und Vertrauen zuzulassen – und damit auch Verletzbarkeit.”

“Nun, ich denke, wir haben einfach gedacht: Drittes Buch? Es ist an der Zeit, dass wir ein bisschen zaubern. Und wie sollte man besser zaubern als mit gleich zwei Kaninchen, die man aus dem Hut zieht? Spaß beiseite: Es gibt im Roman Verweise auf „Alice im Wunderland“. Da ist dieses weiße Kaninchen und es taucht auf und bringt die Dinge ins Rollen, auch ins Wanken, muss man sagen. Und das passiert auch mit Philipp im Roman. Er wird in eine Geschichte hineingezogen, die er lange erfolgreich aus seinem Leben ausgesperrt hat. Dass es zwei Kaninchen sind - darauf darf sich jeder lesende Mensch einen eigenen Reim machen. Man sieht: Die beiden Tiere kämpfen miteinander, man könnte sagen: sie messen ihre Kräfte. Mich als lesender Mensch erinnert das schon sehr an eine Vater-Sohn-Beziehung. Aber da gibt es sicher noch andere Interpretationen. Das ist das Tolle dem Cover: Es lässt Raum für Fantasie.”

„Es gibt psychische Erkrankungen, die man meist selbst bemerkt, etwa Depressionen oder Angststörungen. Man spricht hier von Ich-Dystonie: Die Symptome werden als fremd, störend, nicht zum eigenen Wesen gehörig erlebt. Manchmal gibt es da diese Erkenntnis: Etwas ist verrutscht, etwas ist verrückt. Daneben gibt es psychische Phänomene, die man selbst kaum erkennt, sondern eher das Umfeld, etwa Psychosen oder manchen Persönlichkeitsstörungen. Das nennt sich Ich-Syntonie. Doch wer legt fest, wo Normalität endet und Pathologie beginnt? Oft geschieht das über pragmatische, aber etwas willkürliche Schwellenwerte. Zwei Kriterien gelten als unauffällig, ein drittes ergibt eine Diagnose. Deshalb spricht man heute zunehmend von Spektren statt dichotomen Schubladen, denn Normalität und Wahnsinn sind keine Gegensätze. Und wer Normalität eindeutig definieren will, treibt sich damit selbst in den Wahnsinn. Oder um einen Satz von Isaac Newton etwas aus dem Kontext zu reißen: I can calculate the movement of stars, but not the madness of people.” 

Wie ist die Figur der Hanna Krause entstanden? 
Die Figur begleitet mich schon lange und nach wie vor. Sie ist mit der Zeit gewachsen und wurde von vielen Menschen gespeist. Ich wusste schon in den späten 1980er Jahren, dass ich über sie schreiben möchte. Da hatte sie noch keinen Namen. Im Roman Moskauer Eis (2000) verbarg sie sich im Hintergrund als Mutter von Barbara Kobe und Großmutter von Annja.

Gab es ein Vorbild? 
Die Figur ist aus vielen Frauen dieser Generation gewachsen. In den 1990er Jahren habe ich Interviews mit Frauen aus Prenzlauer Berg in Berlin gemacht. Die hatten alle diesen Pragmatismus, den auch Hanna hat. 1998 habe ich ein Buch mit den Geschichten dieser Frauen herausgebracht: »Jeder hat sein Stück Berlin gekriegt«, bei Rowohlt Taschenbuch. Lange vergriffen. Ein wenig steckt auch meine Großmutter mütterlicherseits darin.

Und warum haben Sie Magdeburg als Ort der Handlung gewählt? 
Magdeburg ist eine Stadt, an der die Literatur immer leise vorübergeht. Anders als Berlin, Hamburg oder Dresden. Dabei hat sie viele unerzählte Geschichten. Mich hat das Unliterarische herausgefordert, schon als Jugendliche. Denn ich bin in der Stadt aufgewachsen.

"Die Handlung des Romans befreit Grischa von der falschen Vorstellung, dass er ein angepasster Parteiaktivist ist. Er findet heraus, dass er ein Menschen und Filme liebender Freigeist ist.
Dieses Geschenk begleitet ihn auch heute noch als Inhaber einer Pension am Mekong, die er mit seiner Familie betreibt."

