Leseclubs in Ev. Öffentlichen Büchereien
Lesen ist ein herrliches, aber einsames Geschäft. Viele kennen deswegen das Gefühl, dass man mit allem, was man während des Lesens aufgenommen hat, etwas tun will oder sich zumindest austauschen möchte. Leseclubs sind dafür ein dankbares Forum. Unter fachkundiger Anleitung kann man noch einmal ganz in den Text, die Geschichte abtauchen, sich mitteilen und erfahren, was der Text bei anderen bewirkt hat und ja, auch darüber streiten und diskutieren. Denn schon Hans Magnus Enzensberger wusste: „Wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu zehn verschiedenen Lektüren.“
Vielleicht haben Sie auch schon selbst einmal mit dem Gedanken gespielt, einen Leseclub zu gründen und suchen nach Anregungen? In vielen Evangelisch öffentlichen Büchereien ist der Leseclub gelebtes Büchereileben und gehört Dank des großen Engagements Ehrenamtlicher seit Jahrzehnten dazu. Grund genug eine Leseclubleiterin im Interview zu Wort kommen zu lassen: Gudrun Göddertz von der Ev. Öffentlichen Bücherei Asseln. Gudrun Göddertz ist das Herz des „Asselner Buchgesprächs“.
Liebe Frau Göddertz,
wie sind Sie auf die Idee eines Leseclubs gekommen?
Das „Asselner Buchgespräch“ gibt es schon seit 2004. Es war eine Initiative zweier ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen, die die Idee von einer Fortbildung des Verbandes der Ev. öffentl. Büchereien mitbrachten. Zu Anfang war auch noch der Pfarrer bzw. die Pfarrerin dabei.
Ausschlaggebend war auch der oft vom Büchereiteam und den Leserinnen geäußerte Wunsch, sich über Gelesenes mit anderen auszutauschen.
Es gab in der Gemeinde viele Gruppen und Kreise mit festen Teilnehmern. Das wollten wir nicht. Es sollte kein Club mit festen Mitgliedern werden. Sondern ein offener Treff, zu dem man bei Interesse an der Lektüre kommt oder nicht. Man muss sich nicht anmelden oder absagen. Im Laufe der Zeit hat sich trotzdem ein fester Kern gebildet
Wie groß war ihr Leseclub und wie war er organisiert?
Es gibt etwa 20 Interessierte, von denen im Durchschnitt etwa 10-15 zu unserem „Asselner Buchgespräch“ kommen. Die Termine für das neue Jahr, gebe ich in der letzten Veranstaltung bekannt.
Alle haben also etwa 2 Monate Zeit das Buch zu lesen. Ich lese es in der Regel 2 x: einmal zum Vergnügen und zum zweiten Mal, um auf Themen für das Gespräch und die Dekoration zu achten.
Bei jeder Veranstaltung wird ein kleiner Imbiss, Wasser und Wein gereicht. Imbiss und Wein sollten möglichst auch einen Bezug zum Buch haben. Das klappt nicht immer, aber sehr oft.
Zu Beginn der Veranstaltung begrüße ich alle. Sage ein paar einleitende Sätze und wir stoßen mit Wein oder Wasser an. Mehr ist eigentlich nicht notwendig. Es entwickelt sich immer schnell ein reger Austausch. Sollte es mal eine Pause geben, habe ich mir vorher einige Fragen zurechtgelegt. Zum Schluss lese ich manchmal noch ein oder zwei Rezensionen vor. Dann beraten wir über den Titel für das nächste Treffen. Am Ausgang steht eine Spendendose, in die jeder freiwillig einen Obolus werfen kann. Das reicht bisher immer aus für die Bewirtungskosten.
Wie oft haben Sie sich getroffen und wo hat er stattgefunden?
Das „Asselner Buchgespräch“ findet 5 mal im Jahr, also etwa jeden zweiten Monat im Büchereiraum statt. Wir sitzen an sechs kleinen Bistrotischen im Kreis um eine zur jeweiligen Lektüre dekorierten Mitte. Pro Tisch stelle ich 2-3 Stühle auf. Bei Bedarf können schnell einige dazu oder weggestellt werden. Es ist ja immer spannend, wie viele tatsächlich kommen.
