Was hilft gegen Ängste und stärkt fürs Leben? Resilienz!

Kennen Sie das Bilderbuch „Wird schon schiefgehen, Ente“

Ente und Maus wollen den Biber besuchen. Der hat einen neuen Damm gebaut. Doch kaum haben sie sich auf den Weg gemacht, schwant Ente Übles: Was, wenn das Wetter plötzlich umschlägt? Oder sie sich im dunklen Wald verirren? Maus begegnet den Ängsten von Ente mit Humor und Fürsorge. Sie hat vorsorglich Essen und Trinken dabei. Sie diskutiert nicht mit Ente, schimpft nicht, lacht nicht über sie und versucht nicht mal, sie zu überzeugen, dass sie falsch liegt. Stattdessen hat Maus stets Lösungen bereit und führt und begleitet die Freundin ganz souverän und sicher zu Biber.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Herausforderungen. Manche wie Ente, andere wie Maus. Menschen, die sich selbstbewusst und zuversichtlich an Herausforderungen herantrauen, bezeichnet die Wissenschaft als „resilient“.

Doch was ist eigentlich Resilienz und wo kommt der Begriff her?

Stellen Sie sich einen Ball vor, der in Zeitlupe auf den Boden fällt. Dabei geschieht Folgendes: in dem Moment, wo er den Boden berührt, dellt er sich dort nach innen ein. Weil er aber aus elastischem Material besteht und gut mit Luft gefüllt ist, dellt er sich gleich darauf auch wieder aus. So bekommt er die Energie für den Abprall und springt wieder vom Boden in die Luft zurück. Und genau darum geht es bei Resilienz: um die Abprallkraft. Der Begriff „Resilienz” leitet sich von dem englischen Wort resilience (= Spannkraft, Elastizität, Strapazierfähigkeit) ab und bezeichnet allgemein die Fähigkeit, erfolgreich mit Herausforderungen und Schwierigkeiten umzugehen.

Die Resilienzforschung fragt danach, welche Eigenschaften und Fähigkeiten jene Kinder auszeichnen, die sich trotz schwieriger Umstände (z. B. Armut, Krankheit oder traumatische Erfahrungen) positiv und psychisch gesund entwi­ckeln. Sie richtet ihren Blick vorrangig auf die Kompetenzen und Res­sourcen eines Kindes und nicht auf die Defizite und Schwächen. Das ermöglicht Vorsorge statt Nachsorge, indem diese Resilienz- oder Schutzfaktoren gestärkt und erweitert werden.  

Solche schützenden Faktoren sind u. a.:

  • Problemlösefähigkeiten
  • Hohe Selbstwirksamkeits- und realistische Kontrollüberzeugung
  • Positives Selbstkonzept und hohes Selbstwertgefühl
  • Soziale Kompetenzen (z. B. Empathie, Kontaktfähigkeit, Übernahme von Verantwortung)
  • Aktives und flexibles Bewältigungsverhalten (z. B. die Fähig­keit, soziale Unterstützung zu mobilisieren, Entspannungs­fähigkeiten)
  • Optimistische, zuversichtliche Lebenseinstellung.

Familien und Tageseinrichtungen für Kinder können zusätzlich Resilienz stärken, wenn sie für hilfreiche Lebens- und Bildungsvoraussetzungen sorgen. Dazu zählen:

  • Mindestens eine Bezugsperson, die Ver­trauen und Eigenständigkeit/Autonomie fördert
  • Ein offenes und wertschätzendes Erziehungsver­halten
  • Zusammenhalt und Stabilität 
  • Klare und verlässliche Regeln und Strukturen
  • Positive Peerkontakte und Freundschaftsbeziehungen
  • Erwachsene als positive Rollenmodelle  

Eltern tun ihrem Kind also langfristig keinen Gefallen, wenn sie ihm alle Steine aus dem Weg räumen und es vor schweren Themen (wie z. B. Tod und Sterben) bewahren wollen. Kinder können nur ein Bewusstsein von Eigenständigkeit bekommen, wenn sie sich ausprobieren dürfen – sei es beim Klettern oder beim Übernachten bei den Großeltern oder bei Freunden. Kinder erfahren sich als selbstwirksam, wenn sie ein Problem eigenständig anpacken und lösen können. Das heißt nicht, Kinder mit Problemen alleine zu lassen. Aber es bedeutet, ihnen Zuversicht und kreative Lösungsmöglichkeiten zuzutrauen, sie dabei zu begleiten und ggf. zu unterstützen – und manchmal auch, auszuhalten, dass das Zeit braucht und das Ergebnis vielleicht ein anderes ist, als zunächst erwartet. Wer einmal in die strahlenden Augen eines Kindes geschaut hat, das etwas ganz alleine geschafft hat, weiß, wie wichtig und wertvoll solche Erfahrungen sind.