"Dass verlassene Orte eine seltsame Anziehungskraft ausüben, dass sie, als umgekehrte Idyllen, unglaublich fotogen sind, steht außer Frage. Aber auch, wenn wir uns an der Verschlungenheit verfallender Artefakte mit einer vorrückenden Natur oft gar nicht sattsehen können, sind 'Lost Places', denke ich, noch aus einem anderen Grund so ergreifend: Es ist ihre Doppeldeutigkeit. Wir spüren, dass, was einst 'aufgegeben' wurde, uns nunmehr 'aufgegeben' ist – wie ein Rätsel. Wir suchen Hinweise: Was ist gewesen? Was wird werden? Durch bemooste, brombeerumrankte, insektenbesiedelte Mauern alter Lungensanatorien, stillgelegter Bahnhöfe, aufgelassener Fabriken hindurch sehen wir, janusköpfig, zugleich in Vergangenheit und Zukunft hinein. Fortschreitender baulicher Verfall bei gleichzeitig wild wuchernder Botanik – das ist eine strikt kontrapunktische Komposition, die uns auf etwas hinführen will. Wir müssen es nur finden, irgendwo auf dem Gelände – oder in uns selbst.

Dieses Gefühl hatte ich, als ich vor einigen Jahren zufällig auf das außer Betrieb genommene Areal einer Jugendhochschule inmitten brandenburgischer Wälder stieß. Während ich dort umherstreifte, lange auf den Stufen saß und durch halbblinde Fenster sah, schlichen sich Jon und Benno in meinen Kopf, die einander hier, und zwar am tiefsten Punkt ihrer inneren und äußeren Verlassenheit begegnen würden – jedoch ... (weiteres in Sunny).

Anders war es für mich letztes Jahr in Prazuchy. Dort, in Polen, nahe der Stadt Kalisz, gibt es eine alte lutherische Kirche, von der ich nichts wusste, bis ich die Konfirmationsurkunde meiner Großmutter väterlicherseits fand, ausgestellt in der Kirche zu Prazuchy, am 12. April 1908. Dorthin zog es mich. Also reisten wir durch weite Ebenen und wogende Mohnfelder in das das kleine Dorf mit der großen Kirche. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen, diese Kirche vollkommen verlassen vorzufinden, baufällig geworden, abgeriegelt und weiträumig eingezäunt. Die Dachstühle eingebrochen, auf ihren morschen Balken Bäume, die von dort aus geradewegs in den Himmel wachsen.

Lange umrundeten wir die Kirche, liefen hinaus in Wiesen und Felder, kehrten zurück. Ich spähte durch die Zäune und Hecken und versuchte, mir das Kirchenschiff vorzustellen, wie es wohl aussah, als meine Großmutter, die lange vor meiner Geburt gestorben ist, dort konfirmiert wurde. Hatte sie einen Lieblingschoral? Eine beste Freundin, die neben ihr stand? Ein neues oder neu gewendetes Kleid? Es fiel mir nicht leicht, von den inneren undäußeren Erkundungen zu lassen. Gerade als wir wieder ins Auto stiegen, eilte ein alter Mann auf uns zu, ergriff mit großer Herzlichkeit unsere Hände und, lächelnd und weinend und gestikulierend erzählte er, immer wieder auf die Kirche deutend, eine lange polnische Geschichte, von der die wir einerseits keine Silbe verstanden und andererseits jedes Wort.

Beredtheit ist in sich polyglott– Seitdem rumort es in mir, hin und wieder, unterschwellig, vage. Soll ich einen Stift in die Hand nehmen? Einen Zug buchen? Archive besuchen? Geduld, sage ich mir. Und Gelassenheit. Denn ist nicht genau dies die Botschaft jener Orte off the map: dass Zeit ein weiter Raum ist, ein sehr weiter, noch dazu vollkommen eigengesetzlicher Raum – und keine Agenda."

“Ich glaube, Humor hilft. Leon hat zu vielem eine leicht spöttische Distanz - auch zu sich selbst. Er versucht, sich nicht zu ernst zu nehmen. Und das hilft oft. Auch wenn es nicht immer leichtfällt.”

“Die Treppe aus Papier verbindet und bewahrt. Sie ist anfällig für die Elemente, aber unter dem richtigen Einsatz der Faltkunst erstaunlich widerstandsfähig. Sie ist Begegnungsraum und Zeuge, Schauplatz und Schwelle. Man kann sie in jede Richtung der Zeit erkunden und sich wundern, wem man dabei über den Weg läuft. Egal, wohin man steigt - das Vergangene ist nicht vergangen, sondern nur einige Stufen entfernt.”