War der Leseclub in die Gemeindearbeit eingebunden?
Die Teilnehmerinnen gehören größten Teils zur Gemeinde, kommen aus den Frauengruppen oder sind Presbyterinnen. Aber es sind auch Teilnehmerinnen aus benachbarten Vororten und Kirchenferne dabei. In jedem Gemeindebrief erscheint eine Büchereiseite, auf der ich auch über das Buchgespräch berichte.
Wie haben Sie auf das Angebot aufmerksam gemacht bzw. wie haben Sie Mitglieder gefunden?
Zu Anfang haben wir in der lokalen Presse über unser Angebot informiert. In letzter Zeit nicht mehr, weil wir genug Zuspruch haben. Mehr als 12-15 Teilnehmer passen nicht in den Raum und eine angenehme Gesprächsatmosphäre ist bei mehr auch schwierig.
Die Termine stehen auf der Gemeinde-Homepage und in den Schaukästen. Ich erstelle zu jeder Veranstaltung ein Plakat (siehe Beispiel) , das auch als Handzettel in der Bücherei und verschiedenen Gemeinderäumen ausliegt. Am Sonntag vor der Veranstaltung wird der Termin auch im Gottesdienst abgekündigt. Unser Gemeindebrief erscheint neuerdings nur noch zweimal im Jahr, aber auch darin erscheinen die Termine und Berichte über die Veranstaltungen.
Nach welchen Kriterien erfolgte die Buchauswahl?
Der Titel für das nächste Treffen wird immer zum Ende des Buchgespräches in demokratischer Abstimmung festgelegt. Ich habe immer 2-3 Vorschläge, bei denen ich mich auf Empfehlungen aus meinem Freundeskreis, der Buchhandlung, aus Presse oder Radio verlasse. Auch der Buchberater und die Empfehlungen des Borromäusvereins sind hilfreich. Alle Teilnehmer des Buchgesprächs dürfen Wünsche äußern. Voraussetzung ist, dass der Titel als Taschenbuch lieferbar ist. Auf Wunsch besorge ich die Bücher auch bei der örtlichen Buchhandlung.
Welche Bücher haben Sie im Club als besonders ergiebig empfunden?
Das kann ich gar nicht auf Anhieb sagen. Es waren viele gute Bücher dabei, zum Beispiel „Die Erfindung des Lebens“ von Hanns Josef Ortheil, „Unterleuten“ von Juli Zeh, „Kindeswohl“ von Ian McEwan oder „Der Zopf“ von Laetitia Colombani, um nur einige zu nennen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten läuft, wenn es kontroverse Meinungen zu dem Buch gibt. Wenn alle sagen, das war ein schönes Buch, ist die Diskussion schnell zu Ende.
Was war Ihr schönster Moment im Leseclub?
Es gab viele schöne und berührende Momente. Oft werden persönliche Erfahrungen durch das Gelesene erinnert. Für mich ist es immer schön, wenn ich merke es hat den Teilnehmerinnen gefallen. Wir hatten einen schönen Abend mit anregenden Gesprächen und freuen uns auf den nächsten Termin.
Was ist ihr Fazit: Warum ist ein Leseclub lohnend?
Vor einiger Zeit habe ich die Leseliste an die Teilnehmer verteilt und gebeten die drei besten Titel anzukreuzen. Es gab keinen eindeutigen Sieger. Die Vorlieben sind so unterschiedlich, wie die Leserinnen. Und wenn zehn Leute das gleiche Buch lesen, liest jeder etwas anderes. Der Austausch über das Gelesene, das jeder mit seiner eigenen Lebenserfahrung bereichert, macht es lohnend. Es waren schon Bücher dabei, die mir zunächst überhaupt nicht gefallen haben. Aber nach dem Austausch mit anderen hat sich oft die Sicht darauf geändert und der Horizont erweitert.
Für Bücherei und Gemeinde ist das Buchgespräch ein Gewinn. Es werden neue Leser/innen gewonnen. Auch eher Kirchenferne werden von unserem Angebot angesprochen und eingeladen. Sie machen positive Erfahrungen mit der Kirchengemeinde.
Vielen Dank für das Gespräch!