Wenn Kinder mit solchen schützenden Faktoren Erfahrungen machen und diese bei sich selbst immer weiter entwickeln dürfen, stärkt das ihre Resilienz, verringert ihre Ängste und hilft ihnen, mit Herausforderungen gut umgehen zu können. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, denn zur Entwicklung von Resilienz gibt es kein Zeitfenster. Die Möglichkeit besteht ein Leben lang!

 

Welche Rolle spielt Religion dabei?
Noch ist der Zusammenhang von Resilienz und Religion wenig im Blick der Forschung. Doch der Resilienzforscher Otto Speck hat schon früh herausgefunden: „Es gehört zu den wichtigsten Forschungsbefunden…, dass das Erleben von Sinn und Sicherheit Halt und Schutz bietet.“  Wichtig sei vor allem der Glaube, dass sich die Dinge letztlich zum Guten wenden.  Sinndeutungen anbieten, Sicherheit vermitteln, Halt erleben lassen und Schutz zusagen - das sind elementare Aspekte von christlicher Religion. Der Glaube daran, dass jeder Mensch von Gott gewollt ist und bedingungslos geliebt wird, fördert das Selbstbewusstsein und prägt ein positives, zuversichtliches Weltbild. Das Vertrauen darauf, dass Gott in allen Lebenslagen da ist, bewahrt zwar nicht vor Krisen, kann aber durch sie hindurch tragen und Sinn stiften. (So erlebt es ja auch Ente mit Maus in dem eingangs erwähnten Bilderbuch.)

Die Bibel bietet zudem reichhaltige Erfahrungsberichte an, die Resilienz zum Inhalt haben und die im Vertrauen auf die Begleitung Gottes wurzeln. Denken Sie nur an die Josefsgeschichten: Immer wieder gerät Josef in verhängnisvolle Situationen, die er aus eigener Kraft zum Guten wenden kann. Oder denken Sie an die Geschichte von David und Goliath: Der jüngste von acht Brüdern zeigt Mut und Selbstvertrauen. Er tritt dem hünenhaften Krieger Goliath entgegen. Dieser fordert die Israeliten heraus und schmäht ihren Gott. David entledigt sich aller herkömmlicher Waffen und Schutzvorrichtungen und stellt sich dem Kampf mit eigenen Ressourcen – seiner Schleuder, fünf Kieselsteinen und eine große Portion Gottvertrauen. So hat er Erfolg und besiegt nicht nur Goliath, sondern ein ganzes feindliches Heer.

Wenn Kinder mit solchen Geschichten aufwachsen, stärkt das ihr Vertrauen in sich selbst, in ihre Um- und Mitwelt und in Gott.  Dazu braucht es Erwachsene, die sich Kindern und dem, was diese beschäftigt, aufmerksam zuwenden. Die sich Zeit nehmen, Geschichten zu erzählen und Bilderbücher anzuschauen. Die Kinder ermutigen, sich spielerisch mit den Geschichten auseinander zu setzen und so Resilienz immer wieder auszuprobieren und einzuüben. Es braucht authentische Menschen, die Kinder an ihren Lebensüberzeugungen und ihrem Glauben teilhaben lassen. Es braucht Erlebnis- und Erprobungsräume für Rituale, Gebete und spirituelle Feiern. Und es braucht viele wunderbare Bilderbücher (mit und ohne Gottesbezug), an denen sich Kinder orientieren können und damit ihre eigene Resilienz stärken – wie z. B. „Wird schon schiefgehen, Ente“.

Susanne Betz, Studienleiterin für Religiöse Bildung in Kindertageseinrichtungen, Religionspädagogisches Institut der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Das Zitat stammt aus: 

Otto Speck: Risiko und Resilienz – Pädagogische Reflexionen, S. 366. Aus: Günther Opp, Michael Fingerle, Andreas Freytag (Hg.): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. München 1999

Rituale in der Familie

Rituale in der Familie – sie können Strukturen und Ordnung schaffen, und so mit einem äußeren Rahmen Sicherheit vermitteln, die Kinder brauchen, um innere Freiheit zu erfahren und auszuprobieren.

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