“Bild und Text sind bei „Fünf Fremde in Dusty Hill“ stark verwoben. Die Wir-Erzählenden erzählen eine andere Geschichte, als wir auf den Bildern sehen. Oder anders gesagt: In diesem Spiel zwischen dem, was „wir“ erzählen und was „wir“ sehen oder nicht sehen, entsteht erst die Geschichte.

Dieser Gegensatz zwischen Bild und Text war bereits im Manuskript von Daniel Fehr angelegt. Dazu gehören auch Regieanweisungen, wie bei einem Filmskript. Damit die Dichotomie funktioniert, braucht es starke Bilder, welche die Stimmung in Dusty Hill zeigen. Hier kam Barbara Scholz ins Spiel. Sie hauchte dem Dorf Leben ein und machte Dusty Hill erst zu einem richtigen Ort, mit ganz unterschiedlichen Charakteren, den man sich wirklich vorstellen kann. Während dem Arbeitsprozess waren wir auch immer mal wieder über unsere Lektorin, Anna Janke, im Austausch.”

“In Frauenhäusern leben mehr Kinder als Frauen. Diese Tatsache hat mich, als ich in einem zufälligen Gespräch davon erfuhr, nicht mehr losgelassen. Dass Frauenhäuser Orte sind, an denen Kindheiten stattfinden, war mir nicht bewusst gewesen – das wollte ich mir genauer ansehen! Ich habe Kontakt zu unterschiedlichen Frauenhäusern aufgenommen und zunächst per Zoom und Telefon mit Sozialarbeiterinnen und Erzieherinnen gesprochen und erste Interviews geführt. Mit dem Frauenhaus in Schwedt an der Oder hat sich der Austausch bald intensiviert, sodass ich mit meiner Recherche vor Ort beginnen durfte – sofort tauchten die ersten Figuren in meinem Kopf auf. In Berlin habe ich schließlich eine junge Frau kennengelernt, ohne deren Offenheit und Vertrauen es meine Protagonistin nicht gäbe: Brigitte hat ihre Kindheitserinnerungen an ihre Aufenthalte im Schwedter Frauenhaus mit mir geteilt und mir mit ihrem Mut und ihrer Willensstärke entscheidende Impulse für meine Jagoda mitgegeben.”

“Wir wünschen uns, dass unser Buch ein Türöffner für all diese Menschen ist und einen Beitrag dazu leistet, dass wir mehr Empathie füreinander aufbringen. Dafür klären wir auf, bringen Fachwissen und die Perspektiven verschiedener junger Menschen ein. Auch die Illustration und Gestaltung spielen eine große Rolle, um einen Zugang für alle zu schaffen und lustvoll Wissen zu vermitteln.

Autistische Personen, Menschen mit Lese-Recht-Schreib-Störung und andere neurodivergente Personen machen in unserer Gesellschaft permanent die Erfahrung, sie seien nicht richtig. Und das macht, wie ein Jugendlicher mit ADHS das in unserem Buch treffend beschreibt: „sehr einsam“. 

Wie schädlich dieses Denken ist, es gäbe ein Normal und Richtig und demgegenüber ein Anders und Falsch, zeigt sich in vielen der Erfahrungen, die Jugendliche uns für dieses Buch beschrieben haben. An einer Stelle habe ich als Autorin den Spieß mal umgedreht und die Sprache, mit der über autistische Personen gesprochen wird, für nicht-autistische Personen genutzt. Das ist einerseits lustig zu lesen und zeigt gleichzeitig sehr deutlich die Brutalität der Abwertung von Anderssein auf. 

Ein Verständnis für das eigene Anderssein und das der Anderen zu entwickeln, ist ein Schritt zu mehr Selbstliebe und Verständnis für Andere. Unser Buch ist eine Einladung, sich auf den Weg zu machen und sich für eine inklusive Gesellschaft zu engagieren. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr über Be- und Abwertung definiert, sondern dafür einsetzt, alle mitzunehmen, und von unserer Diversität zu profitieren.”

"Der Impuls, die Lebensgeschichte meiner Urgroßmutter Anna vor dem Vergessen zu retten, ging von meiner Mutter aus, denn die eigenwillige Anna war eine inspirierende Figur gerade auch für die Frauen in meiner Familie - warum sollte sie es nicht auch für andere sein? Ausgehend von wenigen Erbstücken habe ich dann bei Verwandten, in zahllosen Archiven und durch Besuche von Annas Lebensstationen ihre Biografie rekonstruiert."

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